Philippe Lançon - Der Fetzen

Philippe Lançon - Der Fetzen

Philippe Lançon - Der Fetzen

Von Christoph Vormweg

Das Attentat auf die Redaktion des Satire-Magazins "Charlie Hebdo" 2015 hat Philippe Lançon schwer verletzt überlebt. In seinem erschütternden Buch "Der Fetzen" beschreibt er den traumatischen Lebensbruch.

Philippe Lançon
Der Fetzen

Aus dem Französischen von Nicola Denis
Tropen Verlag, Stuttgart 2019
552 Seiten
25 Euro

Schreiben als Selbstvergewisserung, als Überlebenskampf, als Selbsttherapie

Aus dieser Motivation macht der 1963 geborene Philippe Lançon autobiographische Literatur mit hohem Anspruch. Sein Buch "Der Fetzen" kreist um die Frage, wie er mit den Folgen des barbarischen Attentats auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" weiterleben soll: mit den traumatischen Erinnerungen an das Blutbad, mit der Dauerpräsenz des Schmerzes, mit den Anfällen panischer Angst, mit der Einsamkeit.

"Ich glaube nicht, dass ich das Folgende schreibe, um mich darüber hinwegzutrösten, neben einem großen Stück meines Kiefers etwas – ja was genau? - verloren zu haben. Ich versuche schlicht, das Ereignis in seinem Wesen zu erfassen und zu begreifen, wie es meines verändert hat. Ich versuche es, aber es gelingt mir nicht. Die Wörter begnügen sich damit, dem Vorgefallenen zu folgen wie alte, hechelnde Hunde. Sie stecken der zersprengten Herde aus Gefühlen und Visionen künstliche, allzu enge Ziele."

Schreiben hieß für ihn "wieder leben lernen"

Der Rettungssanitäter, der Philippe Lançon als erster sah, stufte seinen Gesichtsschuss als "Kriegsverletzung" ein. Drei Monate lang durfte er nicht sprechen. Um zu kommunizieren schrieb er in ein Heft oder auf den Bildschirm seines "Whiteboard". Schreiben hieß für ihn "wieder leben lernen", die eigene Identität neu zu konstruieren. Und man spürt von der ersten Zeile an, dass Philippe Lançon sein Schreibhandwerk beherrscht: als Journalist, Literaturkritiker und Autor von zwei Romanen.

Philippe Lançon

Philippe Lançon

In der Dynamik der Zeitsprünge ist "Der Fetzen" ein brillant komponiertes, zutiefst existentielles Buch. Es gibt das Davor und das Danach, die mögliche Zukunft und das Massaker selbst: zwei Minuten, die Lançon über viele Seiten hinweg in minutiöse Wahrnehmungen zerlegt. Wir folgen dem rund um die Uhr von zwei schwerbewaffneten Polizisten bewachten Patienten durch das scheinbar endlose Tal absoluter Abhängigkeit. Er ist ein Todgeweihter voller Zukunftszweifel. Doch flieht er – und das macht das Buch so beeindruckend - jede Weinerlichkeit. Seine klare, präzise Prosa, von Nicola Denis bravourös ins Deutsche übersetzt, kreuzt durch den Alptraum, ohne je effektheischend zu sein.

Meine Pflege und die Gespenster des Attentats

"Ein Langzeitpatient hat etwas Vampirartiges an sich: Ich nahm das, was ich brauchte. Ich lebte in einer Welt, die an meine Pflege und die Gespenster des Attentats geknüpft war, und in dieser Welt war alles Fiktion und somit auch alles möglich. Aber ich wollte auch meinen Frieden. Alles, was mir weitere Spannungen ersparte, rechtfertigte gewissermaßen meine Feigheit."

So tut Philippe Lançon alles dafür, dass sich seine New Yorker Geliebte, seine kubanische Ex-Frau und eine neue Bekanntschaft nie begegnen. Obwohl „alle Begierden verschwunden sind“, wie es an einer Stelle heißt, toben die Gefühle. Welche Bindungen werden halten, welche nicht? Auch daraus zieht das Buch seine innere Spannung. In der Not rückten der Bruder und die greisen Eltern in ihrer Selbstlosigkeit in den Vordergrund. Zur Überlebensfamilie gehörten aber auch die Pflegerinnen und die Chirurgin. Hier besticht der begnadete Beobachter Lançon ein ums andere Mal durch seine behutsamen Porträts.

Das Fluten der Erinnerungen

"Der Fetzen" - gemeint ist die vom Bein entfernte Hautpartie, die das aufgerissene Gesicht wieder schließen soll - ist ein Buch, das furios beginnt und dann den Alltag von 282 Krankenhaustagen schildert. Die Dramatik des Überlebenskampfes verebbt buchstäblich. Doch in Philippe Lançons Kopf arbeitet es permanent - nicht nur unter Morphium. Das Fluten der Erinnerungen gibt seinem Buch das Tempo, die philosophischen Reflexionen die Tiefe. Immer wieder schmuggelt der Patient Bücher seiner Lieblingsschriftsteller mit in den OP: ob Marcel Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ oder Thomas Manns „Zauberberg“. Die Literatur wird zu seinem Talismann – genauso wie die CDs mit Stücken von Johann Sebastian Bach.

Und was ist mit der Wut auf die Täter? Überlegungen zu den möglichen Hintermännern des Attentats auf die Redaktion der Satire-Zeitung "Charlie Hebdo" stellt Lançon keine an. Verschwörungstheoretiker sind ihm ein Graus.

"Anti-muslimische Diskurse sind mir genauso zuwider wie pro-muslimische. Das Problem sind nicht die Muslime, sondern die Diskurse: Sollen sie die Muslime doch in Frieden lassen."

"Der Fetzen" ist ein erschütterndes Buch: in der Schonungslosigkeit, mit der Philippe Lançon seinen Überlebenskampf als Terroropfer beschreibt, in seinem permanenten Kreisen um die letzten Sinnfragen unserer Existenz.

Philippe Lançon: "Der Fetzen"

WDR 3 Mosaik 09.07.2019 04:54 Min. WDR 3

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Stand: 08.07.2019, 00:03