Emilie Pine - Botschaften an mich selbst

Buchcover: Emilie Pine - Botschaften an mich selbst

Emilie Pine - Botschaften an mich selbst

Von Insa Wilke

Furios rational, berechnend gefühlvoll: Das literarische Debüt der Irin Emilie Pine bricht noch einmal mit den Tabus geschlechterspezifischer Schweige-Gebote.

Emilie Pine: Botschaften an mich selbst
Aus dem Englischen von Cornelia Röser.
Btb Verlag, München 2021.
224 Seiten, 20 Euro.

Emilie Pine: "Botschaften an mich selbst"

WDR 3 Buchkritik 08.06.2021 04:57 Min. Verfügbar bis 08.06.2022 WDR 3


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Mitleid erweckende Bemerkungen

Auf Youtube kann man eine Ausgabe des Literarischen Quartetts von 1996 sehen. Marcel Reich-Ranicki ist Gastgeber, Sigrid Löffler die einzige Frau in der Runde. Besprochen wird das Debüt von Marlene Streeruwitz, "Verführungen". Der Untertitel: "Frauenjahre". Wenn man anschaulich machen will, dass es sehr wohl einen Unterschied macht, wer ein Buch beurteilt, höre man sich die drei Männer zu diesem Text an.

Es ist fast zum Lachen, dass Sigrid Löffler die einzige in der Runde ist, die begreift wovon der Text erzählt und in welcher Form er das tut. An die fast schon Mitleid erweckend törichten Bemerkungen der drei Herren in der Runde, kann man denken, wenn man Emilie Pines Buch "Botschaften an mich selbst" liest, speziell den Essay "Über das Bluten und andere Verbrechen".

"Ich habe einen Körper der blutet. Einmal im Monat quillt warm und nass Blut aus ihm heraus. Dieses Blut läuft seitlich an der Binde vorbei, es macht Flecken im Schritt meiner Jeans, es tropft auf den Badezimmerfußboden, wenn ich vergesse, einen neuen Tampon einzuführen. Es ist unpraktisch und dreckig und notwendig und lebendig und durchweichend und ehrfurchtsgebietend. Und es ist rot. Und es ist laut. Und es ist meins."

Keine passende Sprache für den Körper

Emilie Pine schreibt in diesen Essays darüber, dass es immer noch keine treffende, Sprache für den Körper gibt, besonders den von Frauen. Sie fragt danach, was es für die Gesellschaft bedeutet, wenn bestimmte, wesentliche Aspekte der Existenz ganzer Gruppen nicht benannt werden. Was macht das mit der einzelnen Persönlichkeit und mit dem Kollektiv?

Diese Frage spielt sie am Beispiel verschiedener Themen ihres eigenen Lebens durch. Sie schreibt etwa über ihren Vater, der Alkoholiker ist, und macht daraus eine Erzählung über Kinder von Trinkern, ihren Alltag und ihre Verletzungen. Sie schreibt über die spezielle Einsamkeit, die Unfruchtbarkeit bedeuten kann und darüber, dass es nach einer Fehlgeburt wenig Raum für die Trauer der Eltern gibt. Sie schreibt, was 1997 das irische Referendum für die Ehescheidung für ihre Mutter bedeutet hat, und über die Probleme von Scheidungskindern und den Umgang mit Gewalterfahrung.

Das Gefühl der Ohnmacht

Sie schreibt über all das äußerst persönlich und bietet gleichzeitig die verallgemeinernde Analyse an. Ihr Buch handelt nämlich auch vom Gesundheitssystem und seiner inhumanen, euphemistischen, brutalen Sprache, von fehlender kollektiver Fürsorge für Jugendliche, die sich selbst abhandenkommen. Und immer wieder schreibt sie über Ohnmacht, Sprachlosigkeit, Scham. Gegen das Schweigen über Gefühle setzt sie den Refrain: "So fühlt es sich an".

"Es ist ein Gefühl, als würde man sich selbst gegen die Wand schlagen, nicht nur den Kopf, sondern das ganze Selbst."

Die Entscheidung, von Gefühlen zu sprechen

Pines Buch steht in einer Traditionen von Schreibenden, die eigene Geschichten zum Material eines literarischen Erkenntnisprozesses machen. Die US-Amerikanerin Maggie Nelson fällt einem beispielsweise ein, mit ihrem Buch "Die roten Stellen".

Emilie Pines literarische Mittel sind einfacher als die der literarischen Avantgarde in diesem Bereich: Sie arbeitet mit Rückblenden, Wiederholungsmotiven und einer sehr konkreten, auch drastischen, schamfreien Sprache für Körper und Gefühle. Bisweilen rutscht sie auch in einen therapeutischen Jargon ab. Es geht ihr dabei aber um was: Pine, die als Wissenschaftlerin lernen musste, ihre Rationalität akademischen Kollegen zu beweisen, hat entschieden, von Gefühlen zu sprechen.

Nicht aus Sentimentalität, sondern weil sie für die Entwicklung einer Gesellschaft relevant sind. Pine macht sehr plausibel, warum sie dies so sieht.

Wenn es ihm genauso geht

Besonders einnehmend ist dabei, dass sie an einigen Stellen auch die Männer mit einbezieht. Die Empfindsamen, denen es nicht gelingt, ihre Gefühle zu verdrängen, die Jungs, die auch keine Sprache für ihre Ängste und Wünsche, ihre Körper haben.

"Seit Monaten schon fühlte ich mich einsam; ich war nicht auf die Idee gekommen, dass es ihm genauso gehen könnte."

Man könnte nun denken: Seit 1996 hat sich doch zumindest in Deutschland vieles zum Guten verändert, wenn es um Gleichberechtigung geht. Niemand würde mehr wie Marcel Reich-Ranicki sagen, die Katastrophen im Alltag der Frauen seien leider Naturgesetze. Und ja: Es hat sich vieles rasant verändert.

Eine ermutigende Anleitung zur Sprachfindung

Liest man Emilie Pine, muss man aber zugeben: Für viele Erfahrungen gibt es aber immer noch keine Sprache. Nicht nur im katholischen Irland. Und wenn es keine Sprache gibt, fehlt oft Bewusstsein, selbst noch für die Scham dem eigenen Körper gegenüber. Das macht das Leben mühsamer, unfreier, als es sein müsste.

Emilie Pine hat deswegen ein extrem zugängliches Buch geschrieben. Es ist ein Plädoyer dafür, die Welt zu begreifen. Eine ermutigende Anleitung, mit dem Sprechen zu beginnen. Und sei es für sich allein. 

Stand: 06.06.2021, 14:49