"Doppelporträt" von Agneta Pleijel

Stand: 29.06.2022, 07:00 Uhr

Agatha Christie sitzt Modell, ihr Maler ist der berühmte Oskar Kokoschka. Eine ungewöhnliche, aber wahre Begegnung. Wie sie verlaufen sein könnte, erzählt die schwedische Schriftstellerin Agneta Pleijel in einem leuchtenden "Doppelporträt".  
Eine Rezension von Dorothea Breit..

Agneta Pleijel: Doppelporträt
Ein Roman über Agatha Christie und Oskar Kokoschka.
Aus dem Schwedischen von Giesela Kosubek.
Verlag Urachhaus, 2022.
221 Seiten.

"Doppelporträt" von Agneta Pleijel Lesestoff – neue Bücher 29.06.2022 06:22 Min. Verfügbar bis 29.06.2023 WDR Online Von Dorothea Breit

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Enkelsohn Mathew Prichard und Ehemann Sir Max sind überzeugt davon, dass zu Agathas achtzigstem Geburtstag ein repräsentatives Porträt von ihr anzufertigen ist. Den Wiener Künstler Oskar Kokoschka haben sie im Auge, dessen Werke gerade in einer Ausstellung in London zu sehen sind. Mathew übernimmt es, bei Kokoschkas Galeristen vorzusprechen.

"Entschuldigung, aber versteht Ihre Großmutter etwas von Malerei?
Was spielt das für eine Rolle?, erwidert Prichard. (....) Kann ich mir eine Zigarette nehmen? Sie müssen wissen, meine Großmutter ist der unkonventionellste Mensch, den man sich vorstellen kann."

           

Dasselbe trifft auf den 85-jährigen Maler zu. Die schwedische Schriftstellerin Agneta Pleijel skizziert in dem fiktiven Roman „Doppelportrait“ die Begegnung zweier eigenwilliger Persönlichkeiten, die tatsächlich stattfand. Im Roman lehnen beide einander erstmal aus ganzem Herzen ab. Er - ein Whiskey trinkender knorriger alter Mann. Sie - eine beleibte alte Dame, die ihr Leben am Schreibtisch verbringt.

"Großmutter arbeitet ununterbrochen am nächsten Kriminalroman, doch jedes Mal, wenn er sie besucht, wird ihr Herz weich und sie nimmt sich Zeit. Wie läuft das Studium? Wie steht’s mit der Freundin? Nehmt ihr Verhütungsmittel?"

Mathew pflegt eine innige Beziehung zu seiner Großmutter. Er beschreibt sie als scheu und introvertiert, entgegen der landläufigen Meinung, die auch Oskar Kokoschka vertritt. Doch er braucht Geld. Seine Frau Olda überredet ihn, den Auftrag anzunehmen. So bittet er um ein Foto der zu Portraitierenden als Kind. Der Blick des Mädchens weckt dann auch sein Interesse an der Schriftstellerin. Agatha dagegen braucht etwas länger, ehe sie widerwillig den Bitten ihres zweiten Ehemanns Sir Max nachgibt.

"Agatha ruht sich nicht aus; sie durchwühlt ihre Garderobe. (...) Betrachtet sich im Spiegel, die Runzeln an den Wangen, die Leberflecke und die immer deutlichere Ähnlichkeit ihres Halses mit einem Truthahn. Gemalt zu werden ist unangenehm. Sie ist dick. Und nicht gerade wenig.
Im Normalfall macht das nichts. Doch ihr haben die Blicke anderer immer zugesetzt, und das bereits lange bevor das Alter sein Zerstörungswerk begann."

Der Maler und sein Modell nehmen einander misstrauisch in Augenschein. Sie in einem Lehnsessel, er an der Staffelei sitzend. Er trägt eine gestreifte Schürze umgebunden, die ihn in Agathas Augen wie eine magere Köchin aussehen lässt. Auf dem Tischchen neben ihm Farben, Pinsel, Aschenbecher und Whiskeyglas. Insgesamt sechs Sitzungen verbringen sie zusammen. Stunden, in denen blitzlichtartig beider Leben Reue passiert. Gekonnt webt die Autorin Beschreibung, wörtliche Rede und innere Monologe aus wechselnden Perspektiven ineinander. Agathas wohlbehütete, aber einsame Kindheit, Oskars Aufwachsen in ärmlichen Verhältnissen in Wien, sein Aufstieg als Künstler. 

"Die Farben glühen und explodieren. Ich malte das Universum in ungeheurem Wind. Und wir befinden uns in dessen Mitte. Sie schläft, ich halte sie umarmt.
Wir befinden uns im Auge des Sturms. Still und in Ruhe. Trakl, ein verrückter Freund und Poet, kam herauf und schaute mir beim Malen zu. Er war durch Drogen vollkommen durchgedreht und eifersüchtig wegen seiner Schwester, mit der er ein sexuelles Verhältnis hatte. Doch als er mein Bild sah, wurde er still und nachdenklich. Er taufte es Die Windsbraut."

Eines der berühmtesten Gemälde Kokoschkas. Die Beziehung zu Alma Mahler endete jedoch zerstörerisch. Oskar brauchte lange, davon zu genesen. Zwei Kriege überlebte er knapp. Kriege, die auch Spuren in Agathas Leben hinterlassen haben. Aber sie war jung, schlank, ihre Freundinnen sagten, sie habe Sexappeal. Wie alle Mädchen ihrer Generation träumte sie vom Heiraten. Eine Tochter wurde geboren. Sie begann zu schreiben.

"In der Diele hatte er Sir Max getroffen. Während er die gestreifte Schürze umbindet und die Farbtuben heraussucht, fragt er, wie sie sich begegnet sind. (...)
Max und ich?
Tja! Ich war 38 Jahre alt und frisch geschieden. Um auf andere Gedanken zu kommen, kaufte ich mir eine Fahrkarte für den Orientexpress und fuhr nach Bagdad.
Kokoschka lässt einen Pfiff hören. Sie als Frau, allein?
Warum nicht? Ich hatte Spaß daran (...)"

Inspiriert lässt Agneta Pleijel die Kriminalistin und den Maler über Kunst und das Leben plaudern, persönliche Gedanken und Gefühle miteinander teilen, und ganz nebenbei manch intimes Geheimnis. Das ist vergnüglich zu lesen! Ein leuchtendes Doppelportrait, das Hören und Sehen macht.