Buchcover: "Wie Staub im Wind" von Leonardo Padura

"Wie Staub im Wind" von Leonardo Padura

Stand: 09.04.2022, 12:43 Uhr

Im neuen Roman des 66-Jährigen kubanischen Schriftstellers Leonardo Padura reißt die Zeitenwende von 1989/90 einen verschworenen Freundeskreis in Kuba auseinander und zieht die meisten in die Ferne. Eine melancholische Zeitreise, der Titel: "Wie Staub im Wind". Eine Rezension von Stefan Berkholz.

Leonardo Padura: Wie Staub im Wind
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen.
Unionsverlag, Zürich 2022.
528 Seiten, 26 Euro.

"Wie Staub im Wind" von Leonardo Padura

Lesestoff – neue Bücher 12.04.2022 05:05 Min. Verfügbar bis 12.04.2023 WDR Online Von Stefan Berkholz


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Auf der Suche nach Identität

Wer bleibt sich treu? Wer hält die Ideale seiner Jugend aufrecht? Wer fällt ab vom alten Glauben? Und wer verrät sich selbst und seine Freunde?

In dieser Suche nach Identität, der Suche auch nach einem Vater, in einer zerfallenden Welt, in einer Welt des Umbruchs, in einer Welt, in der der Kapitalismus mit all seinen zerstörerischen Erscheinungen offenbar gesiegt hat, veranschaulicht Leonardo Padura das Lebensgefühl seiner Generation, jener in den 1950er Jahren Geborenen.

"Elisa war die Anführerin der Gruppe, also gehorchte ihr Clara. Für Clara war sie zudem ein Vorbild, von dem ein blendend helles Licht ausging (…), in jenem milden kubanischen Winter des Jahres 1981. Damals hätte niemand aus dem Clan sich auch nur im Entferntesten vorstellen können, was aus ihren Träumen werden würde, wie diese sich verändern oder ganz und gar auflösen und wie sie alle schließlich auf dramatische Weise auseinandergetrieben würden."

Zwischen Heimweh und Entwurzelung

Eine verschworene Gemeinschaft hatte sich aus Studentenkreisen gebildet, doch der politische Umbruch lässt alles fragwürdig erscheinen. Der Sturz eines ungeliebten Kameraden vom Hochhaus macht den Roman zum Kriminalfall; die Fahndung nach dem Vater von Adela, der Tochter von Elisa, wird zur Identitätssuche; in Liebesverwicklungen zeigt sich der Mensch in seiner Sehnsucht und Ohnmacht.

Padura lässt seine vielen Figuren in unsicherer Zukunft herumirren und sie zwischen Exil und Entfremdung, Heimweh und Entwurzelung taumeln.

"Einsätze bei der Zuckerrohrernte, Schlange stehen, Kämpfen und Sterben in fernen Kriegen. So viele, eigentlich fast alle, sagte sich Clara, hatten den Gesellschaftsentwurf, an dem sie teilhatten, nicht nur akzeptiert. Sie glaubten daran, (…) sie waren überzeugt von alldem, weil ihnen nur so, wie Bernardo verkündete, eines Tages der endgültige Sieg beschert würde. Das Ende der Geschichte in Gestalt der vollkommenen Gesellschaft, ein wundervolles Universum aus lauter Gleichen."

Kritik an der Heimat

Es ist auch die Geschichte von Leonardo Padura selbst, 1955 in Havanna geboren, zwischen den Welten lebend. Im verheißungsvollen Westen ist er als Schriftsteller herumgekommen und wird gefeiert, in seiner Heimat ist er geduldet. Padura lebt heute immer noch und weiterhin in seinem Elternhaus in Havanna, und er spart nicht mit Kritik an den Zuständen in seiner Heimat.

"Heruntergekommen und anmaßend, anziehend und abstoßend, freundlich und streitsüchtig, exotisch und vertraut, all das schien Havanna ihr zu sein. Und all das gleichzeitig. Ein Ort, der fast alles besaß, was sie sich hätte wünschen können, und der gleichzeitig tausend Fragen und Ängste in ihr hervorrief. (…) Nie war ihr klar, ob jemand die Wahrheit sagte oder log, und erst recht nicht, warum."

Ein bannender und melancholischer Roman

"Wie Staub im Wind" ist keine leichte Kost, dafür ist es zu verwickelt und verschachtelt, mit Vor- und Rückgriffen im Zickzackkurs erzählt und auch die vielen Figuren tragen zur Unübersichtlichkeit bei. Doch Leonardo Padura ist ein gestandener, ein geschickter Schriftsteller, er hat mehr als zwölf Romane veröffentlicht, und er behält auch dieses Konstrukt im Griff und führt es zu einem versöhnlichen und zugleich offenen Ende.

"Der endgültige Sieg", lautet das letzte Kapitel. Aber was ist der endgültige Sieg? Dass Freundschaften auch über die Entfernung, mittels moderner Techniken nun, noch Bestand haben? Dass Adela die Beichte ihrer Mutter hinnimmt? Dass sie ihren Vater erkennt? Dass der Todessturz vom Dach aufgeklärt wird?

Die Systemfrage stellt Padura am Ende nicht. Wie ein richtiges Leben im falschen aussehen könnte, darüber lässt der Schriftsteller seine Leser im Dunkeln. Es könnte Thema für einen kommenden Roman sein. "Wie Staub im Wind" ist ein bannender, ein melancholischer Roman mit vielen Fragen und ein paar Schleifen zu viel.