Patrice Gueniffey - Bonaparte 1769-1802

Patrice Gueniffey, Bonaparte 1769-1802

Patrice Gueniffey - Bonaparte 1769-1802

Von Jochen Stöckmann

Mit fünfundzwanzig Jahren war Napoleon Bonaparte ein kleiner Offizier, mit fünfunddreißig wird er Kaiser - der französische Historiker Patrice Gueniffey zeichnet seinen Bonaparte als Akteur in einem facettenreichen und verworrenem Spiel der Kräfte.

Patrice Gueniffey
Bonaparte 1769-1802
Aus dem Französischen von
Barbara Heber-Schärer, Tobias Scheffel und Claudia Steinitz
Suhrkamp Verlag, 2017
1296 Seiten
58,00 Euro

Napoleon Mann und Mythos

Ein großer Mann, der Geschichte schrieb – und dessen Geschichte vielfach beschrieben wurde. Unzählige Biographien stützen sich auf hinlänglich bekannte Fakten, die sie allenfalls neu arrangieren oder gar „literarisieren“. Das macht die Gattung populär, verschafft ihr aber unter Wissenschaftlern einen schlechten Ruf. Deshalb hat der französische Historiker Patrice Gueniffey seine „Bonaparte“-Biographie unterfüttert mit Ökonomie, Alltagsgeschichte, Staatsrecht oder Militärwesen. Das sind Felder, auf denen der Schüler des einflussreichen Revolutionshistorikers Francois Furet bestens bewandert ist. Außerdem verfügt Gueniffey als Herausgeber einer kritischen Edition der Napoleon-Korrespondenz über stupendes Detailwissen. Aber als Biograph bleibt für ihn die entscheidende Frage:

"Wie kann man sich in die Verhältnisse hineindenken, ohne sich in Details zu verlieren? Wenn Napoleon als die Verkörperung des „großen Mannes“ gelten kann, muss man die außergewöhnlichen Umstände beschreiben, die es ihm möglich machten. Und schließlich den „einen einzigen Augenblick“ herausfinden, auf den sich, wie Borges sagt, jedes „Schicksal, wie weitläufig und verschlungen es auch sein mag“, reduzieren lässt."

Das ist ein Weg, um dem Napoleon-Mythos auf den Grund zu gehen. Daneben eröffnet Gueniffey – mit Zitaten von Historikern, Schriftstellern, Philosophen – ein vielstimmiges Gespräch. Denn:

"Was die Wahrheit eines Menschen angeht, ist nie das letzte Wort gesprochen."

Patrice Gueniffey - Bonaparte 1769-1802

WDR 3 Buchrezension | 09.02.2018 | 05:42 Min.

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Ein geschichtsphilosophischer Diskurs

Gestritten wird auch nach über einem Jahrhundert noch über konträre Napoleon-Bilder, wie sie der Historiker Jules Michelet entwickelte, Begründer einer republikanischen Geschichtsschreibung, oder Hippolyte Taine, Verfechter des elitären Ideals vom "Tatmenschen". Gueniffey bringt den Romantiker Chateaubriand in Stellung gegen Tocqueville, den nüchternen Analytiker politischer Strömungen. Und er lässt heutige Napoleon-Kenner wie Jean Tulard zu Wort kommen.

Patrice Gueniffey

Patrice Gueniffey

Daraus ergibt sich ein geschichtsphilosophischer Diskurs, der wiederum verwoben ist mit einer dichten, spannenden Beschreibung: nicht der psychologischen Introspektion einer „Persönlichkeit“, sondern der politischen Wirkung und Bewertung von Napoleons Taten. Die einen sehen in dem zum Politiker aufgestiegenen General den Erben, die anderen den Totengräber der Revolution. Und Gueniffey? Er schildert den Konsul auf Lebenszeit von 1802 – und womöglich im noch ausstehenden zweiten Band auch den späteren Kaiser – als Vollstrecker, im buchstäblichen Sinn als „Exekutor“ der Revolution. Denn deren Kopf, Robespierre, wurde 1795 zu Fall gebracht von Napoleon – der sich ein Jahr zuvor noch für den führenden Politiker der Jakobiner stark gemacht hatte.

"Er neigte instinktiv zu Robespierre, weil dieser die Autorität, die Diktatur, die starke Macht verkörperte. Dann ergriff er Partei für die Sieger über Robespierre und wandte sich gegen die Anhänger einer neuen „Revolution“: Wenn sie überhaupt „beendet“ werden konnte, dann durch die Macht und nicht durch Umwälzungen, die sie verhängnisvoll verlängern würden."

Ein sehr französisches Napoleon-Bild

Das war nur konsequent bei jenem Ordnungsstreben, das Gueniffey deutlich hervortreten lässt – als durchaus positiven Charakterzug. Auf Wertungen mag der Historiker nicht verzichten. Hin und wieder zieht er Parallelen, schlägt den Bogen ins 20. und 21. Jahrhundert, vor allem gegen marxistische Theoretiker oder sozialistische Utopisten. Und endet mit einem ambivalenten und sehr französischen Napoleon-Bild:

"Auch wenn er völlig unabhängig von den Interessen der französischen Gesellschaft handelte, blieb er doch deren Repräsentant, und zwar jener kollektiven Passion, in der die Liberalen des 20. Jahrhunderts einen nationalen Fluch sahen: in der Gleichgültigkeit gegenüber der Freiheit, der Zustimmung zum Despotismus, vorausgesetzt, die Gleichheit wurde gehätschelt und das Opfer der Freiheit mit Größe bezahlt."

Wenig Zahlen und Fakten

Den metaphysischen Erwägungen über "das Opfer der Freiheit" lässt Gueniffey nur wenig Zahlen und Fakten folgen. Aber nach 1802 beherrschte Napoleon Frankreich nicht nur mit einer übermächtigen Exekutive, auf Kosten des Parlaments, der Demokratie. Der Diktator ließ die Feinde seiner "republikanischen Ordnung" gnadenlos verfolgen, mit einer Konsequenz, die den Schreckenszeiten der revolutionären "terreur" kaum nachstand. Gueniffey erwähnt mehr als 100 Jakobiner, die 1801 als "Gefährder", als potentielle Attentäter auf Gefängnisinseln verbannt wurden. Aber das war nur der Anfang. 1810 gab es allein in Paris an die 4500 politische Gefangene. Das ist mehr als ein Detail. Es bleibt eine bittere Wahrheit – um die der Napoleon-Biograph bei aller Verehrung im abschließenden zweiten Band eigentlich nicht herumreden dürfte.

Stand: 09.02.2018, 09:00