Ovid - Metamorphosen

Hörbuchcover: Ovid - Metamorphosen

Ovid - Metamorphosen

Von Christoph Vratz

Ovids antiker Klassiker "Metamorphosen" mit seinen 250 Geschichten liegt nun in vollständiger Lesung mit Peter Simonischek als Sprecher vor.

Ovid: Metamorphosen
Ungekürzte Lesung mit Peter Simonischek.
Der Audio Verlag, 2020.
2 mp3-CDs, 14 Stunden und 41 Minuten Laufzeit, 10 Euro

Der schicksalhafte Diskus-Wurf

"Unermesslich und schrankenlos ist die Macht des Himmels. Alles, was die Götter wollen, das geschieht."

Mitten im achten der insgesamt 15 Bücher versteckt der römische Dichter Ovid eines seiner zentralen Bekenntnisse: Der Mensch ist nichts als ein Spielball höherer Mächte. Für diese Behauptung liefert Ovid etliche Beispiele – in Form von rund 250 Geschichten. Etwa in der Episode vom schicksalhaften Diskus-Wurf zwischen Apollon und Hyakinthos:

"Einst stand die Sonne zwischen der vergangenen und der kommenden Nacht ziemlich genau in der Mitte, gleich weit von beiden entfernt. Da entledigen sich beide der Kleider, salben sich mit dem Saft der fetten Olive und treten zum Wettstreit mit dem breiten Diskus an."

Zunächst wirft Apollon so hoch, dass er mit seinem Diskus die Wolken teilt – ein Sinnbild für Kraft und Kunst, wie es bei Ovid heißt.

"Sogleich eilt unvorsichtig im Eifer des Spiels Hyakinthos herbei, um die Scheibe aufzuheben. Die aber prallt auf der harten Erde ab und wird Dir, Hyakinthos, ins Antlitz geschleudert. Blass, gleich dem Knaben, wird der Gott selbst. Fängt den hinsinkenden Leib auf, und sucht ihn bald wieder zu erwärmen, bald das strömende Blut zu stillen, bald die fliehende Seele durch Heilkräuter aufzuhalten. Umsonst ist alle Kunst. Unheilbar war die Wunde."

An dem Ort, wo Hyakinthos stirbt, wächst daraufhin eine Blume.

Ovid "Methamorphosen" (Hörbuch)

WDR 3 Buchkritik 19.11.2020 05:58 Min. Verfügbar bis 19.11.2021 WDR 3


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Prosa-Übersetzung statt metrischer Form

Ovid hat seine "Metamorphosen" in Hexametern verfasst. Viele Übersetzungen haben versucht, diese antike Versform auch im Deutschen zu erhalten. Anders Gerhard Fink. Er veröffentlichte 2004 eine Übersetzung in Prosaform. Inwieweit eine solch "erzählte" Variante Ovids Original näherkommt als die kunstvolle metrische Form, sei dahingestellt. Allerdings ist diese Prosa-Übersetzung deutlich Hörbuch tauglicher. Hier ein Abschnitt aus der Geschichte um Orpheus, der seine Frau Eurydike verloren hat und nun im Totenreich um ihre Rückkehr bittet:

"Er drang durch die Scharen luftiger Gebilde und die Schemen jenseits des Grabes bis zum Herrscher des unholden Reichs, dem König der Schatten. Dann griff er in die Saiten und sang: „Oh, Ihr Gottheiten der unterirdischen Welt, in die wir Sterblichen allesamt endlich hinabsinken. Ist es erlaubt und vergönnt Ihr mir, ohne Verstellung und Umschweife die Wahrheit zu sagen? So hört: Ich komme um meiner Gattin Willen. Eine Natter, auf die ihr Fuß trat, hat sie vergiftet und sie in der Blüte ihrer Jahre hingerafft. Ich wollte den Verlust ertragen, ich habe es versucht, das lässt sich nicht leugnen. Allein Amor war stärker."

Simonischek macht die Figuren menschlich

Der Schauspieler Peter Simonischek ist seit mehr als zwei Jahrzehnten Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater, regelmäßiger Gast bei den Salzburger Festspielen und ein beliebter Darsteller in Film und Fernsehen. Bereits mehrfach wurde er mit dem Deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet. Seine Lesung der "Metamorphosen" entstand in Zusammenarbeit mit rbbKultur; eine gekürzte Fassung war bereits vor einigen Jahren in Form von sechs CDs im Handel, nun liegt die vollständige, rund 15-stündige Lesung auf zwei mp3-CDs vor.

Simonischek stellt die Götter-Geschichten nicht als etwas Erhabenes, Tragisches, Düsteres dar – anders als Rolf Boysen in seiner Hörbuch-Lesung, die allerdings auf einer Übersetzung in Versen beruhte. Bei Simonischek wirken die Figuren nahbarer, schlicht menschlich. So auch beim alten Ehepaar Philemon und Baucis, die selbstlos die Götter Jupiter und Merkur bei sich aufnehmen und bewirten:

"Als nun die Himmlischen zur schlichten Behausung der Beiden kamen und sie gebückt durch die niedere Tür betraten, da forderte der Greis sie dazu auf, sich auszuruhen und stellte ihnen eine Bank hin, über die Baucis geschäftig eine grobe Decke breitete. Dann stochert sie auf dem Herd in der warmen Asche und weckt die von gestern noch glimmende Glut, nährt sie mit Laub und trockener Rinde und bläst mit ihrem schwachen Atem, bis sie hell aufflammt. Philemon aber langt mit zweizinkiger Gabel eine rußige Speckseite vom geschwärzten Balken herunter, schneidet von dem lang bewahrten Vorrat ein Stückchen ab und lässt es in siedendem Wasser weichkochen. Währenddessen unterhalten beide die Gäste durch ihr Geplauder und lassen ihnen die Zeit nicht lang werden."

Große Wirkung durch Gelassenheit

Peter Simonischek verzichtet bewusst auf übertriebene Dramatik. Er liest diese Schicksals-Geschichten von Leben und Sterben unaufgeregt und gelassen, gleichzeitig aber mit wohltuender Wärme. Wenn Daedalus an seiner unheilvollen Flug-Konstruktion arbeitet und ihm Ikarus dabei zuschaut, erweckt Simonischek den Eindruck, als besuche man Vater und Sohn bei einer Bastelstunde im nachbarlichen Werkzeugkeller.

"Der kleine Ikarus stand dabei, ahnte nicht, dass er mit Dingen spielte, die ihm gefährlich werden sollten, strahlte vor Freude und haschte bald nach Federn, die ein zufälliger Luftzug fortgeweht hatte. Bald drückte er den Daumen in das gelbe Wachs und störte durch sein Spiel den Vater bei seinem Wunderwerk."

Peter Simonischek zeigt die Geschichten in Ovids "Metamorphosen" als zutiefst menschliche Erlebnisse. Er rückt nicht sich, sondern den Text in den Mittelpunkt, mit kleinen Gesten der Gestaltung – und mit großer Wirkung.

Stand: 18.11.2020, 15:26