Péter Nádas- Leni weint

Péter Nádas- Leni weint

Péter Nádas- Leni weint

Von Terrance Albrecht

Vom Erforschen naturgeschichtlicher Dimensionen und menschlichen Daseins. Péter Nádas' Essays reichen von der Psychopathologie Ungarns bis zur poetologischen Meditation.

Péter Nádas
Leni weint

Übersetzt von Akos Doma u.v.a.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2018
528 Seiten
36 Euro

Behutsame Ortsbestimmung

Der erste Essay, "Behutsame Ortsbestimmung", geht aus von "der genauen Betrachtung eines einzelnen Wildbirnenbaums". Der steht im Garten von Péter Nádas, in Gombosszeg, einem Dorf im Westen Ungarns.

"Eine düstere Landschaft, deren heutige Formation nicht durch die Erdbewegungen und nicht durch Fluten des einstigen Meeres, sondern durch die von den Alpen herabgleitenden Schnee- und Eismassen am Ende der Eiszeit entstanden ist."

Das Dorf ist ein Rückzugs-Schreibort für Péter Nádas geworden und zugleich ein Topos für ein archaisches Leben, das er hier genauestens studieren kann.

"Man bekommt das Gefühl, dass das Leben hier nicht aus persönlichen Erlebnissen, nicht aus Erinnern und Vergessen, sondern aus tiefem Schweigen besteht. Was verständlich ist, sind doch die mit individuellem Bewusstsein gesegneten Menschen gezwungen, immer etwas mehr zu sagen, als sie wissen, während man in einem prämodernen Umfeld als Einzelner wesentlich weniger sagt, als jeder weiß."

Zwischen 1989 und 2011

Aus dieser Miniatur entwickeln sich die in diesem Band versammelten Essays. Geschrieben in der Zeit zwischen 1989 und 2011. Aus der frühgeschichtlichen Kontinuität, die Nádas in seinem Dorf entdeckt, entfaltet er eine Gesellschaftsanalyse, die für die folgenden Essays bestimmend sein wird, auch wenn es keine chronologische Reihenfolge der Texte gibt. Es ist die Frage nach dem Leben in der Diktatur vor 1990 und dem, was davon fortgelebt hat in der Zeit der Privatwirtschaft ab den 90er Jahren im Osten Europas. Neben der Korruption ist es auch eine andere gesellschaftliche Begleiterscheinung, die Nádas in Osteuropa seit der Wende beobachtet und wiederholt thematisiert.

"Die Bürger der neuen Demokratien im Osten haben den totalen Gedächtnisverlust gewählt."

Leni weint

Dass dieser Gedächtnisverlust eine lange Tradition hat, zeigt Nádas in dem Titelessay "Leni weint". Am Beispiel der "Hofkünstlerin" Hitlers, Leni Riefenstahl, die als Fotografin und Filmemacherin ästhetische Maßstäbe setzte, beschreibt der Seelenforscher Nádas wie Riefenstahl als eine der Ersten vom Beginn des Zweiten Weltkriegs und Pogromen erfuhr, davon später aber nichts gewusst haben wollte.

"In ihrem langen Leben geriet sie wohl oft in Schwierigkeiten mit anderen, aber nie mit sich selbst. [...] Ohne jeden Zweifel war sie der Aufmerksamkeit Hitlers würdig."

Péter Nádas, ungarischer Autor und Journalist

Péter Nádas

Hier scheint im Erzählton der Ironiker Nádas auf. Im Roman "Aufleuchtende Details" von 2017 hat der aus einer jüdischen Familie stammende Autor unter anderem die Verfolgung im Zweiten Weltkrieg und in der anschließenden kommunistischen Diktatur nachgezeichnet. Seine Essays bezeugen nun, wie er sich mit seinen literarischen Sujets auseinandergesetzt hat. Es sind Reflexionen über die Zeitgeschichte und die Verhaltensmuster der Protagonisten. Etwa wenn der gelernte Fotograf Nádas in "Grosses weihnachtliches Morden" von der Macht der Bilder, ihrer Instrumentalisierung beim Tyrannenmord des Diktator-Ehepaars Ceausescu von 1989 erzählt.

Ein Arzt wird nach der Tötung des rumänischen Herrschers aufgefordert, den Kopf des Toten in die Kamera zu halten.

"Indem wir uns diese zerstörerische Wahrnehmung zumuten, tragen wir die Logik der Diktaturen ins nächste Jahrtausend hinüber."

In der Körperwärme der Schriftlichkeit

Viele der 30 hier versammelten Essays unterstreichen nicht nur die große erzählerische Qualität von Péter Nádas, sie geben auch Einblicke in die Autorwerkstatt, in das was sein Schreiben ausmacht. Etwa in dem Text: "In der Körperwärme der Schriftlichkeit".

"Das Schreibenlernen kann man nicht mit Schreiben beginnen. Ich selbst zum Beispiel nehme nach dem Schreiben jeden Nachmittag das Nichtschreiben auf; um am nächsten Tag schreiben zu können, muß ich jeden Tag erfahren, wo die Grenze zwischen meiner Realität und der Realität meines Schreibens liegt."

Imre Kertész und sein Thema

Unter den vielen Schriftstellerkollegen, denen sich Nádas in seinen Essays nähert, befindet sich auch ein Porträt von Thomas Mann. Im psychologischen Erkunden seiner Figuren ist Nádas Mann sehr nahe, nicht aber in dessen Haltung als Schriftsteller, der selbst in der Familie seine Rolle als distanzhaltender Großschriftsteller spielte. In der Analyse der "Tagebücher Thomas Manns", so der Titel, entdeckt Nádas aber die Katharsis des Autors, der aufgrund seiner sexuellen Neigungen kurz vor dem Abgrund stand, hätte das Schreiben ihn nicht gerettet. Dem ungarischen Literaturnobelpreisträger Imre Kertész war Nádas auch freundschaftlich verbunden. Ihm zollt er im Essay "Imre Kertész und sein Thema" - gemeint ist Auschwitz - auch als Erneuerer der ungarischen Sprache Respekt.

"Schon immer hat Kertész` Thema seine literarische Leistung zu großen Teilen verdeckt, und dies wird wohl noch lange so bleiben. Im Nachhinein erkennt man, dass es die flexible ungarische Syntax ist, die seine Sprache zu solch unbeteiligter Sicht befähigt. In seiner Prosa bringt Kertész die quälende Wirklichkeit mit fast ungerührtem Blick zur Kenntnis."

Geheimes Selbstbild eines Schriftstellers

Kertész, der in Ungarn lange Zeit nicht geachtet wurde und auch in seiner Wirkung auf die ungarische Sprache verkannt worden ist, wird von Nádas als Meister der Syntax gewürdigt. Und wenn Péter Nádas in "Geheimes Selbstbild eines Schriftstellers" 1992 schrieb:

"Worte der Hoffnung sind heute im Schweigen besser aufgehoben."

So kann man als Leser nur dankbar sein, dass Nádas dieses Schweigen auch mit dieser Essay-Anthologie gebrochen hat. Möge der Wildbirnenbaum in seinem Garten ihm als Medium noch lange erhalten bleiben, um als Dichter (Zitat) "in die Ferne zu sehen oder in der Zeit zurückzublicken".

Buchrezension Péter Nádas- Leni weint

WDR 3 Buchrezension 04.01.2019 05:53 Min. WDR 3

Download

Stand: 04.01.2019, 11:31