Christoph Peters - Dorfroman

Buchcover: Christoph Peters: Dorfroman

Christoph Peters - Dorfroman

Von Katja Lückert

Landleben oder Landkommune? Über den Bau des "schnellen Brüters" Kalkar und die politischen Auseinandersetzungen darum hat Christoph Peters hat einen wunderbar klugen und zeitgeistigen Roman geschrieben.

Christoph Peters: Dorfroman
Luchterhand Verlag, München 2020.
416 Seiten, 22 Euro. 

Christoph Peters: "Dorfroman"

WDR 3 Buchkritik 30.09.2020 05:26 Min. Verfügbar bis 30.09.2021 WDR 3

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Rückkehr in die Heimat

Bevor Skippy, Lassie und das Ohnesorg-Theater über die ersten Farbfernseher flimmerten, war alles Wichtige "schwarzweiß". Eine Metapher, mit der Christoph Peters seine Leser auf einen Roman einstimmt, der in vielen nachdenklichen Passagen seine Kindheit und Jugend reflektiert, aber auch die Atmosphäre und den Zeitgeist der ersten Nachkriegsjahrzehnte einfängt. 

"Es ist auf unangenehm riechendes Zeitungspapier gedruckt und wird vor Sonnenaufgang in unseren Briefkasten gestopft oder es flimmert hinter einer leicht gewölbten Scheibe in einem großen Holzkasten. Ein schwarzweißer Mann mit Brille, einer kräftigen Stimme und ernsthaftem Gesichtsausdruck sitzt dort in Anzug und Krawatte vor einer grauen Fläche mit fettem Schriftzug, der in eine Weltkarte übergeht. Er liest klare, manchmal auch umständliche Sätze von einem akkurat zurechtgestoßenen Stapel Papier ab, wobei er sich Mühe gibt, so selten wie möglich auf seine Blätter zu schauen."

Der Ich-Erzähler kehrt in diesem autobiographischen Roman zurück in sein Elternhaus, das in Hülkendonck, am Niederrhein, steht. Die Gegend ist für ihn, der längst in Berlin lebt, doch auf eine unbewusste und tiefe Weise Heimat geblieben.

"Nirgends sonst hat sich je wieder dieselbe Vertrautheit mit Landschaft, Wetterverhältnissen, Sprachmelodie eingestellt. Am Rheinufer zu sitzen, mit unserem Haus im Rücken aufs Wasser zu schauen, erscheint mir zumindest für Momente wie ein Ausweg aus jeglicher Lage."

Das Atomkraftwerk spaltet die Dorfgemeinschaft

Hülkendonck war ein friedliches Fleckchen geprägt von Viehzucht und Ackerbau, bis dort in den siebziger Jahren ein Kernkraftwerk gebaut wurde. Die erbitterten Auseinandersetzungen um den sogenannten "schnellen Brüter Kalkar" bestimmten den politischen Diskurs in der jungen Bundesrepublik über viele Jahre. Für Christoph Peters wurden sie zu entscheidenden Erfahrungen seiner Jugendzeit. Er musste erleben, wie der Bau des Atomkraftwerks nicht nur das Land, sondern auch sein Dorf spaltete. Die erste Anti-AKW-Bewegung formiert sich in einem Melkstall, den der Bauer Ernst Praats einer aus der Stadt angereisten Gruppe junger Leute vermietet, die von dort zunächst zaghaft mit Flugblättern und Info-Ständen an die Öffentlichkeit treten. Hier lernt der Erzähler, der bis dahin seine freien Stunden dem Schmetterlingsfang gewidmet hatte, eine neue Welt und auch seine erste Liebe Juliane kennen.

"Im nächsten Moment kam die junge Frau, die ich vom Markt kannte, um nach der Wäsche zu schauen, und sah mich an. Sie trug eine flatternde, orientalisch gemusterte Pumphose, dazu ein weites, senfgelbes Feinrippunterhemd und keinen BH, so dass ich von der Seite ihre ganze linke Brust einschließlich der Warze sehen konnte.
'Hey – was machst du hier?' Ich musste meinen Blick von der nackten Brust fortreißen. Mir fiel nichts ein. 'Ich hab dich was gefragt.' Ich nickte, schüttelte gleichzeitig den Kopf: 'Schon klar. Ich wollte einen bestimmten Falter…' 'Faltblatt?!' 'Ja, das auch. Nein, ich meine, ich wollte einen Schmetterling – der gerade bei euch übers Dach geflogen ist.'"

Konflikte zwischen Stadt und Land

Die inneren Konflikte des Erzählers spielen sich meist im Spannungsfeld zwischen "Dorf" und "Stadt" ab, denn im Dorf, wo alle schon seit Generationen miteinander verbunden sind, herrschen andere Gesetze, als in der neuen Landkommune. Seinem Vater, streng katholisch und im Kirchenvorstand aktiv, ist das bunte Völkchen, das er auch gern "Hippies" oder "Chaoten" nennt, mehr als suspekt. Er hatte den Verkauf des Baulands an die Brüterbetreiber am entschiedensten vorangetrieben. 

"Und es war ja auch nicht nur mein Vater gewesen, der sich aktiv für den Brüter eingesetzt hatte. Ich selbst war zumindest so etwas wie ein Mitläufer gewesen, hatte bis vor gut einem halben Jahr noch geglaubt, dass Atomkraft zwar nicht die beste aller Lösungen, aber doch zumindest vorläufig unersetzbar war und vermutlich auch nicht so gefährlich, wie ihre Gegner behaupteten."

Erinnerungen und Zweifel treiben den Ich-Erzähler um

In dreißig Kapiteln verschränkt Christoph Peters verschiedene Zeitebenen, berichtet alternierend von einem Besuch seiner Eltern in der Erzähl-Gegenwart, aber auch davon, wie er als Kind zum ersten Mal ein Huhn gefangen hat und vom Leben mit Juliane und ihren Freunden im Melkstall. Als die Auseinandersetzungen mit der Staatsgewalt heftiger werden, gerät der Erzähler zunehmend in einen Konflikt. Mit wem soll er solidarisch sein, mit den gewachsenen und beständigen Strukturen im Dorf oder mit der neuen Kultur des Protests?

"Am liebsten wäre ich umgedreht oder links abgebogen, hätte mich an den Rhein gesetzt, um nachzudenken, wie sich all das zusammen bringen ließ: Die Liebe und die Angst, Familie, Freiheit, Ohnmacht, Wut, Widerstand und Gewaltlosigkeit – Juliane und die Spießerhölle, in der ich feststeckte."

Schonungslos erzählt Christoph Peters von dem beständigen Zweifel, wie mit dem Älterwerden der Eltern umzugehen ist, aber auch von der eigenen überwundenen Alkoholsucht. Doch vor allem ist sein Buch eine faszinierende Spurensuche in einer Jugend der siebziger Jahre, inklusive tragischer Liebesgeschichte. 

Stand: 28.09.2020, 17:08