Pedro Badrán - Der Mann mit der magischen Kamera

Pedro Badrán - Der Mann mit der magischen Kamera

Pedro Badrán - Der Mann mit der magischen Kamera

Von Tobias Wenzel

Ein Mann versucht, das Wesen des Universums einzufangen, indem er ein Hotel und dessen Bewohner fotografiert.

Pedro Badrán
Der Mann mit der magischen Kamera

Aus dem Spanischen von Peter und Rainer Schultze-Kraft
edition 8, Zürich 2019
220 Seiten
22,20 Euro

Ich möchte diesen Ort retten

Es ist Stierkampfzeit in Bogotá. Die Emotionen der Zuschauer schwappen aus der Arena in das Viertel, durch das Pedro Badrán spaziert. In Gedanken ist er aber im karibischen Küstenort Cartagena, wo er einen Teil seiner Kindheit verbracht hat und wo es bis heute ein Hotel gibt, das aus der Zeit gefallen ist.

"Das Hotel Bella Vista hat für mich eine große Bedeutung. Das ist eine Obsession von mir geworden. Ich möchte diesen Ort retten, im Gedächtnis, in der Literatur bewahren, weil ich natürlich weiß, dass das Hotel verschwinden wird."

Badrán hat das Hotel zum Dreh- und Angelpunkt einiger Erzählungen und nun seines Romans „Der Mann mit der magischen Kamera“ gemacht: Tony Lafont hat sich in den Kopf gesetzt, mit exakt 3652 Polaroidaufnahmen das ganze Universum einzufangen, dessen Kondensat er im Hotel entdeckt zu haben glaubt:

"Meine Fotos sollen dieser Geruch nach Feuchtigkeit sein, der Riss in der Wand, das Maunzen der rolligen Katze, die Laken des Hotels, das Sirren eines Moskitos im Zimmer, die Brise, die durch den Patio weht, […]"

Eine Hommage

Im Roman, den Peter und Rainer Schultze-Kraft tadellos ins Deutsche übertragen haben, ist Tony Lafont verschwunden, aber durch seine Aufzeichnungen und Fotos und in der Erinnerung der anderen Figuren allgegenwärtig. Ein junger Mann, der vom Verkauf von Eulen aus Draht mehr schlecht als recht lebt; eine Jongleurin, deren traurige Verbindung erst am Ende des Romans klar wird; der Rezeptionist, der mit Tony Lafont befreundet war –alle warten sie sehnsüchtig auf die Rückkehr des Fotografen, während das Hotel vor dem Aus steht. Eine Hommage an das reale Hotel Bella Vista.

"Ich bin gewissermaßen ein Chronist des Hotels. Ich bin da praktisch aufgewachsen, hatte da Freunde. Ich hatte in diesem Hotel eine wunderbare Zeit als Jugendlicher, weil ich über diesen Ort mit der Welt verbunden war: Ins Hotel kamen viele Hippies, Ausländer, Künstler und viele Wahnsinnige, Verrückte."

"Tony […] wollte nicht nur Bilder von den Zimmern haben, sondern auch von den Gästen, den gegenwärtigen und den ehemaligen, von allen, die je im Hotel abgestiegen waren, und sei es nur für eine Nacht, und deshalb müsse er in einigen Jahren um die Welt reisen, um alle Gäste aufzuspüren, Männer und Frauen, keiner darf fehlen, […] keiner, sagte er in seinem Schaukelstuhl, die weit offenen Augen aufs Meer gerichtet und mit seiner magischen Kamera um den Hals."

Pedro Badrán: "Der Mann mit der magischen Kamera"

WDR 3 Buchrezension 08.05.2019 05:54 Min. Verfügbar bis 06.05.2020 WDR 3

Download

Lebenskünstler mit Würde

Pedro Badrán

Pedro Badrán

Badrán hat sich Tony Lafont nicht etwa über einen allwissenden Erzähler genähert, sondern aus den verschiedenen Perspektiven der Figuren, die sich an ihn erinnern. Das war eine kluge Entscheidung. Denn dadurch wird Lafont zu einer nie ganz zu fassenden, einer gleichsam mythischen Gestalt. Und das macht zum Großteil den Reiz dieses Romans aus. Hinzu kommt, dass Badrán ein Könner darin ist, Atmosphäre zu schaffen:

Als Leser wähnt man sich bald selbst in der karibischen Hitze und empfindet den beschriebenen Schattenwurf eines Baumes als rettende Abkühlung.

Badrán belässt seinen Figuren, den Außenseitern und Überlebenskünstlern, immer ihre Würde. Auch, wenn er sie als kleine Gauner schildert wie Lascario, der Affären mit Touristinnen eingeht, um sie schriftlich um Geld für seine angeblich kranke Mutter zu bitten:

"Die Gringas schicken dann natürlich ein paar Dollar, und wenig später kommt er in einem neuen Tropenhemd an, mit Terlenkahosen, Lackschuhen und Sonnenbrille. Seit zwei Jahren lebt Lascario von diesen Krankheiten, zwei Leukämien, einer Bauchspeicheldrüsenentzündung, drei Thrombosen, einer Blutvergiftung, vier Fällen von Hepatitis, fünf Lungenentzündungen, einem Herzstillstand, einer zerebralen Ischämie und vier Niereninsuffizienzen, die eine kostspielige Dialysebehandlung erforderten."

Die Essenz des Makrokosmos im Mikrokosmos

Pedro Badrán ist mit "Der Mann mit der magischen Kamera" ein beachtlicher Roman gelungen, eine Liebeserklärung an die Stadt seiner Jugend und an ein altmodisches Hotel, das Menschen nicht nur beherbergt, sondern sie auch zusammenbringt und ihre Geschichten einfängt. Wer dieses Buch liest, wird die abwesend anwesende Hauptfigur des Tony Lafont nicht mehr vergessen, diesen verrückten, getriebenen Künstler, der seinen Weltschmerz lindert, indem er die Essenz des Makrokosmos im Mikrokosmos eines Hotels zu fotografieren versucht:

"[…] ohne mich anzusehen […] sagte er, dass sich unter diesem Hotel ein weiteres Hotel befände, das genau wie dieses aussah, aber umgekehrt war, also auf dem Kopf stand, und in dem die Gäste wohnten, die schon gestorben waren und die, auch wenn sie es gewollt hätten, nie von Tony Lafont hätten fotografiert werden können. […] irgendwann, sagte er mir, würde er ein Foto von einem Geist machen, und wenn er mit den 3652 Fotos fertig sei, würde er daran gehen, mit seiner Polaroidkamera Geister zu verfolgen, das wäre sein nächstes Projekt."

Stand: 07.05.2019, 12:11