Peter Brasch - Schön hausen

Peter Brasch - Schön hausen

Peter Brasch - Schön hausen

Von Insa Wilke

Einer der schönsten Wende-Romane ist wieder da: traurig, komisch und lebensklug.

Peter Brasch
Schön hausen

Mit einem Nachwort von Marion Brasch
Eulenspiegel Verlag, Berlin 2019
176 Seiten
17,99 Euro

Diese Stimmung der Verzweiflung

Jetzt im Herbst wird wieder gefeiert. 30 Jahre ist er her, der Fall der Berliner Mauer, der Anfang vom Ende der DDR und das Ende des geteilten Deutschlands. Man wird ihn beschwören, den Spalt, der sich damals auftat und einen Blick zuließ auf ein anderes Deutschland als das des 20. Jahrhunderts. Vielleicht wird in diesem Jahr auch daran erinnert werden, was für eine verzweifelte Zeit die 90er Jahre für viele Menschen waren, besonders im Osten des Landes.

Diese Stimmung der Verzweiflung fängt ein Buch ein, dass 1999 schon einmal veröffentlicht wurde und vielleicht in diesem Jahr die Beachtung findet, die es verdient: "Schön Hausen" von Peter Brasch. Auf dem Buchumschlag wandert einer durch eine vom Mondlicht violett verzauberte nächtliche Landschaft, als befände er sich unter Wasser. Das wirkt magischer als es jetzt klingt und fängt den Stil des Autors ein. Kein Wunder, denn die Zeichnung stammt von Peter Brasch selbst (und übrigens nicht von seinem großen Bruder Thomas, wie das Impressum fälschlicherweise angibt). Wer einmal Peter Brasch gelesen hat, der weiß, dass Verzweiflung bei ihm nichts mit Selbstmitleid, nichts mit trüben Tassen, nichts mit Grau in Grau zu tun hat. Sondern mit Magie. Darum beginnt seine Geschichte auch nicht in Deutschland sondern in Italien.

"Am fünfundzwanzigsten Juni neunzehnhundertsechsundneunzig um sechs Uhr und einunddreißig Minuten fiel Gianluca Cardinale auf, dass er an diesem Sonntag nicht zur Arbeit gehen musste. Er hatte seine Anstellung als Kirchturmsglöckner von Checosabella aufgegeben, da er seit einiger Zeit an chronischer Höhenangst litt."

Peter Brasch: "Schön Hausen"

WDR 3 Buchrezension 21.10.2019 06:14 Min. Verfügbar bis 20.10.2020 WDR 3

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Zuhause, wann war das?

Dieser Gianluca aus Checosabella hat nicht nur seine Arbeit aufgegeben, er hat auch einen Vogel. Ein Rotkehlchen, genauer gesagt. Noch genauer: Ein ziemlich freches Rotkehlchen mit massiven Alkoholproblemen, die es aber mit Silberblick träumerisch weglächelt. Es heißt Giorgina und war mal eine Taube. Mit Giorgi, dieser Saufdrossel, verschlägt es Gianluca, wir werden nie verstehen warum und wie, auf den tristen Berliner Alexanderplatz. Auf Peter Braschs Alexanderplatz ist von Aufbruch und "Roaring Ninetees" nichts zu spüren. Nicht nur Gianluca stellt seinem Rotkehlchen die Frage: "Zuhause, wann war das?" Auch eine alte Imbissbudenbesitzerin mit sehr blauen Augen, die Gianluca und seinem Vogel "heiße Hunde" verkauft, fragt mit Blick auf die Veränderungen der letzten Jahre:

"Ob ich das alles nun schlecht oder gut finde, spielt keine Rolle. Ich sehe auf diesen Platz und frage mich: Was ist mit mir und dem Platz passiert?"

Der ganze Erinnerungsplunder

Anders als Gianluca findet Giorgina solche Fragen sentimental und schimpft über den ganzen "Erinnerungsplunder", während sie nach der nächsten Kneipe späht. Dieses derbe Vögelchen bringt die Heiterkeit und paradoxerweise auch den nüchternen Blick ins Buch, wenn Peter Brasch seinen Italiener mit den verschiedenen Melancholikern der Stadt zusammenbringt: mit dem frustrierten Intendanten des Populären Protesttheaters, der die neue Freiheit als totale Begrenzung begreift. Und mit einer arbeitslosen Einsameise, die aus ihrem Staatsverband ausgeschlossen wurde, mit Kalle Kurzweg, dem vom bundesrepublikanischen Alteigentümer nicht nur das Haus, sondern auch gleich die Frau weggenommen wurde und mit Kathleen, einer Irin, die in Wirklichkeit Katrin heißt und aus Niederwürschnitz im Erzgebirge stammt, wo sie Lehrerin für Staatsbürgerkunde war, bevor alles anders wurde.

"Der Anteil der Arbeitslosigkeit an der Veraffung des Menschen. Kathleen-Katrin nahm ein Papiertaschentuch und trocknete sich die Tränen ab. Der ganze Friedrich Engels, nur umgekehrt. Wir haben gelernt, wie es kam, dass die Arbeit des Greifens dem Affen die Arme und Hände frei machte, dann das Gehirn, weil er sich überlegen musste, was er mit diesen Gliedmaßen noch anfangen könnte. So hat der Affenmensch zu denken angefangen. Und jetzt ist dieser Prozess rückläufig. Die Hände sind frei. Wofür?"

Warum sind wir überhaupt hier?

Peter Brasch

Peter Brasch

Mit großer Herzenswärme widmet sich Peter Brasch diesen Leuten. Und mit Realitätssinn. Er versteht es, den Problemen der Wende-Jahre durch seine merkwürdigen, handfesten Figuren Gesichter zu geben. So ermöglicht er es uns Lesern, uns selbst mit den Augen anderer zu betrachten. Denn das sind ja nicht nur die Ost-Deutschen, sondern es sind unser aller Ängste und Wünsche:
Kalle Kurzweg, die falsche Irin, die Einsameise. Dass Brasch seine Porträts mit Humor und Selbstironie zeichnet, verhindert die ideologische Festlegung. Vor allem aber schwingt Peter Brasch sich nicht zum Sprachrohr für andere auf, sondern hat nichts weiter als ein sehr persönliches Buch über eine schwere Zeit geschrieben.

Ein Buch, das von Alkoholsucht handelt und von dem abgründigen Gefühl, nicht gebraucht zu werden:

"Warum sind wir überhaupt hier? Was haben wir hier zu suchen? Wir sind auf keiner Flucht, auf keiner Erholungsreise, wir sind im Niemandsland, an Niemandes Strand, am Garnichtmeer, und sehen mit Überdruss den Überfluss."

Seht her, es geht doch

Ganz am Schluss löst sich diese deutsch-deutsche Walpurgisnacht in einen Traum, in ein Wintermärchen auf. Marion Brasch, die der Neuausgabe von "Schön Hausen" ein Nachwort mit auf den Weg gegeben hat, schreibt über Peter Braschs Liebe zu Tieren: "Das Schöne ist, dass seine Tiere so gut wie nie einsam, sondern immer in Gesellschaft sind, das ist ja auch in dieser Geschichte so." Ja, das ist auch in dieser Geschichte so. Darum ist sie so bittersüß, denn ob es ohne ein sprechendes Rotkehlchen gelingen kann, den "Spaß am Vorhandensein" nicht zu verlieren, sei dahin gestellt. Peter Braschs Resümee ist jedenfalls: "Seht her, es geht doch."

Sein Buch ist ein feinsinniges Kunststück, lebensechte Zauberei, literarische Magie. Die entfaltet sich jetzt, nach zwanzig Jahren mit dieser Neu-Auflage erst richtig, weil der Druck der politischen Aktualität verflogen ist und man wieder wahrnehmen kann, dass es um die Schichten des Träumens, Wünschens und Fürchtens geht, die dahinter liegen. Im Leben, in der Politik und in der Literatur. Peter Brasch wusste das schon damals und hatte die Worte dafür.

Stand: 20.10.2019, 18:17