Bruno Preisendörfer - Als die Musik in Deutschland spielte. Reise in die Bachzeit

Bruno Preisendörfer - Als die Musik in Deutschland spielte. Reise in die Bachzeit

Bruno Preisendörfer - Als die Musik in Deutschland spielte. Reise in die Bachzeit

Von Christoph Vratz

Eine Zeitreise in die Welt des Barock, in der Musik eine große Rolle spielte, ob in Adelshäusern, in der Kirche oder bei Dorffesten. Bach, Händel und Telemann waren die bedeutenden Komponisten.

Bruno Preisendörfer
Als die Musik in Deutschland spielte
Reise in die Bachzeit

Ungekürzte Lesung
Sprecher: Julian Mehne
Argon Verlag
2 MP3-CDs (14 Stunden, 46 Minuten)
ISBN 978-38398-1738-4

Als junger Mann fand der Schriftsteller Bruno Preisendörfer in einem Buchladen eine Schallplatten-Ausgabe der Partiten von Johannes Sebastian Bach. Das habe ihn umgehauen, gesteht er rückblickend. Preisendörfer war fasziniert von der Musik, von Bach, von der Epoche. Nun hat er ein Buch darüber geschrieben: „Als die Musik in Deutschland spielte“. Darin geht es um die Allgegenwart von Musik zur Barockzeit, ob zur Unterhaltung des Adels, zu jedem Gottesdienst oder bei den Dorffesten auf dem Land.

Bruno Preisendörfer - Als die Musik in Deutschland spielte

WDR 3 Mosaik 26.09.2019 05:39 Min. Verfügbar bis 25.09.2020 WDR 3

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Auf der Spurensuche einer eigenen Passion

"Darf man ein Buch über Bach schreiben, wenn man im Musikunterricht schlecht aufgepasst hat und kaum Noten lesen kann? Man darf nicht!"

Und man darf doch! Das zeigt nun der Schriftsteller Bruno Preisendörfer eindrucksvoll, der sich nach Büchern über die Sprache der Luther-Zeit, über das Reisen zur Goethe-Zeit und die Nachkriegs-Zeit der 1950er Jahre nun auf die Spurensuche einer eigenen Passion begibt: Preisendörfer erkundet die Zeit von Johann Sebastian Bach, dessen Musik er so sehr schätzt. Drei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten stehen für die Blüte der Barockzeit Georg Philipp Telemann, Georg Friedrich Händel und eben Bach

"Händel und Telemann haben einander Briefe geschrieben […]. Bach und Telemann waren befreundet, Telemann stellte sich als Taufpate von Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel zur Verfügung. Händel und Bach sind einander nie begegnet, trotz eines Versuchs vonseiten Bachs im Juni 1719, Händel in dessen Geburtsstadt Halle in Brandenburg zu treffen. Bach war zu diesem Zeitpunkt im sächsischen Köthen, Händel in der Weltstadt London berühmt. Und während Bach später in Leipzig Jahrgang um Jahrgang Kantaten schrubbte, wurde Handel (ohne Pünktchen, wie die Engländer sagten und schrieben) mit Kompositionen für repräsentative Feiern der englischen Monarchie beauftragt."

Ein großes Epochen-Panorama

Bruno Preisendörfer

Bruno Preisendörfer

Bruno Preisendörfer macht schon im Vorwort klar, dass er nicht einzelne Musikstücke analysieren möchte. Vielmehr entwickelt er ein großes Epochen-Panorama. Im Zentrum steht Johann Sebastian Bach.

Der aus der Nähe von Aschaffenburg stammende Preisendörfer zeigt die Barock-Zeit als ein zentrales Kapitel deutscher Kulturgeschichte. So haben Ornamente und Verzierungen – anders als später mehrfach behauptet wurde – durchaus ihren Sinn, eingebettet in eine strenge Vorstellung von Formen, ob bei der Gestaltung von Gärten oder musikalischen Fugen.

"Das Barock war schwülstig, aber auf mathematisch stringente Weise, seine Überladenheit folgte geometrischen Prinzipien."

Mit vielen kleinen Details

Preisendörfer entwirft ein groß angelegtes Epochen-Tableau mit vielen kleinen Details. Er orientiert sich am damaligen Lebensalltag und holt, wie mit einer Kamera, einzelne Situationen vor unser inneres Auge, etwa wenn er die praktischen Umstände beschreibt, die Bachs Komponier-Arbeit begleitet haben:

"Der wichtigste Bestandteil der von Bach verwendeten Tinte stammt von der Eichengallwespe. […] Wenigstens musste Bach seine Tinte vermutlich nicht selbst mischen, sondern hat sie, wie damals üblich, in der Apotheke gekauft. Die Notenlinien indessen hat er oder einer seiner Kopisten selbst gezogen. Das geschah in der Regel mithilfe einer Doppelrastale, eines gabelartigen Gebildes, das aus einem Haltegriff und zwei jeweils fünfblättrigen Aufsätzen mit speziell bearbeiteten Federn bestand. Auf diese Weise konnten gleichzeitig zwei Notenzeilen aus jeweils fünf Linien gezogen werden. Erst in den 1740er Jahren benutzte Bach gedrucktes Notenpapier."

Im Kaffeehaus

Die Bach-Zeit war eine von Musik geprägte Zeit. Ob bei der Huldigung großer Herrscher, bei „herumziehenden Bierfiedlern“ und Spielmännern oder bei den vielen Organisten und Hofmusikern, Instrumentenbauern, Tänzern und Sängern – Musik war ein wesentlicher Bestandteil des damaligen Lebens, wie Preisendörfer ebenso eindringlich wie anschaulich beschreibt – auch im Kaffeehaus:

"Beim Notenspielen in den Kaffeehäusern ging es risikoärmer zu als beim Börsenpoker, wenn auch nicht völlig reibungslos. Das Musizieren vor Publikum folgte geschäftlichen Interessen, obwohl die Zuhörer keinen Eintritt bezahlen mussten. Nur die gedruckten Programmhefte sollten sie kaufen, und natürlich Kaffee, Tabak, Wein, Gebäck konsumieren."

Bier, Wein und Most

Und wo es Kaffee gibt, ist auch Alkoholisches meist nicht weit, auch im Hause Bach:

"Johann Sebastian Bach trank Bier, liebte den Wein und schätzte den Most. […] Wein erhielt Bach eimerweise, wobei ein Eimer mit rund siebzig Litern zu bemessen ist. Anlässlich seiner Hochzeit mit Anna Magdalena im Dezember 1721 in Köthen ließ er vom dortigen Ratskeller mehr als vier Eimer Rheinwein liefern. Später erhielt er einen Teil seiner Honorare fürs Musizieren bei Hochzeiten in Wein. […] Bachs Besoldung wiederum erfolgte zum Teil aus der arnstädtischen Biersteuer. Später in Weimar stand ihm als Hoforganist tranksteuerfreies Bier aus dem Schlossbrauhaus zu, und auch nach mancher Orgelprüfung gab es Bier, wie Anfang der 1740er das gute Merseburger für ein Gutachten über die Reparatur der Orgel in der Naumburger Wenzelskirche."

Ohne Übertreibungen oder Pathos

Julian Mehne

Julian Mehne

Julian Mehne ist häufig auf Schauspiel- und Opernbühnen zu erleben, in Rundfunk und Fernsehen. Jetzt hat er Preisendörfers „Als die Musik in Deutschland spielte. Reise in die Bachzeit“ als Hörbuch aufgenommen. Er trifft den Charakter eines lebendig erzählten Sachbuchs sehr genau. Mehne verzichtet auf Übertreibungen oder Pathos, liest aber, wo angemessen, durchaus mit ironischen Unter- oder Zwischentönen, etwa bei Briefzitaten. Man folgt seiner Stimme gern, auch gibt er dem Hörer das Gefühl, sehr mit der Materie vertraut zu sein. Einziger Einwand: Man hätte sich durchaus mehrere treffende Musikbeispiele als Ergänzung gewünscht. Insgesamt aber eine bereichernde, hörenswerte Produktion.

Stand: 26.09.2019, 09:00