"1984. Das Hörspiel" von George Orwell

Hörbuchcover: "1984. Das Hörspiel" von George Orwell

"1984. Das Hörspiel" von George Orwell

Eine Welt der totalen Überwachung hat George Orwell entworfen in seinem Science-Fiction-Klassiker "1984". Regisseur Klaus Buhlert zeigt in der Hörspielfassung, wie nah wir Orwells düsterer Vision heute gekommen sind. Eine Rezension von Oliver Cech.

George Orwell: 1984. Das Hörspiel
Regie: Klaus Buhlert.
Mit Franz Pätzold, Elisa Plüss, Jens Harzer u.v.a.
Der Hörverlag, 2021.
1 CD, 20 Euro.

"1984. Das Hörspiel" von George Orwell

Lesestoff – neue Bücher 20.11.2021 05:57 Min. Verfügbar bis 20.11.2022 WDR Online Von Thilo Jahn


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Der Große Bruder ist zurück

"Der Große Bruder ist unfehlbar und allmächtig. Jeder Erfolg, jede Errungenschaft, jede wissenschaftliche Entdeckung; unser Wissen, unser Glück: verdanken wir seiner Führung. Der Große Bruder wird nie sterben."

Da ist er wieder: der Große Bruder. Das Angstbild des allmächtigen Staates, entworfen kurz nach dem zweiten Weltkrieg von George Orwell. Er wollte warnen vor den totalitären Tendenzen im Faschismus und Sozialismus seiner Zeit.

Der Zwei-Minuten-Hass der Gegenwart

Heute weckt Orwells Zukunftsvision ganz andere Assoziationen. Der Große Bruder, unfehlbar, allgegenwärtig, unser einziger Zugang zu Wissen und Erfolg… Ist das nicht im Jahr 2021 – das Internet?

Und das, was Orwell den Zwei-Minuten-Hass genannt hat, das Ritual einer kollektiven Empörungswelle: Wie nah ist dieser Zwei-Minuten-Hass einem digitalen Shitstorm!

"Verräter! Verräter!
Der Urverräter! Widersetzt euch! Ich, Emanuel Goldstein, sage euch, dass diese Partei zusammenbrechen wird. Ihr werdet belogen und gedemütigt. Sage ich, Emanuel Goldstein!"

Steuerung von Emotionen und Gedanken

Hinter dem Großen Bruder steht, anonym und unangreifbar, "die Partei". Sie steuert sowohl die Emotionen als auch die Gedanken der Menschen. Zum Beispiel durch die Umformung der Sprache. Kritische Begriffe sind daraus eliminiert, Teile der alten Umgangssprache sind ersetzt durch das sogenannte Neusprech. Logisches Hinterfragen unterbindet die Partei mit den Regeln des paradoxen Doppeldenk. Ein Beispiel:

"Die Macht ist kollektiv, und wir sind die Hohepriester dieser Macht. Ein Individuum besitzt nur dann Macht, wenn es aufhört, ein Individuum zu sein. Deshalb lautet die Parole der Partei: Freiheit ist Sklaverei.
Ist Ihnen schon einmal die Idee gekommen, dass man das auch umkehren kann: Sklaverei ist Freiheit?"

Ein Aufstand des Analogen

Die Partei wirft ihre sprachlichen Nebelmaschinen an. Ob sich alle an die neuen Sprech- und Denkregeln halten, kontrollieren so genannte "Teleschirme". Durch diese Schirme sendet der Große Bruder unablässig Botschaften, um das Denken der Menschen zu steuern. Und er belauscht Tag und Nacht alles, was sie tun und sagen.

Für Orwell eine düstere, aber noch ferne Zukunftsvision; für uns heute durch die allgegen­wärtigen digitalen Endgeräte eine ganz konkrete Bedrohung. Schon bei Orwell ist die Rebellion gegen den Großen Bruder ein Aufstand des Analogen. Eine Rebellion der Sinne!  

"Macht es dir keinen Spaß zu leben? Hier, fühl doch mal! Das ist meine Hand… das hier: mein Bein. Ich bin wirklich. Da, man kann mich anfassen! Ich lebe. Magst du das denn nicht? Winston, lacht: Doch, das mag ich. Wirklich sehr.

So, dann zeig mir jetzt mal, dass du mich liebst. Sie werden uns nicht kriegen, Winston. Ich weiß, wie man ihnen entwischt. Du musst es nur richtig anstellen, dann kannst du alles haben."

Blick auf die Gegenwart und in die Zukunft

Die furchtlose Julia wird in der neuen Hörspielfassung zur positiven Hauptfigur, mehr noch als bei Orwell. Im Übrigen lässt Autor und Regisseur Klaus Buhlert das Original fast unangetastet. Auch im Hörspiel riecht der Flur nach Kohlsuppe, auch hier ticken mechanische Wanduhren, rattern beim Kinobesuch die Filmspulen.

Auf eine Modernisierung an der Oberfläche des Stoffs hat die Regie souverän verzichtet. Stattdessen wird die Musik – auch sie von Klaus Buhlert – zum treibenden und tragenden Mittel der Inszenierung. Und macht hörbar: Orwells "1984" schaut aus der Vergangenheit auf unsere Gegenwart. Und vielleicht auch auf unsere Zukunft.

"Ich liebe den Großen Bruder… Ich liebe ihn…"

Stand: 17.11.2021, 14:45