Buchcover: "Sanatorium" von Abi Palmer

"Sanatorium" von Abi Palmer

Stand: 21.06.2022, 07:00 Uhr

Die britische Künstlerin Abi Palmer ist chronisch krank. Vom Kurbad in den Luxusthermen von Budapest und einer aberwitzigen blauen Plastikwanne in London erzählt sie in dem autobiografischen poetischen Essay "Sanatorium". 
Eine Rezension von Dorothea Breit.

Abi Palmer: Sanatorium
Aus dem britischen Englisch übersetzt von Astrid Köhler und Henrike Schmidt.
Ink Press Zürich, 2022.
224 Seiten.

"Sanatorium" von Abi Palmer

Lesestoff – neue Bücher 21.06.2022 05:47 Min. Verfügbar bis 21.06.2023 WDR Online Von Dorothea Breit


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Ein ärztliches Missgeschick bei der Geburt führt zu lebenslanger Krankheit. Eine entzündliche Arthritis, chronische Schmerzen, Paralyse, Müdigkeit.

"Ich beginne, die Opiate abzusetzen. Es ist gar nicht so schlimm, wie ich dachte (obwohl ich die ganze Woche meine Pobacken zusammenkneife, um es in letzter Sekunde aufs Klo zu schaffen)."

Die junge Londoner Künstlerin Abi Palmer erzählt vom Leben in einem geschwächten, unbeweglichen Körper. Erschütternd, witzig und abenteuerlich zugleich. Sie ist fünfzehn Jahre alt, als sie zum ersten Mal eine Befreiung aus den Fesseln der Schwerkraft erfährt: eine Levitation, ein Verlassen des Körpers.

"Ich fühlte Verwunderung, dass ich mich so frei und von der Erde gelöst bewegen konnte. Wir hatten alte Holzfußböden, und ich schwebte darüber, knapp einen Meter, und sah mir die Dinge in meinem Zimmer an. (...) Wenn ich aus meinem Körper steige, geschieht das nicht immer so leicht wie beim ersten Mal. Manchmal ist der Druck bei der Bewegung zwischen den beiden Welten unangenehm heftig. (...) ich fühle, wie mein Körper gegen sich selbst drückt. Ich fühle, wie mein Geist gegen die Ränder meines Körpers drückt und darum bettelt, heraus zu dürfen, und mein Körper hält ihn zurück."

Gedanken- und Erinnerungssplitter, tagebuchartige Notizen, surreale Visionen fügen sich zu einem fragmentarischen autobiografischen Text, der sich fließend zwischen Abi Palmers Alltag in London und einem vierwöchigen Kuraufenthalt in Budapest entfaltet. Darüber schwebt etwas abgehoben ein intimer, ekstatischer Dialog mit der Mystikerin Teresa von Avila, die sie sich als eine Art Gleichgesinnte oder Schwester im Geiste auserwählt hat.

Ein Forschungsstipendium ermöglichte der Künstlerin den Aufenthalt in dem luxuriösen, noch zu K.u.K.-Zeiten erbauten Kurhotel in Budapest, das nicht nur wegen der Heilkraft des Schwefelwassers berühmt ist.

"Hi. Hier ist Abi. Dies ist Tag drei meines Sanatoriumaufenthalts. Ich fange an, ein bisschen verrückt zu werden. Ich fange an, mich einzugewöhnen. Mir ist klargeworden, dass Zeit einfach eine Abfolge 10-minütiger Intervalle ist. Du wachst auf. Eine Pflegekraft bringt dir Eier zum Frühstück und hilft dir, die Sachen für den Tag zusammenzupacken, denn du bist sehr müde. Du fährst mit deinem Elektromobil rückwärts aus der Tür und zuckst wegen des lauten Gepiepes zusammen."

Abi beschreibt das Hineinhorchen in den empfindlichen, im Wasser schwebenden Körper, das kuriose Ambiente des Hotels aus dem 19. Jahrhundert und die Begegnungen mit Kurgästen, die alle deutlich älter und reicher sind als sie. Alte Damen, die geschminkt in das stinkende Schwefelwasser steigen und es genießen, von den Musikern, die täglich zum Abendessen aufspielen, hofiert zu werden, indessen Abi sich belästigt fühlt. Nicht zuletzt handelt ihr Buch von der sexuellen Selbstbestimmung einer Frau mit Behinderung.

Zurück in London setzt sie die Wasseranwendungen in einer aufblasbaren Plastikwanne fort. Ein Aberwitz. Doch über ihr Wohlergehen bestimmt das öffentliche Gesundheitssystem, und das finanziert ihr weder eine Badewanne zu Hause noch eine Unterwassertherapie. Nicht zu reden von geeigneten Medikamenten.

"Mir wird ein billigeres Medikament verschrieben. Es ist leuchtendorange und riecht nach Benzin. Ich frage die Krankenschwester nach den Nebenwirkungen, die dafür aufgelistet sind, wie Übelkeit und Leberversagen. Sie sagt, Nebenwirkungen hätten nur Leute, die sich wegen Nebenwirkungen Sorgen machten."

Abi Palmers hybrider Text ist kurzweilig zu lesen, mal poetisch, mal witzig und bissig, in einfacher, hie und da auch derber Sprache. Die beiden Übersetzerinnen haben der sorgfältigen Übertragung ins Deutsche ein ambitioniertes Nachwort hinzugefügt, das Kontexte aufschließt und den Text in die trockenen Tücher der Literaturwissenschaft bettet. Dem Sprachkunstwerk so unmittelbar daran anschließend allerdings auch seinen poetischen Reiz und sein Geheimnis nimmt.