Oskar Negt - Erfahrungsspuren. Eine autobiographische Denkreise.

Oskar Negt - Erfahrungsspuren. Eine autobiographische Denkreise.

Oskar Negt - Erfahrungsspuren. Eine autobiographische Denkreise.

Von Jochen Stöckmann

"Denkreise" nennt Oskar Negt einen autobiografischen Rückblick auf seinen Weg in die Institutionen. Leider lässt der einflussreiche Sozialwissenschaftler dabei vieles unberührt.

Oskar Negt
Erfahrungsspuren. Eine autobiographische Denkreise.

Steidl, Göttingen 2019
384 Seiten
28 Euro

Im "Sozialistischen Büro"

1968 avancierte Oskar Negt zu einem der führenden Köpfe Studentenbewegung. Diese außerparlamentarische Opposition um den SDS aber war wenige Jahre später zersplittert in die gewaltbereite Rote-Armee-Fraktion und einige kommunistische Kaderparteien. Vor deren Karren ließ sich der Sozialphilosoph nicht spannen, Negt engagierte sich stattdessen im "Sozialistischen Büro", das als Zusammenschluss der undogmatischen Linken 1972 in Frankfurt einen Angela-Davis-Kongress organisierte. Die farbige Bürgerrechtlerin war in den USA inhaftiert, Angela Davis galt als „politische Gefangene“. Diesen Status – und damit die ungeteilte Solidarität aller linken Kräfte – beanspruchte auch die RAF um Baader und Meinhof. Damit war die Frage nach der Legitimität revolutionärer Gewalt gestellt – die Negt auf seine Art beantworten wollte, mit einer öffentlichen Rede

"Ich fuhr mit zwei Fassungen der Rede zum Opernplatz. Um die Reden nicht zu verwechseln, hatte ich die schärfere Abgrenzung von Baader-Meinhof in die linke Seitentasche gesteckt, die mildere in die rechte. Ich war mir noch unschlüssig, ob ich die Distanzierungspassagen in der Radikalität, in der ich sie vorformuliert hatte, öffentlich vortragen sollte. Grund für meine Unschlüssigkeit war nicht zuletzt ein bisschen auch die Angst, angefeindet und als Verräter der "Revolution" diskriminiert zu werden."

Frankfurter Schule und Immanuel Kant

Oskar Negt

Oskar Negt

Der Redner hat in die linke Tasche gegriffen, trotzdem wider Erwarten Beifall geerntet – die Revolution also nicht verraten. Diese Reaktion der "Genossen" auf seine dezidierte politische Positionierung bedeutet Negt bis heute sehr viel. Er fügt zusätzlich zu seiner Schilderung das komplette Manuskript der Rede in seine Autobiographie ein. Als Dokument soll der Text exemplarisch seine Vortragsweise illustrieren, die Zuhörer am Entscheidungs- und Denkprozess teilhaben lässt, sie nicht zielgerichtet von einem Dogma überzeugen will. Das ist ganz im Sinne der Kritischen Theorie, das ist "Frankfurter Schule" – schließlich hat Negt bei Horkheimer und Adorno studiert, er war Assistent von Jürgen Habermas.

Aber im Rückblick der jetzt vorgelegten "autobiographischen Denkreise" stellt der langjährige Soziologieprofessor – und geborene Königsberger – auch große Ähnlichkeiten fest mit seinem Landsmann Immanuel Kant und dessen öffentlicher Lehrtätigkeit:

"Da es ihm um das Philosophieren, nicht um die Philosophie zu tun war, stand der Prozess im Vordergrund seines Denkens und nicht das Resultat. Er übte immer größere Anziehungskraft auf Menschen aus, die nicht Alltagsdürre haben wollten, sondern Phantasie im Umgang mit Wissen."

Philosophische Politikberatung

"Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen" war der Titel seines ersten Buches, dieses Konzept hat Negt bereits während des Studiums in der Arbeiterbildung erprobt und ausgebaut. Durch diese Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften war eine Nähe zur SPD entstanden, die 1970 seine Berufung als Ordinarius für Soziologie im sozialdemokratisch regierten Niedersachsen erleichterte. Um Vorbehalte auszuräumen, arrangierte der Kultusminister Peter von Oertzen ein Gespräch Negts mit Alfred Kubel, dem Ministerpräsidenten. Das Privatissimum dauerte zwei Stunden, war ein voller Erfolg – und Jahre später der Auslöser für Negts missglückten Einstieg in das, was er "philosophische Politikberatung" nennt: Ein Gesprächskreis zur Unterstützung von Gerhard Schröder. Denn einmal in Amt und Würden gelangt, verabschiedete sich der SPD-Kanzler auf der Stelle vom Intellektuellen-Zirkel.

Ein gutes Dutzend Frankfurter Wissenschaftler folgte Oskar Negt 1970 in die niedersächsische Provinz. Hätte sich hier das Projekt der kritischen Theorie nicht fortführen lassen? Grundlagen für eine "hannoversche Schule" als Weiterentwicklung der Kritischen Theorie waren durchaus vorhanden.

Die ideengeschichtliche Landkarte


Aber die Universität – für Negt immerhin ein "öffentlicher Denkraum" – hat in seiner Autobiographie keine tiefen Spuren hinterlassen.

"Durch diese Welt bin ich marschiert, ohne auf große Hindernisse zu stoßen; ich habe mich in der Rolle des Friedensrichters wohlgefühlt, ohne je Ämter übernommen zu haben. Autorität und Ansehen sicherten mir Entscheidungshilfe in Studien- und Verwaltungsangelegenheiten. Das war für mich ausreichend. Alles Weitere erschien mir als Zeitraub an meiner ausführlichen Vorlesungstätigkeit."

Kaum ein Wort über jene empirische Sozialforschung, der nach Dafürhalten Negts in Verbindung mit der Philosophie und vor allem im Rahmen der Kritischen Theorie allergrößte Bedeutung zukommt. Wenig oder nichts über Sozialpsychologie und Verknüpfung von Psychoanalyse und Marxismus, über Humanisierung der Arbeitswelt, Lateinamerikastudien oder feministische Forschungsansätze, die in Hannover von einstigen politischen Weggefährten betrieben wurden. Da scheint Negt als "Denkreisender" ganz allein unterwegs gewesen zu sein – und hat so auf seiner ideengeschichtlichen Landkarte viele weiße Flecken hinterlassen.

Oskar Negt - Erfahrungsspuren

WDR 3 Mosaik 07.06.2019 05:29 Min. WDR 3

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Stand: 06.06.2019, 20:03