"Erstaunen" von Richard Powers

Buchcover: "Erstaunen" von Richard Powers

"Erstaunen" von Richard Powers

Ein alleinerziehender Vater und sein hypersensibler Sohn gegen eine zerstörerische Umwelt - in einem Roman, der Naturbegeisterung, Faszination für wissenschaftliche Forschung und bedingungslose Elternliebe miteinander verbindet.
Eine Rezension von Jutta Duhm-Heitzmann.

Richard Powers: Erstaunen
Aus dem amerikanischen Englisch von Manfred Alliés und Gabriele Kempf-Allié.
S.Fischer Verlag, 2021.
218 Seiten, 24 Euro.

"Erstaunen" von Richard Powers

Lesestoff – neue Bücher 22.11.2021 05:04 Min. Verfügbar bis 22.11.2022 WDR Online Von Thilo Jahn


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Die Neugier eines Kindes

Welchen Platz nimmt die Erde ein im Weltall? Was ist der Mensch gemessen an den vielen Möglichkeiten von extraterrestrischem Leben im gesamten Universum? Der Astrobiologe Theo Byrne muss sich solche Fragen von Berufs wegen stellen. Doch mit dieser Neugier hat er auch seinen neunjährigen Sohn Robin angesteckt:

"Dad? Wenn an so vielen Orten Leben sein könnte, wieso ist dann nirgendwo jemand?"

Der Verlust der Mutter

Mit ausweichenden Erklärungen kann man Robin nicht kommen. Er ist er wie besessen: warum hat man trotz aller Forschungen noch nie Wesen von fremden Planeten entdeckt? Was ist das überhaupt – Leben? Was ist Tod?

Und was mit seiner Mutter Aly, einer leidenschaftlichen Tier- und Naturschützerin, die vor zwei Jahren tödlich verunglückte, als sie einem Opossum ausweichen wollte? Vater und Sohn vermissen sie so sehr, dass der Schmerz oft alles überschattet. Und bei Theo Byrne dazu noch die Angst:

"Ich hatte keine Ahnung, wie man mit Kindern umgeht. Ich machte alles so, wie ich es von ihr in Erinnerung  hatte. An jedem einzelnen Tag beging ich so viele Fehler (....) Meine einzige Hoffnung war, dass all meine Dummheiten sich gegenseitig aufhoben."

Der Welt ausgeliefert sein

Robins klare, fordernde Intensität ist Teil einer Krankheit, die Mediziner Asperger Syndrom nennen. Theo aber sieht vor allem die hochgradige Empfindsamkeit, durch die sein Kind jede Lüge, jede Ungerechtigkeit, jeden falschen Ton fast körperlich spürt. Ohne die übliche seelische Schutzhaut aus Gewohnheit und notwendiger Verstellung ist Robin der Welt ausgeliefert.

Und diese Welt meint es nicht gut mit Vater und Sohn: Probleme in der Schule, mit anderen Menschen, mit einer Gesellschaft, die in der  Natur nur ein Objekt der Ausbeutung sieht.

"Er las vor, roboterhaft. 'Die Fisch- und Wildbehörde der US-Regierung führt über zweitausend nordamerikanische Spezies als bedroht oder gefährdet auf.' (...) Er stieß den Bücherturm um und hielt sich den Kopf mit beiden Händen."

Wissenschaft und Gesellschaftskritik

Glückhafte Auszeiten nur bei Ausflügen in die wilden Wälder der Apalachen oder bei imaginierten Reisen auf andere Planeten. Wie in seinen früheren Büchern verbindet Richard Powers auch in "Erstaunen" Wissenschaft und Gesellschaftskritik.

Der aufwühlende, tief pessimistische Roman spielt in einer nahen Zukunft, in der ein Trump-ähnlicher Präsident die Natur nur als Mittel zum Geldmachen ansieht und langfristige Weltraumforschung als Unfug abtut. Er trocknet sie finanziell aus – auch aus religiösen Gründen:

"Steigende Kosten waren nur der Vorwand. Die Suche nach anderen Welten war (...) eine Sache, der es ergehen sollte wie dem Turmbau zu Babel. Wenn Leute wie wir, die akademische Elite, herausfanden, dass Leben schlichtweg überall entstand, dann sah es für die Sonderbeziehung der Menschheit zu Gott nicht mehr gut aus."

Eingestellt wird auch die Förderung von "Decoded Neurofeedback", eines für Robin verheißungsvollen Forschungsprojekts: Gehirnströme von ausgewählten Probranden werden auf die anderer Personen übertragen und erzeugen dadurch ein korrigierendes Resonanzmuster. Bei Robin wirkt das Verfahren Wunder, er blüht auf – um nach dem Verbot dieser Experimente in eine verzweifelte Depression zu versinken.

Drei gefährdete Arten Liebe

Nicht einmal Theos bedingungslos schützende Zuneigung kann ihn retten. Und so vereint Richard Powers Roman "Erstaunen" drei Lieben: die zur Natur, zur Wissenschaft und die schönste, zärtlichste zwischen Vater und Sohn. Alle drei sind gefährdet - und der Roman getränkt von hoffnungsloser Melancholie. Ein Abgesang auf einen blauen Planeten.

"Ja, das war ein guter Planet. Und auch wir waren gut, so gut wie das Brennen der Sonne und die Nadelstiche des Regens und der Geruch der lebendigen Erde, wie das allgegenwärtige Lied unendlicher Lösungen in der Luft einer Welt im Wandel, die es nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit nie hätte geben sollen."

Stand: 17.11.2021, 14:45