Andrej Platonow - die glückliche Moskwa

Andrej Platonow - die glückliche Moskwa

Andrej Platonow - die glückliche Moskwa

Von Christine Hamel

Andrej Platonows Fragment gebliebener Roman "Die glückliche Moskwa" dokumentiert Enthusiasmus und Enttäuschung in der UdSSR zu Beginn der 30er Jahre.

Andrej Platonow
die glückliche Moskwa

Aus dem Russischen von Lola Debüser und Renate Reschke
Mit einem Nachwort von Lola Debüser
Suhrkamp, Berlin 2019
221 Seiten
24 Euro

"Die Glückliche Moskwa" beginnt mit einem Mord. Es ist der Auftakt der Oktoberrevolution.

"Ein dunkler Mensch mit brennender Fackel lief auf der Straße in die trübselige Nacht des Spätherbstes. Ein kleines Mädchen sah ihn aus dem Fenster ihres Hauses, aufgewacht aus trübseligem Schlaf. Dann hörte sie einen kräftigen Gewehrschuss und einen armen traurigen Schrei – wahrscheinlich hatte man den mit der Fackel laufenden Menschen getötet. […]"

Weil ihr Herz Heldentum sucht

Eine symbolische Urszene, die Moskwa Tschestnowa, der titelgebenden Romanheldin und Namensschwester der russischen Hauptstadt immer im Gedächtnis bleibt. Andrej Platonow entwirft mit ihr eine Allegorie des Kommunismus, der die Erbauer des Sozialismus hingebungsvoll verfallen auch wenn sie im Verlauf der Handlung immer mehr diskreditiert wird.

Moskwa ist wie viele Helden im Werk Platonows eine Waise. Ohne Halt und Bindungen an die Vergangenheit strebt sie voller Enthusiasmus in eine kameradschaftliche, sozialistische Zukunft. Alles an ihr ist dynamische, in Schwingung versetze Energie. Nach der Schule heiratet die schöne Moskwa einen "zufälligen Mann", den sie jedoch schnell wieder verlässt, weil ihr Herz Heldentum sucht. Obdachlos streift sie durch die Moskauer Boulevards, wo sie mitternachts Boshko kennenlernt. Er spendiert ihr ein Hotelzimmer und kommt großzügig für Moskwas Ausbildung an einer Luftfahrtschule auf, weil sie den Wind so liebt. Boshko indes ist Moskwa mit Herz und Seele verfallen.

"Nach ihrem Besuch legte sich Boshko gewöhnlich hin, mit dem Gesicht nach unten, und litt an seiner Traurigkeit, obwohl der Beweggrund seines Lebens allein die allgemeine Freude war."

Moskwa sucht nach der Liebe

Andrej Platonow

Andrej Platonow

Eine widersprüchliche Gefühlslage, mit der die Menschen zu kämpfen hatten, nachdem Stalin in den 30er Jahren verkündet hatte, dass das Leben glücklicher geworden sei. Für die russische Hauptstadt galt wiederum der Aufruf: "Verwandeln wir Moskau in die schönste Stadt der Welt!" Andrej Platonows Roman ist der Betriebstemperatur dieser neuen Zeiten auf der Spur. Bei zahlreichen Rendezvous und Affären mit Ingenieuren, Geologen oder Ärzten, bei Menschen, die entwerfen, erfinden, vermessen, und planen - sucht Moskwa nach der Liebe. Großherzig wendet sie sich in einem Raum unendlicher Offenheit und Erkundung allen und allem zu.

"Sie fühlte sich zeitweise so wohl, dass sie sich selbst, ihren Körper im Kleid irgendwie abwerfen und ein anderer Mensch werden wollte – Gunkins Frau, Sambikin, der Außermilitärische, Sartorius, eine Kolchosbäuerin in der Ukraine."

Es ist das Jahr 1933

Binden kann sie sich an keinen der Männer. Alle Protagonisten in Platonows Roman sind mit dem Widerspruch zwischen hochfliegenden Ansprüchen und den Grenzen menschlichen Vermögens konfrontiert. Nach einer kurzen Karriere als Fallschirmspringerin – sie zündet sich während des Falls eine Zigarette an und fällt mit einem brennenden Fallschirm vom Himmel - wird Moskwa Arbeiterin beim Metrobau. In der Grube verunglückt sie prompt so verhängnisvoll, dass ihr ein Bein amputiert werden muss. All ihre Pläne enden in einem Fiasko, keine Idee lässt sich in greifbare Zukunftspraxis ummünzen. Es ist das Jahr 1933. Die schöne Epochenfigur Moskwa verwandelt sich in die hinkende Mussja. Der Kommunismus unter Stalin erweist sich aller Anstrengungen zwischen Himmel und Erde zum Trotz als fehlerhafte Gesellschaftsordnung. Eine Kapitulation, die jedoch von allen beharrlich ignoriert wird. Nur der Arzt Sambikin gerät ins Grübeln.

"Ich finde es seltsam, eine Frau auf der Welt zu lieben, wenn eine ganze Milliarde von ihnen existiert, unter denen es bestimmt noch höhere Anmut gibt. Das muss man zuerst genau klären, hier liegt ein deutliches Missverständnis des menschlichen Herzens vor, weiter nichts."

Tiefe Einblicke in eine fieberhafte Epoche

Platonows symbolischer Roman gibt tiefe Einblicke in eine fieberhafte Epoche, die sich nichts weniger vorgenommen hatte als den neuen, glücklichen Menschen zu schaffen. Erkenntnis und Empfindung geraten dabei aus den Fugen, offen auch die Frage, wohin mit der Menschenseele im Kommunismus. Für den Schriftsteller Andrej Platonow gilt jedenfalls nicht Stalins Diktum, das Leben sei glücklicher geworden. Die von gründlicher Platonow-Gelehrsamkeit flankierte Übersetzung von Lola Debüser und Renate Reschke folgt dem Schriftsteller gekonnt in alle sprachlichen Register, in den Enthusiasmus der Revolution und das Spekulative der Utopie, in die Kultur des Proletariats sowie in die Beharrungskräfte des Körpers und des Menschlich-Allzumenschlichen. Den wichtigsten Kern von Platonows Romanen bildet die dynamische Sprache, eine Elementargewalt, die, wie es der Dichter Joseph Brodskij einmal formuliert hat, "die Zeit, den Raum, ja das Leben und den Tod bloßstellt."

Andrej Platonow: "Die glückliche Moskwa"

WDR 3 Buchkritik 15.01.2020 05:31 Min. Verfügbar bis 14.01.2021 WDR 3

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Stand: 14.01.2020, 19:31