Friederike Mayröcker - Pathos und Schwalbe

Friederike Mayröcker - Pathos und Schwalbe

Friederike Mayröcker - Pathos und Schwalbe

Von Dirk Hohnsträter

Leben auf Papier: Das unbändige neue Buch der Dichterin Friederike Mayröcker ist ein Ereignis.

Friederike Mayröcker
Pathos und Schwalbe

Suhrkamp, Berlin 2018
265 Seiten
24 Euro.

Ein Werk aller Register

"Mäntelchen ich weine mir die Augen aus… du bist gezeichnet sagt er, hast du das GRAZ-GEFÜHL? ich liebäugelte mit Fenstersturz, wirst du dich hinausschwingen? das ist ungeheuer dieses taumelnde Leben, das Belieben des Hegel, Passagen am lichtblauen Firmament. Zimmernachbarin trompetet am Morgen, ihr Trällern: Zerstörung meines melancholischen Temperaments, ich bin verzagt mein Auge ohne Hoffnung, im Schock hörten die Haare zu wachsen auf, jetzt die Stunde der Wahrheit."

Von wegen Verstummen. Ein prallvolles Buch ist anzuzeigen, dichteste Texte, ein Werk aller Register. Wenn man es liest, müsste man es hören, um dem Klang gerecht zu werden; hört man es hingegen, will man die Typografie vor Augen haben. Was da allein auf einer einzigen Seite an Wörtern und Rhythmen, an Kapitälchen und Kursivierungen, an kleinen Zeichnungen, Leerstellen und Verweisen geliefert wird, das reicht andernorts für einen ganzen Band:

"mit Filzstift gemalt : Riesenvogel aus Wolke, gerougte Alpenkette im Westen, weh mir Inselchen zerzausten Himmels, Westhimmel am Nachmittag wir schreiben den 12. Januar 2016 mit durchgestrichener Blutspur eigentlich blutrotes Bündel v. Wolke, indes perlender Schauer niedersinkt, ansichtig geworden : Kulisse sich verschiebend, ausgefranstes schreiendes Gebilde aus Wassertropfen, wirbelt es in meinem Kopf usw., die bunten Teilchen oder mausgrau …… mein Geistchen ade!"

Friederike Mayröcker - Pathos und Schwalbe

WDR 3 Mosaik | 14.05.2018 | 04:28 Min.

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Einem Exil gleich

Im Sommer 2015 musste die Mayröcker für 11 Wochen in ein Krankenhaus. Für sie, die ohne ihre legendäre, mit Büchern und Papieren vollgestopfte Wiener Wohnung nicht arbeiten kann, kommt dieser Aufenthalt einem Exil gleich. Endlich zurück, verwandelt sie die im Krankenhaus notierten Protokolle in Poesie. Das Ergebnis, am 19. September 2017 abgeschlossen, liegt jetzt vor: als Band 1504 der Bibliothek Suhrkamp.

"es kam kein Wort über meine Lippen, sei es, ich war erschüttert über diese sausende Stille und Wärme, umgaben uns diese rosa pickenden Vögel Kolibris etwa ein Glücksempfinden damals an jedem ersten Frühlingstag setzten wir uns mit schwarzen Mäntelchen in eine Gastwirtschaft im Freien so, weinten wir in diesen Märztagen und blühte in uns,"

Die Welt der Mayröcker

Friederike Mayröcker (2009)

Friederike Mayröcker (2009)

Wer will, kann diesen Band als Vademecum in die Welt der Mayröcker lesen. Es ist ein Buch, das die Elemente ihrer Existenz versammelt: Naturwahrnehmung und künstlerische Referenzen, Erinnerungen und Träume, Einfälle und Stimmen. Viel zu energiegeladen, um in routinierte Stilübungen zu verfallen, handelt es sich um einen ebenso schonungslosen wie bezwingenden Band.

"nachts in der Dunkelheit des Gartens schimmerte Rosenbusch, fast schon Morgen, weil keine Schreibfläche zur Hand, sagst du, weil keine Schreibfläche im Quartier und würde so sehr eine Schreibfläche benötigen, weil sonst alles in Ungemach."

Ein poetisches Verfahren

Es ist kein Altersstil, den die Mayröcker in ihren letzten drei Bänden entwickelt und in ihrem neuesten fortgeführt hat. Vielmehr sollte man von einer Altersschreibweise sprechen, von einem poetischen Verfahren, das Bewegung garantiert und dessen Erträge sich dem Erstarren entziehen.

"grün ist dieser Tag so rasend grün, Eichelhäher oder Eichenblatt auf den Fliesen des Korridors. Im grauen Spitzenhemdchen ein Spitzensperling: ein Spatz : schrilles Vöglein, birdie, in den Gebüschen der herannahenden Jahreszeit,"

Leben auf Papier

Im Grunde genommen ist dieses unerhört konzentrierte Buch gar nicht fertig. Man kann es, auch nach der Lektüre, an einer beliebigen Stelle wieder aufschlagen und sich erneut davon in den Bann ziehen lassen. Es ist Leben auf Papier, unbändig, überbordend, einzigartig:

"(…) habe mir auf Schummelzettel die Vokale des Frühlings notiert, meine Knie beim Tippen als Tischchen weil sonst keinerlei Platz, Novalis’ „Blühthenstaub“, ich meine überquellender ovaler Teller (aus Mama’s Küche) mit Stilleben = Sittichen v. Frühling, (raschelt mir an rechter Schulter = Wildwuchs Papier usw.), heule los weil so ergreifend, hier: wie Bildende Kunst, Opulenz, nämlich. Dieses mein Leben = ohne Geländer,"

Stand: 14.05.2018, 09:00