Sharon Dodua Otoo - Adas Raum

Buchcover: Sharon Dodua Otoo - Adas Raum

Sharon Dodua Otoo - Adas Raum

Von Hannah Rau

Ein mutiger Roman über die Jahrhunderte währende Unterdrückung der Frau, der leider manchmal zu stereotyp gerät.

Sharon Dodua Otoo: Adas Raum
Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2021.
320 Seiten, 22 Euro.

Sharon Dodua Otoo: "Adas Raum"

WDR 3 Buchkritik 10.03.2021 04:55 Min. Verfügbar bis 10.03.2022 WDR 3


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Ein Name und viele Geschichten

"Adas Raum" nennen die SS-Schergen und Lagerinsassen in Sharon Dodua Otoos Roman ein Bordellzimmer im Konzentrationslager Mittelbau-Dora. So oft wird die Gefangene Ada dort missbraucht, dass das Zimmer ihren Namen erhält. Ada ist keine Protagonistin im klassischen Sinne. Sie ist nicht nur die eine Frau in "Adas Raum", sie ist viele Frauen. Die Figur schlafwandelt durch die Jahrhunderte.

Einmal ist Ada Zuhause im Ghana des 15. Jahrhunderts, muss miterleben, wie die ersten Europäer in das Land kommen und es bald darauf zum größten Umschlagplatz für den Sklavenhandel in Afrika machen. Dann rutscht Ada in die Rolle der berühmten britischen Mathematikerin Ada Lovelace, die Mitte des 19. Jahrhunderts das erste Computerprogramm der Geschichte schrieb. Und schließlich ist Ada eine junge ‚Schwarze‘ Frau, die sich im heutigen Berlin verzweifelt auf Wohnungssuche begibt.

Gegenstände werden zu Erzählstimmen

Otoo nimmt die unterschiedlichsten Perspektiven ein, um die Geschichte einer jahrhundertelangen Unterdrückung zu erzählen. Sie macht nämlich Gegenstände zu Erzählern: einmal einen Türklopfer im viktorianischen England, dann einen europäischen Reisepass während des Brexits, einen Besenstiel, oder ein KZ-Zimmer…

"Meine Wände waren so dünn, jeder Schrei, jedes Stöhnen ging durch mich hindurch. Ich war verdammt, alles zu bezeugen, aber nichts verhindern zu können. Alles zu verschleiern, aber nichts je vollständig tilgen zu können."

Dass die Frauen als Unterdrückte nicht selbst als Erzählerinnen auftreten, erscheint nur konsequent. Dass stattdessen ein ständig neue Formen annehmender Gegenstand – und nicht etwa ein Mann – zur Zeugin von Unrecht und Leid wird, das ist ein geschickter Schachzug der Autorin. So realisiert sie gerne auch augenzwinkernd den eigenen Anspruch auf Multiperspektivität.

Literatur als gesellschaftlicher Auftrag

Otoo hat in ihrer Klagenfurter Rede zur Literatur "Dürfen Schwarze Blumen malen?" letztes Jahr mehr Diversität im deutschsprachigen Literaturbetrieb eingefordert. Sie endete ziemlich unverblümt mit der Antwort: "Ja. Je mehr desto besser." Dass Otoo Literatur auch als gesellschaftlichen Auftrag versteht, ist auch in ihrem ersten Roman deutlich spürbar. Sie verweigert das Indefinitpronomen "man", schreibt stattdessen "mensch" und Gott ist in "Adas Raum" weiblich – zumindest meistens.

Es geht um sexuelle Selbstbestimmung und den Grundsatz "Nein heißt Nein". Es geht um strukturellen Rassismus und darum, ob die Frage "Woher kommst du?" zulässig ist oder ausgrenzend. Das ist zwar erwartbar, aber legitim, und immer wieder erhellend. Etwa wenn Adas Selbstachtung im Berlin des 21. Jahrhunderts als defensive Zurückhaltung missinterpretiert wird:

"In Berlin erfuhr sie außerhalb ihrer Welt nur selten Wertschätzung. Viel zu oft hatte ihr Körper sie verraten, bevor Ada überhaupt den Mund aufmachen konnte. Und es kostete sie jedes Mal noch ein bisschen mehr Kraft, den Riss in ihrem Hals zu spüren. Es schnitt jedes Mal ein wenig tiefer, immer an der gleichen Stelle. Und irgendwann reichte es. Sich aus erniedrigenden Situationen zu lösen, war keine Unterwürfigkeit von Ada. Das war Widerstand."

Stellenweise wird die Geschichte zu stereotyp

Weniger überzeugend sind die Passagen des Romans, die sich in der Vergangenheit ereignen. So dichtet Otoo dem Ehemann von Ada Lovelace einen Femizid an. Im Buch stirbt die berühmte Mathematikerin nicht wie ihr historisches Vorbild an den Folgen von Krebs, sondern sie ist Opfer eines Ehrenmords. Natürlich darf Literatur das, die Geschichte umschreiben – aber Otoo läuft dabei Gefahr, zu nivellieren und plump zu werden. Im Schatten eines Mannes zu stehen ist eben nicht dasselbe, wie von ihm getötet zu werden.

Überhaupt ist die Stimme der erzählenden Gegenstände in der Vergangenheit seltsam zeitlos. Der unfreiwillig prügelnden Besen im Ghana des 15. Jahrhunderts ist identisch mit dem Bordellzimmer im KZ. Das überstrapaziert die Idee von der Geschichte als einer einzigen blutigen Wiederholspur und gerät immer wieder zu stereotyp.

"Und nach der Hinrichtung (…) beobachtete ich die Gruppe heiterer SS-Offiziere, die noch neben den Galgen standen. Einer von ihnen hatte Tränen in den Augen und klopfte dem Mann zu seiner Linken auf den Rücken. Die beiden nahmen die Erhängten, wenn überhaupt, lediglich als Kulisse wahr. Dass mancher Gestreifte noch immer mit den Armen und Beinen fuchtelte, störte die Lachenden beim Witzeerzählen nicht."

Ein starker Roman mit guten Ideen, der aber zu viel will

"Adas Raum" ist ein mutiger Roman. Doch er will zu viel. Will zum Lachen bringen, wenn der weibliche Gott berlinert, will zum Weinen bringen und gerät dabei mitunter in die Nähe von Elendskitsch.

Dem Buch hätte ein strengeres Lektorat gutgetan. Denn immer wieder stören Plattitüden die an und für sich überzeugende Idee, aus Objekten Zeuginnen zu machen.  

Stand: 09.03.2021, 13:21