Manfred Faßler - Partizipation ohne Demokratie

Manfred Faßler - Partizipation ohne Demokratie

Manfred Faßler - Partizipation ohne Demokratie

Von Martin Hubert

Ein Nutznießer der Coronakrise werden wahrscheinlich die großen Datenkonzerne sein. Der Frankfurter Medienwissenschaftler und Kulturanthropologe Manfred Faßler analysiert eine Gesellschaft, die von Facebook und Co, entscheidend geprägt ist.

Manfred Faßler
Partizipation ohne Demokratie
Über die Folgen der Netz-und Geopolitik von Facebook, Google, Amazon Co

Wilhelm Fink Verlag, München, 2020
261 Seiten
89 Euro

Manfred Faßler: Partizipation ohne Demokratie

WDR 3 Buchkritik 22.05.2020 05:35 Min. Verfügbar bis 22.05.2021 WDR 3

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Es gibt Bücher, die ziemlich abstrakt und theorielastig sind.

Trotzdem lohnt es sich, sie zu lesen, weil sie die Perspektive erweitern. Manfred Faßlers Buch über die Chancen der Demokratie in einer zunehmend datenvernetzten Gesellschaft fällt eindeutig in diese Kategorie. Faßler geht davon aus, dass kritische Debatten über dieses Thema momentan abstrakt bleiben müssen. Denn die Entwicklung schreite so rasch voran, dass es zunächst nur darum gehen könne, den allgemeinen Trend dahinter theoretisch zu begreifen. Faßler möchte dazu beitragen, indem er die Folgen der Netz-und Geopolitik von Facebook, Google, Amazon und Co in einen größeren historischen Kontext stellt.

"Der Mensch, Homo sapiens, hat sich zum ersten Mal in seiner kurzen Geschichte von 200.000 Jahren auf eine datentechnologische Erfindungslogik eingelassen, die alles zusammen ist: Umwelt, Mitwelt, Wohnzimmer, Arbeitsplatz, strukturelle Gewalt, libertärer Raum, Überwachung, Befreiung, Robotik, Kreativitätschance, virtuelle Nachbarschaft, künstliche Intelligenz."

Eine völlig neue Lebensform

Wenn heute fünf Milliarden Menschen mit zehn Milliarden datentechnischen Maschinen und Programmen verbunden sind, dann ist für Faßler eine völlig neue Lebensform entstanden. Erstmals in der Geschichte sind Mensch und Technik innig miteinander verbunden. Digitale Technik und maschinelle Lernprogramme sind nicht mehr nur Hilfsmittel für den Menschen, sondern steuern viele Prozesse selbst. Für Faßler ist diese historische Entwicklungsstufe unumkehrbar, sie zwingt dazu, neu über gesellschaftliche Organisation und Legitimation nachzudenken. Man dürfe Demokratie nicht mehr auf politische Prinzipien wie Wahlen, Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit reduzieren. Sie sei vielmehr als gesamtgesellschaftliches Prinzip zu verstehen, das sich evolutionär immer weiter entwickelt. Es geht für Faßler um möglichst viel selbstbestimmte Zusammenarbeit in der Organisation der eigenen Lebensverhältnisse.

Zwar glaubten heute viele Menschen, dass sie ihre Welt selbst gestalten würden, wenn sie in den sozialen Netzwerken kommunizieren, online einkaufen, ihre Meinungen posten und sich intelligent mit ihrer Umwelt vernetzen. In Wirklichkeit aber sind sie dabei der Logik intelligenter datenverarbeitender Maschinen unterworfen, die den Interessen der globalen Datenkonzerne gehorcht. Das meint Faßler mit dem Buchtitel "Partizipation ohne Demokratie".

"Das erste Problem von Demokratie ist die hohe soziale Akzeptanz der Daten-enteignung, anonymer Datenspeicherung und endloser Wiederverwendung von Daten. Wir, die User*innen, sind soziale Komplicen der Anbieter digitaler Infrastrukturen, Smarter Häuser, Big Data, 3D-Drucker, Wissensmodellen, Sharing- und Partizipations-Lügen."

Wie können wir mehr Souveränität über diese technologisch bestimmte Lebensform gewinnen?

Manfred Faßler

Manfred Faßler

Faßler hält Wahlen sowie die staatliche Sicherung von Infrastruktur, sozialen und rechtsstaatlichen Standards weiterhin für notwendig, da die Menschen auch in Zukunft noch in Nationalstaaten leben werden. Diese klassischen Mechanismen der politischen Demokratie seien aber zu langsam für die dynamische Welt global vernetzter Projekte, in denen Menschen unterschiedlicher Nationen zusammen arbeiten, Daten produzieren und Meinungen bilden. Daher fordert Faßler parallel zur klassischen politischen Demokratie eine genossenschaftliche, also selbstorganisierte "Projekt-Demokratie".

"Die Projekte-Demokratie, die ich anspreche, wird von Gruppen einer neuen Globalen Projekte-Mittelklasse vorangetrieben. Ihre Einkommenssituationen sind uneinheitlich, nicht nur wegen den überlieferten nationalen Ökonomien und deren lokalen Verdienstskalen. Sie hängen zudem von der Kurzfristigkeit der Projekte ab, für die kein stabiles Berufsbild, kein stabiler Arbeitsmarkt, kein steuerbares langfristiges Marktgeschehen existiert."

Faßler geht es um eine Demokratisierung der globalen Datenwelt von unten.

Jeder, der Daten nutzt, produziert oder weiterverarbeitet, müsse dafür kämpfen, soviel Souveränität wie möglich zu erlangen: über die Verwendung seiner Daten, seine Arbeitszeit, seine Arbeitsbedingungen und die Ausrichtung seiner Projekte. Das müsse von nationalstaatlichen Institutionen zwar flankiert und abgesichert sein, könne aber nicht alleine von ihnen durchgesetzt werden.

Was früher Demokratisierung der Arbeitswelt hieß, fordert Faßler also nun für die globale Datenwelt. Er kämpft sich in seinem Buch über viele kleinteilige und oft skizzenhaft bleibende Theoriereflexionen bis zu diesem Grundgedanken durch. Leider führt er ihn nicht weiter aus. Das ist der Preis der „notgedrungenen Abstrahierung“, die Faßler sich und dem Thema verordnet hat. Das Buch hat so eher den Charakter eines Gedankenexperiments. Dennoch macht es eindringlich klar, vor welcher gigantischen Herausforderung die datenvernetzte Gesellschaft in puncto Demokratisierung erst noch steht. Politische Institutionen und Verwaltungen zu digitalisieren, allgemeine Datenschutzrichtlinien zu erstellen oder Online-Abstimmungen einzuführen – das wird bei weitem nicht genügen.

Stand: 21.05.2020, 12:42