"Ombra. Roman einer Wiedergeburt" von Hanns-Josef Ortheil

Buchcover: "Ombra. Roman einer Wiedergeburt" von Hanns-Josef Ortheil

"Ombra. Roman einer Wiedergeburt" von Hanns-Josef Ortheil

Forderte Hanns-Josef Ortheils legendäre Produktivität ihren Tribut? 2019 kämpfte der Schriftsteller nach einer Herz-OP ums Überleben. In "Ombra" protokolliert der 70-Jährige auf bewegende Weise seine Rückkehr ins Schreiben und die Wiederentdeckung seiner Kindheit. Eine Rezension von Oliver Pfohlmann.

Hanns-Josef Ortheil: Ombra. Roman einer Wiedergeburt
Luchterhand Verlag, München 2021.
304 Seiten, 24 Euro.

"Ombra. Roman einer Wiedergeburt" von Hanns-Josef Ortheil

Lesestoff – neue Bücher 05.11.2021 05:07 Min. Verfügbar bis 05.11.2022 WDR Online Von Oliver Pfohlmann


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Tarnung in der Reha

Den Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil kennt jeder. Aber den Eisenbahnlandwirt Ortheil? Als solcher tritt der Autor auf, um während seiner Reha unerkannt zu bleiben; nur die Ärzt:innen sind eingeweiht. Doch schon beim gemeinsamen Walken fliegt die Täuschung auf. Ortheil, ein obsessiver Notierer, bleibt immer wieder stehen, um Beobachtungen in sein Smartphone zu sprechen. Das irritiert die übrigen Patient:innen so sehr, dass die Therapeutin gar nicht anders kann, als sie aufzuklären:

"Einen Moment herhören, ruft sie nach hinten. Einer unserer Patienten hat von Berufs wegen ein anderes Tempo. Ich mache in diesem Fall eine Ausnahme."

Die Vernachlässigung des Körpers fordert ihren Tribut

Die amüsante Szene in Ortheils neuem Buch "Ombra" hat einen ernsten Hintergrund. Hinter dem Autor, Jahrgang 1951, liegen eine mehrstündige Herz-OP und ein tagelanges Koma. Die Klinik betritt der Autor in einem Zustand existenzieller Erschütterung: geschwächt, ängstlich, von Todesnähe gezeichnet. Und noch immer fassungslos darüber, so plötzlich krank geworden zu sein. Dabei scheinen die Ursachen auf der Hand zu liegen:

Ortheils legendäre Produktivität – "sechs Bücher mit über zweitausend Seiten in drei Jahren!" – forderte wohl ebenso ihren Tribut wie die jahrelange Vernachlässigung des Körpers. An diesem seien nur die Hände trainiert worden, gesteht der passionierte Pianist seiner Ärztin. Jetzt fehlt ihm fürs Klavierspielen ebenso die Kraft wie dafür, einen Stift zu halten.

Wieder ins Leben finden

"Ombra" trägt als Untertitel "Roman einer Wiedergeburt". Doch für einen "Roman" schaut hinter einer hauchdünnen Schicht Fiktion viel zu deutlich die bittere biografische Realität hervor. "Ombra" ist eher das – ebenso anrührende wie bewegende – Protokoll darüber, wie der Autor Ende 2019 schwerkrank und seiner wichtigsten Ausdrucksmöglichkeiten beraubt, Stück für Stück ins Leben und Schreiben zurückfand.

Geschrieben in einer abgemagerten, zögernden Prosa, die nach jedem Absatz erst einmal eine Leerzeile einfügt, wie um Kraft zu schöpfen. Und die nur noch in Resten jene vielgerühmte Musikalität von Ortheils Sprache aufweist, etwa beim Beschreiben des zeitlupenartigen Voranschreitens während einer Gehmeditation:

"Was beobachte ich denn? Nichts, ich beobachte nicht, die Gruppe tut es auch nicht, man geht mit geschlossenen Augen und verankert sich hier und da. Wohin geht die Reise? Nirgendwohin! Niemand 'geht', es hat sich ausgegangen!"

Auf der Suche nach Antworten

Auf dem Weg zur Gesundung stellen sich Ortheil viele Fragen. Zum Beispiel die, ob er ein Opfer seiner eigenen Fiktion geworden ist. Immerhin litt in seinem letztem Roman "Der von den Löwen träumte", über Hemingways Zeit in Venedig, der Protagonist ebenfalls an Herzschwäche. Und warum zieht es den Autor immer wieder zum Kölner Erzbergerplatz, wo er einst als Kind vom Fenster aus den anderen Kindern beim Spielen zusah – ohne je das Bedürfnis zu haben, mitzuspielen?

Überhaupt führt die Suche nach Antworten zurück in die Vergangenheit. Zumal sich Ortheil im Zustand der Schwäche in die Kindheitsrolle zurückversetzt fühlt. Nicht nur, weil er sich nur noch im leerstehenden Elternhaus sicher und geborgen fühlen kann. Sondern weil ihm neben der verständnisvollen Klinik-Psychologin auch die "Geisterstimmen" seiner längst verstorbenen Eltern helfen wollen.

Schreiben als Beweis für die eigene Existenz

Ortheil-Lesern ist die traumatische Kindheit des Autors natürlich längst bekannt, aus seinen Poetikvorlesungen "Das Element des Elephanten" etwa oder dem Roman "Die Erfindung des Lebens": die jahrelange Stummheit des vermeintlichen Autisten, das Mobbing in der Schule, die Familientragödie um seine vier toten Brüder. Und schließlich die euphorische Erfahrung, sich im Schreiben die Welt erschließen zu können.

"Wohl deshalb habe ich seit den Grundschultagen jeden Tag etwas notiert. Manchmal nur wenige Zeilen, ein Beweis, dass ich lebte und existierte: Pfefferminztee getrunken. Allein zur Schule gegangen. Unterwegs einen Apfel gegessen."

Da bleibt nur eines übrig, zumal zum 70. Geburtstag des Autors: Hanns-Josef Ortheil zu wünschen, dass er diesen Beweis noch lang erbringen kann.

Stand: 03.11.2021, 11:52