Buchcover: "Ich wünschte, du wärst hier" von Jodi Picoult

"Ich wünschte, du wärst hier" von Jodi Picoult

Stand: 09.12.2022, 12:00 Uhr

März 2020, erster Lockdown in der Covid-Pandemie. Getrennt voneinander kämpft ein junges Paar mit den Folgen, sie auf den Galápagos-Inseln, er in New York. Und beide müssen sich tiefgreifenden Veränderungen in ihrem Leben stellen. Eine Rezension von Jutta Duhm-Heitzmann.

Jodi Picoult: Ich wünschte, du wärst hier
Aus dem Amerikanischen von Elfriede Peschel.
C. Bertelsmann Verlag, 2022.
416 Seiten, 22 Euro.

"Ich wünschte, du wärst hier" von Jodi Picoult

Lesestoff – neue Bücher 09.12.2022 05:42 Min. Verfügbar bis 09.12.2023 WDR Online Von Jutta Duhm-Heitzmann


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Diana O’Toole, aufsteigender Stern beim Kunstauktionshaus Sotheby’s in New York, hat seit ihrer Jugend einen genauen Lebensplan:

„Als Erstes wollte ich in meinem Beruf Fuß fassen, mit dreißig heiraten und bis zum fünfunddreißigsten Lebensjahr alle meine Kinder bekommen.  (,,,) Ich befinde mich absolut auf Kurs.“

Sie hat auch den Verlobungsring entdeckt, den ihr Freund Finn, ein angehender Chirurg, unter seinen Socken versteckt. Den Antrag wird er ihr wohl während des gemeinsamen Urlaubs machen, der am anderen Tag beginnen soll – eine Reise auf die Galápagos-Inseln. Genau zu ihrem 30. Geburtstag. Und dann kommt Finn nachhause: Die Klinik hat alle Urlaube gestrichen.

„Finn“, sage ich.

Er rückt ab, damit er mir in die Augen sehen kann, und sagt: “Du solltest trotzdem fahren, Diana.“

Tut sie – und alles geht schief. Am Zielhafen erfährt sie, dass die Insel für zwei Wochen dicht gemacht wird. Während die Mitreisenden umkehren, geht sie an Land – schließlich ist das teure Hotel schon bezahlt. Doch vor ihren Augen wird es geschlossen, genau wie alle Läden, Bars und Restaurants. Sie steht auf der menschenleeren Straße, alleingelassen, ohne Unterkunft, mitten im Lockdown, diesem Schutz vor einem neuen bösartigen Virus: Covid. Und auf dem Handy läuft eine Nachricht von Finn ein.

„Ich kann  nicht glauben, dass erst zwei Tage vergangen sind. (..) Wir haben allein in der Stadt 923 Fälle. Zehn Tote. Die Subway ist leer. Als hätten sich in New York alle Menschen in ihr Schneckenhaus zurückgezogen. Aus eigener Anschauung kenn ich das allerdings nicht, denn ich habe das Krankenhaus nicht verlassen.“

Es ist Mitte März 2020, der Beginn des Horrors. Diana und Finn leben jetzt in zwei verschiedenen Welten: er als Arzt am Rande der physischen und mentalen Erschöpfung in seinem fast aussichtslosen Kampf gegen die Pandemie, sie in einer fremden exotischen Welt, verstört durch Fragen, die sie sich vorher nie gestellt hat: Wer bin ich? Was brauche ich wirklich? Lebe ich das richtige Leben? Mehr noch: sie ist auf jener Insel gefangen, deren urzeitliche Tierwelt den Naturforscher Charles Darwin einst zu seinen Thesen über Entwicklung in der Natur durch Evolution inspiriert hat. Eine seiner Erkenntnisse dient der Autorin auch als Motto für ihren Roman:

„Es ist nicht die stärkste Spezies, die überlebt, auch nicht die intelligenteste, sondern diejenige, die am ehesten bereit ist, sich zu verändern.“

Es sei viel zu früh über Covid zu schreiben, hatte man Jodi Picoult gewarnt, die Wunden, die die Pandemie geschlagen hat, seien noch zu frisch. Doch gerade das hat die Autorin angetrieben: Erinnerungen und Erfahrungen abzufragen, bevor sie verblassen. Sie schickt auch Diana in die Hölle der Erkrankung – durch eine gewagte erzählerische Volte, die hier zu verraten wie ein Spoiler wirken würde - und nähert sich allmählich  dem Zentrum der Schrecken.

„Ich wünschte, du wärst hier“ ist ein Buch, das nachwirkt, nie reißerisch oder voyeuristisch und trotz aller Unangestrengtheit auch nie platt. Jodi Picault hat die Gabe, in ihren Romanen bitterböse oder verstörende Themen abzuhandeln ohne sie zu trivialisieren. Was hat diese Pandemie mit uns gemacht, fragt sie, mit den Infizierten, den hilflosen Ärzten und Pflegern, mit denen, die Menschen, die sie liebten, alleine sterben lassen mussten?

„Das beherrschende Gefühl, von dem wir in den vielen Monaten alle betroffen waren, war das der Isolation. Seltsam, da es doch eine gemeinsame Erfahrung ist, wir uns aber dennoch allein und hilflos fühlten.“

Hat diese Pandemie irgendeinen Sinn? Oder werden wir ihr wenigstens im Nachhinein einen geben können? Hier greift Jodi Picault die Erfahrung auf, die viele während der Shutdowns und danach gemacht haben: sich zu fragen, was eigentlich wirklich wichtig und richtig ist. Auch Diana und Finn, die Hauptpersonen des Romans, können nicht unbeschadet zurückkehren in ihr altes Leben – ein Verlust und doch für beide ein Gewinn.

„Es kommt nicht darauf an, herauszufinden, was mit mir geschehen ist. Sondern was ich mit dem mache, was ich als wichtig erfahren habe.“