Markus Orths - Picknick im Dunkeln

Markus Orths - Picknick im Dunkeln

Markus Orths - Picknick im Dunkeln

Von Björn Hayer

Ein Hollywood Komiker und ein Kirchenlehrer treffen auf mirakulöse Weise bei einem "Picknick im Dunkeln" zusammmen - Markus Orths freigeistiger Roman wirft auch ein Schlaglicht auf die erhitzte Debattenkultur unserer Zeit.

Markus Orths
Picknick im Dunkeln

Carl Hanser Verlag, München 2020
240 Seiten
22,00 Euro

Ein Nicht-Ort

Man stelle sich einmal vor, man würde in einem stockfinsteren Raum aufwachen. Nicht einmal die eigenen Hände wären zu sehen, geschweige denn der Boden. Von diesem Szenario erzählt "Picknick im Dunkeln", der neue Roman von Markus Orths. Bewähren muss sich in diesem alptraumartigen Arrangement nicht irgendwer, sondern zwei Figuren, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Stan Laurel, einer der beiden Komiker im amerikanische Film-Kultduo „Laurel und Hardy“, und der bereits 1274 verstorbene Theologe Thomas von Aquin. Beide wissen nicht, wie sie an diesen Nicht-Ort gelangt sind, und begeben sich tastend auf die Suche nach einem Ausgang. Die Ungewissheit der sie beide ausgesetzt sind, versucht der Kirchenlehrer mithilfe der Scholastik zu erklären.

"Wir sind hier keine Körper mehr, Mister Laurel. Wir sind Seelen. Doch jede Seele trägt ein Abbild des Körpers in sich. Was wir fühlen, hier, in der Dunkelheit, ist eine Vorstellung unserer Körper. Wir sind auf dem Weg zum jüngsten Gericht."

Markus Orths: Picknick im Dunkeln

WDR 3 Buchkritik 11.02.2020 04:58 Min. Verfügbar bis 10.02.2021 WDR 3

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Ein Komiker und ein intellektuelles Schwergewicht

Während die beiden ungleichen Protagonisten durch einen labyrinthischen Tunnel wandern, tut sich also der Raum für allerlei Spekulationen und Gedankenspiele auf. Der 1969 in Viersen geborene und in Karlsruhe lebenden Markus Orths legt damit weniger eine handlungsstarke Geschichte als vielmehr ein Zeugnis kurzweiliger, philosophischer Gespräche vor. Der Roman verortet sich damit in die bereits auf antike Ursprünge zurückgehende Gattung der Totengespräche, die – mit häufig satirischem Impetus – von historischen Persönlichkeiten im Jenseits geführt werden.

Markus Orths

Markus Orths

Die Annäherung zwischen dem Komiker des 20. Jahrhunderts und dem intellektuellen Schwergewicht des Mittelalters in Markus Orths Geschichte erweist sich als humorvolle und erkenntnisreiche Begegnung. Laurel versucht, Thomas den Sinn von Witzen und überhaupt das ihm natürlich unbekannte Medium des Films zu erklären. Der Scholastiker weitet hingegen den Blick auf überzeitliche Phänomene.

"Die Vernunft ist das Auxilium, das Gott uns gewährte, seinen Willen zu erkennen und den Glauben an ihn zu stützen und zu stärken."

Auf Basis von Rationalität und Empathie

Die Worte des Dominikaners kommen zwar aus tiefer Vergangenheit, lassen sich aber immer wieder als pointierte Kommentare zu unserer Gegenwart lesen. Markus Orths muss gar nicht erst plakativ gegen die polarisierte Debattenkultur unserer Epoche polemisieren. Stattdessen führen seine Helden vor Augen, wie man sich auf der Basis von Rationalität und Empathie (miteinander) verständigen kann. Thomas fasst es so zusammen:

"Sehen Sie, wenn zwei Menschen reden, muss der eine ganz genau nachvollziehen, was der andere sagt, sonst spricht man nicht mit dem anderen, sondern nur mit sich selbst, also mit dem , was man im anderen hört oder hören will, nicht aber mit dem, was der andere gesagt oder wirklich gemeint hat."

Bekräftigt werden das Prinzip des Zuhörens sowie ein Eindenken in den Standpunkt des anderen. Neben diesem Fingerzeig auf eine Gesprächskultur inmitten von Shitstorm und Echokammern hält der Roman noch eine weitere Botschaft für eine gelingende Gemeinschaft bereit. Sie rührt die von der Arbeit des Schauspielers her.

"Stan und Olli schenkten den Menschen eine Möglichkeit des Lachens, ein Lachen, das die Menschen aus dem Einerlei ihres Daseins schraubt wie Drehung beim Tanz, damit sie, wenn auch nur kurz, die giftigen Splitter vergessen, die im Leben stecken."

Eine literarische Jenseitsreise

Wer lachen kann, sieht also einiges im Leben gelassener, so die Devise, die in einer Epoche von Hate Speech und verhärteten Positionen im öffentlichen Raum sicherlich wünschenswert wäre. Thomas, der Kirchenlehrer, und Laurel, der Hollywoodproduzent – beide lernen voneinander und stützen sich gegenseitig in der Finsternis. Markus Orths literarische Jenseitsreise zeigt mithin, was Literatur kann: Sie vermag auf eine höchst charmante Weise unbekannte Räume zu erschließen.

"Wie gut das tut dachte Stanley. Diese fremde Welt. Was für eine Macht im Erzählen liegt! Was Thomas ihm auch schilderte: Stanley sah alles glasklar und greifbar vor sich."

Stand: 10.02.2020, 13:25