José Luís Peixoto - Galveias

Buchcover: José Luís Peixoto - Galveias

José Luís Peixoto - Galveias

Von Holger Heimann

Der portugiesische Schriftsteller José Luís Peixoto kehr mit seinem Roman "Galveias" zurück in das gleichnamige Dorf seiner Kindheit. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf archaische Lebensverhältnisse und blickt zugleich voller Empathie auf eine Gemeinschaft, die sich trotz aller Härten eine ganz eigene Würde bewahrt hat.

José Luís Peixoto: Galveias
Aus dem Portugiesischen von Ilse Dick.
Septime Verlag, Wien 2021.
310 Seiten, 24 Euro.

José Luís Peixoto: "Galveias"

WDR 3 Buchkritik 09.06.2021 04:50 Min. Verfügbar bis 09.06.2022 WDR 3


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Die Rückkehr ins Dorf seiner Kindheit

Der Alentejo gehört noch immer zu den ärmsten und rückständigsten Regionen Portugals. Im Norden der kargen, dünn besiedelten Gegend liegt das kleine Dorf Galveias. Hier wurde der Schriftsteller José Luís Peixoto 1974 geboren, hier ist er aufgewachsen. In seinem Roman "Galveias" kehrt er nun in das Dorf seiner Kindheit zurück.

"Ich wollte den Roman im Jahr 1984 ansiedeln. Einerseits kann ich mich an diese Zeit gut erinnern, denn ich war damals ein zehnjähriges Kind. Andererseits liegt zu diesem Zeitpunkt die Revolution, mit der die Diktatur endete, zehn Jahre zurück. Portugal erlebte eine mehr oder weniger normale Periode. Das war wichtig für mich, um über die Dinge schreiben zu können, von denen ich erzählen wollte."

Die Nelkenrevolution von 1974 hat zwar die Diktatur hinweggefegt und der Ausbeutung von Tagelöhnern auf riesigen Latifundien im Alentejo ein Ende gesetzt. Analphabetismus und Rückständigkeit hingegen überdauerten länger und ebenso fest verwurzelte Traditionen und Mentalitäten.

Es herrscht Perspektivlosigkeit im Dorf

In Peixotos "Galveias" sind zehn Jahre nach der Revolution auch die reichen Landbesitzer zurück. Bestimmt aber wird der Episodenroman von den vielen Habenichtsen im Dorf, von deren Sprach- und Perspektivlosigkeit, von einer stillen Duldsamkeit und Ergebenheit in die Umstände.

"Die alten Frauen, verwitwet oder nicht, kamen mit ihren Reisigbesen vor die Haustür. Mit dem Hinterteil nach oben, begannen sie zu kehren. Nach einer Weile hoben sie den Kopf und blickten um sich, um nachzusehen, ob es etwas Neues gab. Diese Ungewissheit dauerte bis mitten in den Vormittag hinein."

Ein verworrener Dorf-Kosmos

In jedem Kapitel lässt Peixoto eine neue Figur auftreten: Den alten Justino, der kaum noch Zähne hat und mühsam sein Brot kaut. Rosa, die ihre Exkremente in Tüten sammelt und ihre Rivalin in einem Moment des Aufbegehrens damit überschüttet. Oder Maria Assunta, die mit ihrem behinderten Sohn heillos überfordert ist.

Mit jeder der nur lose miteinander verknüpften Episoden wird der eigentümliche Dorf-Kosmos größer und vielschichtiger, faszinierender und verworrener. Von den Älteren im Dorf kann kaum jemand lesen und schreiben. Aber als die junge Lehrerin Kurse auch für Erwachsene anbietet, schlägt ihr harsche Ablehnung entgegen:

"Aber glauben Sie, alle haben auf Sie und Ihre Besserwisserei gewartet? Lassen Sie doch die Leute, wie sie sind. Kümmern Sie sich um die Kleinen, das ist ja ohnehin nicht wenig. Die ja, die sind im richtigen Alter."

Bestechende Detailschärfe

Peixoto lenkt die Aufmerksamkeit auf archaische Lebensverhältnisse und eine beinah mythische Rückständigkeit. Zugleich blickt er voller Wärme, Verständnis und Empathie auf eine Gemeinschaft, die sich trotz aller Widrigkeiten und Härten eine ganz eigene Würde bewahrt hat.

Dem Autor liegt Verklärung so fern wie Abrechnung. "Galveias" erzählt vielmehr mit bestechender Detailschärfe von einer fern und fremd anmutenden Lebensform, die keineswegs der Vergangenheit angehört.

"Es ist erstaunlich, wie viele Dinge sich nicht verändert haben. Natürlich gibt es technologische Entwicklungen, die uns alle betreffen. Auch der Eintritt in die Europäische Union brachte massive Veränderungen mit sich.  Aber vieles in den Dörfern ist wie früher. Darin spiegeln sich wichtige Aspekte der portugiesischen Identität, die wir erhalten sollten. Die Traditionen, die auf dem Land gepflegt werden, machen uns zu denen, die wir sind, zu unverwechselbaren Individuen."

Ein wirklichkeitspraller Dorfroman

José Luís Peixoto lebt schon lange nicht mehr in Galveias. Er hat in Lissabon studiert und ist mit seiner Frau und zwei Söhnen in einen kleinen Ort nur wenige Kilometer westlich von Lissabon gezogen.

"Wenn ich in mein Dorf zurückkehre, tue ich das als ein Anderer. Ich könnte da nicht mehr leben. Ich habe mehr als mein halbes Leben anderswo verbracht. Es gibt zwar diesen ländlichen Hintergrund, aber ich möchte nicht feststecken in einer früheren Version meines Selbst."

Mit seinem Roman aber hat José Luís Peixoto seinen Geburtsort und dessen randständige Bewohner in das literarische Gedächtnis seines Landes eingeschrieben. Portugal ist nicht nur Lissabon, sagt er. Sein wirklichkeitspraller Dorfroman führt das nachdrücklich vor Augen.    

Stand: 06.06.2021, 15:48