Christina Pareigis - Susan Taubes. Eine intellektuelle Biographie

Christina Pareigis - Susan Taubes. Eine intellektuelle Biographie

Von Hans-Peter Kunisch

Christina Pareigis hat die erste Biographie der Schriftstellerin, Philosophin und Susan-Sontag-Freundin Susan Taubes geschrieben, die mit ihrem Roman "Divorcing" Ingeborg Bachmann zuvorkam.

Christina Pareigis: Susan Taubes. Eine intellektuelle Biographie
Wallstein Verlag, Göttingen 2021.
472 Seiten, 29 Euro.

Christina Pareigis: "Susan Taubes. Eine intellektuelle Biographie

WDR 3 Buchkritik 23.03.2021 05:44 Min. Verfügbar bis 23.03.2022 WDR 3


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Als Zweijährige von der Mutter verlassen

Die junge Zsuzsanna Feldmann war kapriziös und altklug zugleich. Das hat auch mit ihrem ungewöhnlichen Elternhaus zu tun. Ihre Mutter verließ die Familie als "Zsuzsa" zwei war und kam nur zu Besuch.

Ihr Vater Sándor Feldmann, Spross einer alten Rabbinerfamilie und ein bekannter Psychoanalytiker, war schon vor hundert Jahren von antiautoritärer Erziehung überzeugt. Er behandelte seine einzige kleine Tochter wie eine Erwachsene, mit der man über alles vernünftig reden kann. Etwa darüber, dass sie natürlich einen Elektra-Komplex habe und in ihn verliebt sei.

Taubes einziger veröffentlichter Roman

So lernte Taubes früh, dass kreative Männer für die eigene Entwicklung nicht besser sein müssen als dumme. In ihrem einzigen veröffentlichten Roman "Divorcing", dessen deutscher Komödien-Titel "Scheiden tut weh" die existentialistische Intensität des Texts völlig verfehlt, machen Beobachtung und Abwehr des Geredes männlicher Geistesgrößen einen bedeutenden Teil des Lebens ihrer weiblichen Hauptfigur aus.

Sophie Blinds Anstrengungen müssen allerdings vergebens bleiben. Sie ist schon zu Beginn des Buches tot. Im Dauerregen frisch vom Frisör kommend, vergisst Sophie beim Kampf um ein Taxi die anderen Autos:

"Es geschah so plötzlich, außerdem dachte ich gerade an etwas anderes. Aber mit ziemlicher Sicherheit bin ich tot. Es steht in der Zeitung. (…) Und das Gefühl, wie mein Kopf vom Rumpf gerissen wird, lebt noch nach, mein Körper wächst ins Unermessliche, Billionen von Zellen sind plötzlich freigesetzt, drängen sich jubelnd, eilen zu den sieben Toren von Paris hinaus: Porte de Clichy, Porte de la Chapelle, Porte d`Orléans…"

Eine surreale Mischung aus Realität und Fiktion

Der Tod des Alter Ego von Susan Taubes ist ein makabrer Witz, aber gleichzeitig Erlösung. Ähnlich wie Ingeborg Bachmann in ihrem berühmten Roman "Malina", der zwei Jahre später erschien, arbeitet "Scheiden" mit der surrealistischen Durchmischung von realen und imaginären Welten. Wobei Susan Taubes Sophies Mann Ezra Blind weniger mit Bitterkeit, mehr mit verzweifelt sarkastischem Spott vernichtet.

Was in der bissigen Satire des Romans weniger zum Vorschein kommt, ist die anfänglich beflügelnde Bindung zwischen den beiden.

Im Schatten von Jacob Taubes und Susan Sontag

Christina Pareigis, die jetzt die erste, informative und spannend geschriebene Biographie von Susan Taubes vorlegt, hat am Berliner Zentrum für Literaturforschung ihren Nachlass betreut und schon vor einigen Jahren die vielen frühen Briefe des Paares herausgegeben. Sie sind eine mitreißende Mischung aus Liebesbezeugungen und gemeinsamen philosophischen Anstrengungen zweier junger Menschen, die die moralische Leere der Welt nach der Vernichtung jüdischen Lebens durch die Shoah auszuhalten versuchen.

Wobei Christina Pareigis in ihrer Biographie Wert darauf legt, dass Susan die eigentliche philosophische Kapazität gewesen sei, der bekanntere Jacob mehr von ihr profitierte, als er sich ihr und sich selbst gegenüber eingestand. Aber auch ihre Freundin, die Philosophin Susan Sontag, wird von Pareigis kritisiert. Während Sontag behaupte, es habe sich zwischen den beiden Frauen nur um eine "freundschaftliche" Beziehung gehandelt, nicht um eine "intellektuelle", schreibt Pareigis, dass eine Rezension von Essays zu Simone Weil 

"(…) von einer Kenntnis der Arbeiten ihrer Freundin zeugt, obwohl sie diese nirgendwo erwähnt."

Im Klartext: die bekanntere Susan habe den Einfluss der unbekannteren verheimlicht.

Die Auseinandersetzung mit der Religion ihres Mannes

Notwendig waren die Briefe zwischen Susan und Jacob Taubes wegen immer wiederkehrender räumlicher Trennungen. Schon kurz nach der Heirat trat Jacob eine Stelle an der Hebrew University in Jerusalem an. Susan kam kurz mit, setzte in den USA ihr Studium fort, lebte dann zeitweilig in Paris, wo sie bei Jean Wahl studierte und Albert Camus kennen lernte. Manchmal war sie allerdings auch sie allein in Jerusalem. Wo sie schon durch ihr Interesse für Heidegger und einen Hang zu Lippenstift negativ auffiel. Sie ließ sich nicht beirren und blieb eine elegante, früh emanzipierte Frau, die mit der offiziellen jüdischen Religion nicht klarkam, obwohl sie es, ihrem Mann zuliebe, versuchte.

"Weil ich Dich liebe und weil wir unsere beiden Leben zusammenfügen müssen, will ich Wahrheit sehen, wo du Wahrheit siehst (...) aber jedes Mal finde ich dort nur Enttäuschung. Es ist schrecklich und vielleicht das Furchterregendste, was mir begegnet ist: nicht glauben zu können, was andere glauben und in keiner Tradition leben zu können."

Das Gefühl der Heimatlosigkeit blieb

Pareigis hat eine sog. "intellektuelle Biographie" geschrieben. Sie verwendet Biographisches nicht anekdotisch, sondern fast nur, wenn es die persönliche gedankliche Entwicklung verdeutlicht. So wird klar, wie sehr sich Susan Taubes bemüht, einen eigenen philosophischen Weg zu finden. Allmählich wendet sie sich vom durch den Nationalsozialismus kompromittierten Heidegger ab und der französischen Existentialistin und Widerstandskämpferin Simone Weil zu. Deren ethische Radikalität zieht sie an.

Aber nichts konnte Susan Taubes das Gefühl der Heimatlosigkeit nehmen, das sie am Ende ausgerechnet in Budapest überfällt - weder neue Liebhaber noch ihre alte Stadt. Schon während der Reise schreibt sie ins Tagebuch: "in zwei Wochen werde ich mich ertränken." 

Stand: 22.03.2021, 14:20