Albert Ostermaier - Über die Lippen

Albert Ostermaier - Über die Lippen

Albert Ostermaier - Über die Lippen

Von Dirk Hohnsträter

Alphabete der Liebe: Albert Ostermaiers neuer Gedichtband folgt dem Aufbau von Roland Barthes’ berühmten Buch "Fragmente einer Sprache der Liebe".

Albert Ostermaier
Über die Lippen

Suhrkamp, Berlin 2019
96 Seiten
22 Euro

Albert Ostermaier: "Über die Lippen"

WDR 3 Buchrezension 22.05.2019 03:44 Min. WDR 3

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Es ist also ein Liebender, der hier spricht und sagt

Mit diesem Satz eröffnete Roland Barthes sein berühmtes Buch "Fragmente einer Sprache der Liebe". Die alphabetische Ordnung der Einträge sollte die unberechenbare Wechselbewegung des Liebens nachbilden. Achtzig sogenannte Figuren, von "Abhängigkeit" bis "Zugrundegehen" enthielt die 1977 erschienene Erstausgabe des Buches. Seine Schreibweise inspirierte eine Vielzahl von Autoren, und jetzt hat der Münchener Schriftsteller Albert Ostermaier einen ganzen Gedichtband an Barthes’ Buch angelehnt.

Literarischer Mut oder haltlose Selbstüberschätzung

"ich werde ihn zum sprechen
bringen haut und haar mit
händen und füssen öffnen den finger
auf der wunde wenn sie sich
schliesst mit dir deinem atem
an meinem ohr […]"

Es gehört, je nach Perspektive, literarischer Mut oder haltlose Selbstüberschätzung dazu, seine eigenen Texte eng mit einem allseits verehrten Klassiker korrespondieren zu lassen. 2015 war Ostermaier mit einer solchen Anlehnung gründlich gescheitert, als er in seinem letzten Roman Büchners „Lenz“ in den Libanon verlegte. Wie also passen sie zusammen, die hochraffinierte Vergegenwärtigung des Liebesdiskurses bei Barthes und die neongrellen Satzkaskaden eines Albert Ostermaier?

Ostermaier-Sound

Albert Ostermaier

Albert Ostermaier

"zurück ins hotel allein
durch den geschmolzenen
schnee das kalte zimmer
der heizkörper weiss ich
bekomme keine luft
der staub im teppich das
fenster das sich nur einen
spalt breit öffnen lässt
die geräusche nebenan
bist das du auf dem flur"

Auf drei Weisen stellt Ostermaier Bezüge zu Barthes her: er übernimmt die Titel der einzelnen Einträge, ihre alphabetische Anordnung und zitiert hier und da aus dem Werk des französischen Zeichentheoretikers.

Hinzu kommt eine auffällig häufige Thematisierung der Sprache. Das war es dann aber auch schon. Ansonsten: der vertraute Ostermaier-Sound.

Tattoos auf dem Herzmuskel

"sieh was du aus mir gemacht
hast dreh dich um schau mich
an nicht weg ich werde mir
den schädel rasieren das herz
mit deinem namen tätowieren
und ihn mit den fingernägeln
durchstreichen bis es blutet"

Ostermaiers unvergleichlicher Mix aus schlaflosen Nächten, unwirtlichen Städten und unglücklichen Lieben bringt immer wieder intensive Texte hervor. Bei ihm gibt es Tattoos auf dem Herzmuskel, er schreibt eine urbane Lyrik der Verletzlichkeit. Ostermaier will, wie es sehr schön an einer Stelle heißt, „die pulsadern / schliessen mit einer zeile“. Nur wozu, fragt man sich, braucht er dafür Roland Barthes und dessen Liebesalphabet?

Der Wille zur Aktualisierung

"verwirrt in den worten ein
knoten den nur du zerschlagen
kannst mich in die zwei hälften die
wir sind wo bist du wer
sagt dir dass du herabsinkst
zu mir wem folgst du dem
ich folgen muss kontakt
blockieren"

In solchen Versen bemerkt man Ostermaiers Willen zur Aktualisierung. Formulierungen wie "folgen" und "kontakt blockieren" greifen die Sprache der Sozialen Medien auf. Doch bleiben Verweise wie diese an der Oberfläche. Nie kommt ein erhellender oder poetisch produktiver Dialog mit dem Ausgangstext des französischen Denkers zustande. Es fällt schwer, im ausdrücklichen Verweis auf Barthes’ berühmtes Buch mehr zu sehen als einen Köder, der das Publikum dazu bringen soll, den neuen Gedichtband von Albert Ostermaier zu lesen.

Stand: 22.05.2019, 09:10