Olga Tokarczuk - Die Jakobsbücher

Olga Tokarczuk - Die Jakobsbücher

Olga Tokarczuk - Die Jakobsbücher

Von Insa Wilke

Alle reden über Handke. Dabei kann man über Olga Tokarczuk auch streiten - zumindest was Ihren aktuellen voluminösen Roman "Die Jakobsbücher" betrifft.

Olga Tokarczuk
Die Jakobsbücher

Aus dem Polnischen von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein
Kampa Verlag, Zürich 2019
1184 Seiten
42 Euro.

Olga Tokarczuk ist eine der bekanntesten Autorinnen Polens. Für ihren Roman "Unrast" wurde sie mit dem internationalen Man Booker Price ausgezeichnet und erreichte auch in Deutschland ein größeres Publikum. Mit dem nachträglich zugesprochenen Nobelpreis für Literatur für das Jahr 2018 wurde sie ganz wesentlich auch für ihren neuen mehr als 1000 Seiten starken historischen Roman "Die Jakobsbücher" ausgezeichnet. Heute abend wird Olga Tokarczuk den Nobelpreis entgegennehmen, vor Peter Handke, der mit dem Preis für 2019 ausgezeichnet wird. Insa Wilke hat Olga Tokarczuks neuen Roman gelesen und findet, man sollte nicht nur über Peter Handke diskutieren, wenn es um Literatur, Moral und Politik geht.

Die Geschichte von Jakob Frank

Es gibt in der Literaturgeschichte große Beispiele für politisch wirkende, hellsichtige historische Romane, man denke nur an Franz Werfels Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh", der vom Völkermord an den Armeniern erzählt und ausgerechnet 1933 veröffentlicht wurde.

Olga Tokarczuk veröffentlichte ihren Roman "Die Jakobsbücher" 2014 in Polen, ein Jahr bevor die katholisch-konservative PiS-Partei um Jaroslaw Kaczynski bei der Parlamentswahl stärkste Kraft wurde. Ihr Buch erzählt die Geschichte von Jakob Frank. Der begründete den Frankismus, eine jüdische Sekte, die sich vor allem gegen die Macht der Rabbiner richtete und wesentlich durch die Propagierung einer neuen Lebenspraxis wirkte. Tokarczuk entwirft durch die Biographie von Jakob Frank und seiner Bewegung ein Porträt des 18. Jahrhunderts. Warum?

Von farbenfrohem Elend und einer vor Schmutz starrenden Welt

Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen: Sie wendet sich damit gegen die Geschichtspolitik der polnischen Regierung.

Olga Tokarczuk

Olga Tokarczuk

Die möchte Polen gern auf seine aufklärerische Erfolgsgeschichte festlegen, als erste europäische Republik, als Vorbild der Toleranz, als erster Staat mit einer demokratischen Verfassung in Europa. Tokarczuk dagegen malt die große Zeit der Aufklärung in den düstersten Farben, die damalige Gesellschaft als eher primitiv, abergläubisch. Sie erzählt das farbenfrohe Elend in einer vor Schmutz starrenden Welt, die von Gewalt geschüttelt wird. Das 18. Jahrhundert ist ja auch eines der Pogrome, des Krieges, der polnischen Teilungen. Den "polnischen" Staat bzw. das Königreich Polen-Litauen zeichnet die Autorin als multikulturelles Vielvölkergebilde mit fließenden Grenzen und fluiden religiösen Identitäten.

Vor dem Hintergrund der mystischen Bewegungen der Zeit

Die Entstehung des Frankismus muss man vor dem Hintergrund der mystischen Bewegungen der Zeit verstehen, die damals sowohl im Islam als auch im Christentum und Judentum blühten. Jakob Frank sah sich selbst als Messias, konvertierte zum Islam, schwor seine Anhängerschaft dann auf die (vorläufige) Konversion zum Christentum ein, was den katholischen Herrschaften gut gefiel und sein Schlüssel zum Erfolg wurde. Wie in mystischen Strömungen des Islam und des Christentums spielte auch für ihn die Vorstellung einer weiblichen Gotteskraft eine Rolle. Deswegen, wie es die meisten Rezensionen getan haben, gleich von einem feministischen Roman zu sprechen, ist aber vollkommen übertrieben. Dafür fehlen paradoxerweise trotz einer Vielzahl weiblicher Figuren die Akteurinnen. Frauen tauchen in "Die Jakobsbücher" fast ausschließlich als Opfer oder als lächerliche Figuren auf. Zwar wird mit Jenta, einer alten Frau, die der Legende nach nicht sterben kann, eine Erzählinstanz eingeführt, die über allem schwebt. Der Roman löst diese Perspektive erzählerisch aber gar nicht ein, vielleicht seine größte literarische Schwäche.

Problematisch ist auch, wie Olga Tokarczuk mit der Gattung des historischen Romans umgeht: Es fehlt die Distanz. In Interviews behauptet sie, sich an Fakten gehalten zu haben. Im Nachwort des Romans hingegen beschwört sie die künstlerische Freiheit. So bleibt ganz unklar, wo bei ihr die Grenze zwischen Erfindung und Verbürgtem verläuft, was insbesondere dann problematisch wird, wenn ihr Jakob Frank die Pogrome gegen seine ehemaligen Glaubensgenossen aus karrieristischem Kalkül selbst ins Rollen bringt. Sprachlich hat sich Tokarczuk, glaubt man der deutschen Übersetzung, für einen historisierenden Jargon entschieden, für altertümliche Syntax und altmodisches Vokabular. Das verleiht dem Ganzen Patina, mehr nicht. Ihre Sprache erinnert an Kostümfilme, nicht an große politische, ihre Formen genau reflektierende Literatur.

Vom Aufstieg und Fall

Vor allem aber stört, dass sie den Mystizismus, die Volksfrömmigkeit, so lächerlich darstellt. Es wird nicht deutlich, warum die Menschen sich so hingezogen fühlen zu einem sadistischen Manipulator. Warum lassen sie sich erniedrigen? Das wäre doch eine Frage, der ein heute geschriebener historischer Roman nachgehen müsste. Es werden auch keine theologischen Fragen ernsthaft berührt. Für die scheint sich Olga Tokarczuk im Eifer ihrer Kulissenmalerei gar nicht zu interessieren. Fast unfreiwillig schaffen "Die Jakobsbücher" aber trotzdem etwas Wesentliches: Sie erzählen am Beispiel vom Aufstieg und Fall eines Demagogen vom Vergehen der Zeit und von der Nichtigkeit des Moments, von der Scheinhaftigkeit von Bedeutsamkeit. Insofern ist Olga Tokarczuk dann doch ein ziemlich barockes Spektakel gelungen.

Olga Tokarczuk: "Die Jakobsbücher"

WDR 3 Buchrezension 10.12.2019 04:38 Min. Verfügbar bis 09.12.2020 WDR 3

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Stand: 09.12.2019, 19:00