Marianne Philips - Die Beichte einer Nacht

Buchcover: Marianne Philips - Die Beichte einer Nacht

Marianne Philips - Die Beichte einer Nacht

Von Andrea Gerck

Eine packende Wiederentdeckung aus den 1930er Jahren - Marianne Philips erkundet in ihrem Roman "Die Beichte einer Nacht" ein ungewöhnliches Frauenleben.

Marianne Philips: Die Beichte einer Nacht
Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart.
Diogenes Verlag, Zürich 2021.
276 Seiten, 23 Euro.

Marianne Philips: "Die Beichte einer Nacht"

WDR 3 Buchkritik 15.06.2021 04:43 Min. Verfügbar bis 15.06.2022 WDR 3


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Schlaflos in der psychiatrischen Klinik

Es ist Nacht und die Patientinnen im Krankensaal der psychiatrischen Klinik liegen schlafend in ihren Betten, bis auf eine: Die Erzählerin in Marianne Philips Roman "Die Beichte einer Nacht" fragt die strickende Nachtschwester, ob sie sich ein wenig zu ihr setzen darf:

"Es ist so wunderbar, dass alle schlafen und der ganze Saal still ist. Jetzt höre ich nur mich selber, wenn ich rede. Jetzt ist es gerade so, als würde ich in einem Zimmer mit einer Bekannten zusammensitzen, die mir zuhört. Ganz normal an einem Tisch, auf den Licht fällt. Für wen machen Sie den Schal, Schwester? Für sich selber? Nun antworten Sie doch mal."

Doch die Schwester bleibt stumm. Dafür erzählt Lilian, die mal Leentje hieß, die Geschichte ihres Lebens und wie sie in diesem Schlafsaal, den sie als Hölle voller Hexen empfindet, gelandet ist. Allein durch die beklemmende Ausgangssituation – eine nächtliche Beichte in der Psychiatrie – erzeugt Marianne Philips eine Grundspannung, die sich bis zum tragischen Scheitern dieses Frauenlebens durch den Roman zieht.

Der beginnt mit der Geschichte eines armen Mädchens, das mit neun jüngeren Geschwistern aufwächst und schon als Dreizehnjährige Enge und Armut hinter sich lässt, in einem Modeatelier Arbeit findet und eine erste Männerbekanntschaft macht:

"Junge Mädchen, die zu Männern gehen, sind nicht schlecht, ganz gewiss nicht. Und hässlich ist so etwas auch nicht – ich habe nicht oft etwas Hässliches gemacht. Aber ich war irgendwie verunsichert – ich war jetzt erwachsen, eine Frau. Das geschieht einem plötzlich. Man passt nicht mehr in seine Kleider, weil sie um die Brust spannen, und man merkt, dass man völlig anders geworden ist, dass man für etwas gemacht ist, und man sucht in alle Richtungen, wofür genau.
Und dann findet man natürlich etwas, weil man nun einmal etwas finden will.
Ich jedenfalls fand Groenmans, der mich anschaute und mit dem, was er sah, sehr zufrieden war, ich empfand Stolz, es war ein Gefühl wie innerlich auf Zehenspitzen stehen."

Philips eigene Erfahrungen

Selbstbewusst und eigensinnig verfolgt Marianne Philips Erzählerin ihren Weg, findet die große Liebe und zerbricht an ihrer rasenden Eifersucht. Was ein bisschen wie ein Melodram aus der Stummfilm-Ära klingt, hat viel mit dem Leben der Autorin zu tun.

Marianne Philips wuchs nach dem Tod ihres Vaters in ärmlichen Verhältnissen auf, als auch noch die Mutter starb, war sie als Vierzehnjährige für ihre jüngeren Halbgeschwister verantwortlich. Sie kannte also das Leben der Leute, für die sie sich später als aktive Sozialdemokratin einsetzte aus eigener Erfahrung. Wie ihre Erzählerin Lilian verstand Marianne Philips sich als moderne, selbstständige Frau, sie hielt im ganzen Land Vorträge und zog 1919 als eine der ersten Frauen in einen niederländischen Gemeinderat ein.

Als vierzigjährige entdeckte Sie ihr Talent zum Schreiben und nutzte es auch, als sie schwer erkrankte, im Rahmen einer Psychoanalyse als Therapie. Nachdem die Nazis die Niederlande besetzt hatten, konnte Marianne Philips als Jüdin nichts mehr veröffentlichen. 1951 starb sie nach schwerer Krankheit. Alles, was sie beschreibt - die Situation in der Klinik, das Leben als junge berufstätige Frau, die Ängste, Träume und Fantasien, waren ihr aus eigener Anschauung vertraut:

"Es war die Hölle, die Hölle, Schwester – kein normaler Mensch ahnt, wie das ist.
Vielleicht aber doch. Es muss doch noch andere geben, denen äußerlich nicht anzumerken ist, was sie Furchtbares denken.
Ich tat nach außen hin auch nichts, was man abnormal hätte nennen können. Hannes und Lientje haben zu Anfang nichts gemerkt. Ich selber sah es mir natürlich an – im Spiegel blickten meine Augen starr, was daher rührte, dass sich dahinter der immer gleiche Kreisel mit den immer gleichen schmutzigen Gedanken drehte - , aber andere merkten mir noch nichts an."

Eine literarische Erkundung der Psyche

Bis in die kleinsten Verästelungen erkundet Marianne Philips die Psyche ihrer Heldin, der zwar der soziale Aufstieg gelingt, die aber ihre eigene Unsicherheit und lückenhafte Bildung nur mühsam verbergen kann.

Als sie mit dem strahlenden Sporttrainer Hannes das Glück gefunden zu haben glaubt, kippt die Idylle in einen Sumpf aus rasender Eifersucht – ein unkontrollierbarer Wahn, den Marianne Philips erschreckend genau beschrieben hat.

"Die Beichte einer Nacht" ist eine packende Erzählung, aus einer Zeit, in der die literarische Erkundung der Psyche noch längst nicht so verbreitet war wie heute.  

Stand: 14.06.2021, 15:47