Peter Handke - Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere

Peter Handke - Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere

Peter Handke - Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere

Von Martin Krumbholz

"Die Obstdiebin" ist ein Geschenk an den Leser, ein weiterer Meilenstein im Werk des Epikers Peter Handke.

Peter Handke
Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere
Suhrkamp Verlag, 2017
559 Seiten
34,00 Euro

Aufbruch eines Ich-Erzählers

Eine Handlung, um es gleich zu sagen, hat dieser Roman nicht, und es ist auch kein Roman – nicht einmal der Verlag hat darauf bestanden, Marketing hin oder her. Und die Obstdiebin – was hat es mit ihr auf sich? Ist der Titel metaphorisch zu verstehen, nascht da jemand an verbotenen Früchten, womöglich im Paradiesgärtlein?

Nein, er ist ganz wörtlich zu nehmen, die Obstdiebin ist eine junge Frau, die im Vorbeigehen gewohnheitsmäßig Äpfel oder Birnen oder sonst etwas stibitzt. Die Dramaturgie dieses fast 600 Seiten starken Buchs ist ein wenig vertrackt. Es beginnt nämlich mit dem sommerlichen Aufbruch eines Ich-Erzählers, unverkennbar Handke selbst, aus der Gegend am Rand von Paris in die Picardie. Das dauert etwa 150 Seiten. Die Obstdiebin kommt zwar namentlich schon vor, aber wirklich Gestalt nimmt sie erst danach an; da heißt es unvermittelt, es sei nun Zeit, zu sagen, was es mit der Titelheldin auf sich habe; die Geschichte wird nun ihre, der Ich-Erzähler verschwindet, und verabschieden tut er sich "auf Französisch".

Der Landschaft gewidmet

"Die Obstdiebin" ist ganz und gar der nordfranzösischen Landschaft gewidmet, in der die Geschichte spielt, der Landschaft und den Menschen darin, im Café, im Zug, auf dem Weg und sonst wo. An der Landschaft und den Menschen muss die Sprache sich bewähren, und sie tut es einerseits auf eine Weise, wie man sie von diesem Autor zu kennen glaubt:

"Die junge Frau tippte weder noch fingerte sie an einem Mobiltelefon herum. Sie bog nicht den Kopf nach hinten und schloss nicht die Augen. Sie öffnete und schloss keine Handtasche. Sie zwinkerte nicht, noch hob sie die Augenbrauen. Sie spielte weder die Unnahbare noch eine Nahbare. Sie saß nur da, fußwippend, und war mit sich still beschäftigt, und über sich hinaus."

Alles Sichtbare wird Sprache

Peter Handke

Peter Handke

Man kennt dieses Abwehren von Klischees, von sprachlichen Stereotypen aus Handkes Frühwerk. Andererseits geht er in seinen großen Epen, und "Die Obstdiebin" ist ein solches, weit über ein solches Negieren hinaus. Alles Sichtbare wird in Sprache verwandelt, in allen noch so beiläufigen Details. Da ist einer am Werk, der nicht etwa über eine Sprachgewalt, mit Gewalt hat das nichts zu tun, vielmehr über die allergrößte Sprachempfindlichkeit verfügt. Dazu gehört auch die Eigenart, sich selbst oder dem Leser Fragen zu stellen; damit öffnet Handke den Text, macht ihn durchlässig für Korrekturen und Verfeinerungen.

Eine weitere Eigenschaft des Buchs ist ein herrlicher Humor. Denn es ist ein Missverständnis oder ein bequemes Vorurteil, Handke sei ein Mystiker oder ein moderner Eremit, weil er die Natur feiert. Das tut er, aber wenn es dann beispielsweise um menschliche Schwächen geht, werden diese nicht misanthropisch entblößt, sondern durch wunderbar treffende Übertreibungen karikiert, wie hier in der weltbejahenden Rede des Vaters an seine Tochter:

"[…] niemand will dir etwas Böses […] Schau sie nur an, mit Augen, mit deinen, und alle, auch das über die Grenzen der Region bekannte Ekel, werden dir gut sein wollen […] Der Wildbetrunkene wird dir mit einer tiefen Verbeugung den Weg freigeben, wenn er dabei auch, Hals über Kopf, in die Dorfranddisteln fällt. Der Dorfdepp wird dir das Malzbonbon reichen, das er schon seit Jahrzehnten eigens zu diesem Zweck in der tiefsten der Hosentaschen mit sich herumträgt."

Eine Ästhetik der Aufmerksamkeit

Die Obstdiebin, die auch einen Namen hat, Alexia, ist übrigens auf der Suche nach ihrer Mutter, einer "Bankfrau", aber wie gesagt, die Handlung ist unwesentlich. Es gibt nicht einmal eine richtige Lovestory; zwar trifft die Heldin irgendwann ihren Helden, einen dunkelhäutigen Pizzaboten, und man kann nicht sagen, dass daraus "nichts wird", aber es heißt dann, ein geschlechtlicher Akt sei entbehrlich, oder genauer: eine übliche Vereinigung bleibe außer Betracht, man beachte den Doppelsinn; der Junge wird so schnell aus der Geschichte verabschiedet, wie er hineingeraten ist. Man muss so etwas genau lesen, denn so üppig instrumentiert diese Prosa ist – Handke schreibt kein Wort und schon gar keine Redensart bedenkenlos hin. Auf Rasanz und Spannung im landläufigen Sinn kann er verzichten, denn er beschenkt den Leser reich, indem er seine Satzgirlanden mit Sinn auflädt, mit Hilfe eines poetischen Aggregats, über den keiner so souverän verfügt wie er. Es ist eine Ästhetik der Aufmerksamkeit, die der Autor nun seit fünf Jahrzehnten entwickelt. Nein, er ist ganz und gar nicht weltfremd, er hat neuerdings sogar Tipps fürs Internet parat, wenn auch mit spitzen Fingern. Was übrigens den anfänglichen Ich-Erzähler betrifft, so drängt sich der Verdacht auf, es könne sich dabei um den Vater der Obstdiebin handeln; daher sein scheinbares Verschwinden. Aber beweisen lässt sich das nicht.

"Nichts mehr war ihm recht an seiner erwachsenen Tochter, trug sie Schuhe mit Stöckeln, so waren ihm diese zu hoch, und in flachen Schuhen fand er ihre Beine zu kurz. Kam sie mit kornblumenblauen Lidstrichen und schwarzgetuschten Wimpern, so ruckte ihm der Schädel weg vor solch einer Maskenvisage, war sie dagegen ungeschminkt, erschien ihm ihr unauffindbares Kindergesicht womöglich noch unauffindbarer, monströs vergrößert, befremdend nackt."

Kurz, ein Geschenk ist dieses Buch, ein weiterer Meilenstein im Werk eines der großen Autoren unserer Zeit.

Peter Handke - Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinne

WDR 3 Buchrezension | 06.12.2017 | 05:49 Min.

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Stand: 04.12.2017, 01:10