Yoko Ogawa - Insel der verlorenen Erinnerungen

Buchcover: Yoko Ogawa - Insel der verlorenen Erinnerungen

Yoko Ogawa - Insel der verlorenen Erinnerungen

Von Barbara Geschwinde

Was geschieht mit den Menschen, wenn sie ihre Erinnerungen verlieren? Sind sie dann noch menschlich? In ihrem Roman "Insel der verlorenen Erinnerung" widmet Yoko Ogawa diesem Gedankenspiel einen poetischen Roman.

Yoko Ogawa: Insel der verlorenen Erinnerungen
Aus dem Japanischen von Sabine Mangold.
Liebeskind Verlag, München 2020.
352 Seiten, 22 Euro.

Aus dem Gedächtnis verschwunden

Auf einer namenlosen Insel verschwinden Dinge. Manchmal nur Kleinigkeiten, wie Bänder, Glöckchen, Briefmarken oder Parfüm, aber ebenso große Dinge wie Schiffe oder Musikinstrumente. Sie sind nicht nur real verloren, sondern auch aus dem Gedächtnis der Leute. Vor Lebewesen macht das Verschwinden ebenfalls nicht halt: Vögel und Menschen sind ganz plötzlich weg. Vor allem die Menschen, die Widerstand leisten gegen das Vergessen.

"Sie wurden zusehends rücksichtsloser und gewalttätiger. Seit fünfzehn Jahren schon trieben sie ihr Unwesen, denn so lange war es her, dass meine Mutter verschleppt wurde.
Damals gab es außer ihr noch andere unbeugsame Menschen, die ihre Erinnerungen an Verlorenes nicht aufgeben wollten. Einer nach dem anderen wurde von der Erinnerungspolizei aufgespürt und weggeschafft. Niemand wusste wohin man sie brachte."

Die Menschen arrangieren sich mit den Einschränkungen, die ihnen auferlegt werden. Ein Thema, das heute so aktuell ist wie selten zuvor. Schritt für Schritt verlieren die Menschen etwas und lösen sich allmählich selbst auf.

Yoko Ogawa: "Insel der verlorenen Erinnerungen"

WDR 3 Buchkritik 16.11.2020 04:30 Min. Verfügbar bis 16.11.2021 WDR 3


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Schreiben um Erinnerungen zu festzuhalten

Die namenlose Ich-Erzählerin ist Schriftstellerin. Ein Beruf, der nicht hoch angesehen ist auf der Insel. Wohl auch deshalb nicht, weil mit dem Schreiben von Romanen Gefühle, Geschichten und Erinnerungen überliefert werden. Damit konterkariert dieser Beruf die Absichten der Herrschenden, die allerdings im Hintergrund agieren und nur durch die Erinnerungspolizei in Erscheinung treten.

In Yoko Ogawas Roman "Insel der verlorenen Erinnerung" gibt es noch einen zweiten Erzählstrang. Es sind die Passagen des Romans, den die Schriftstellerin verfasst. Darin geht es um eine junge Frau, die ihre Stimme verliert und nur noch mithilfe einer Schreibmaschine kommunizieren kann. Ein technisches Detail, das darauf hinweist, dass der Roman bereits 1994 in Japan erschienen ist. Die Frau wird von ihrem ehemaligen Schreibmaschinenlehrer in einem Turmzimmer festgehalten. Sie fürchtet sich vor dem Tag, an dem es keine Farbbänder mehr gibt. Denn dann kann sie sich der Welt nicht mehr mitteilen.

"Mit dem Verlust der Stimme sind Sie nicht mehr in der Lage, Ihrem Ich eine Form zu geben. Aber deshalb müssen Sie sich nicht grämen. Sie werden für immer hierbleiben, inmitten aller in den Maschinen eingesperrten, verklingenden Stimmen."

Was sind die Menschen ohne Erinnerungen?

Mit dem Verschwinden der Dinge wird auch die Erinnerung daran komplett ausgelöscht. Das ist das eigentliche Thema des Romans. Was passiert mit den Menschen, wenn sie keine Erinnerungen mehr haben? Sind sie dann überhaupt noch Menschen?

Und gleichzeitig gibt es im Roman diejenigen, die Widerstand leisten gegen das Vergessen. Sie verstecken Dinge, um sie zu retten. Die Ich-Erzählerin wagt es sogar, für ihren Verleger im Keller ihres Hauses ein Versteck zu bauen, da er gesucht wird. Es besteht die Gefahr, dass er von der Erinnerungspolizei beseitigt wird. Da er nichts vergisst, bleibt durch das Verstecken seine Erinnerung erhalten. 

"Meine Erinnerungen werden nicht mit Stumpf und Stiel ausgerissen. Obwohl sie verblassen, bleibt ein Nachhall. Sie sind wie Samenkörner. Schon beim nächsten Regenguss können sie wieder keimen und sprießen. Selbst wenn manche Erinnerungen scheinbar verloren gehen, bleibt im Herzen eine Spur davon zurück. Ein leichter Schmerz, Freude, einige Tränen."

Ein Gedankenspiel in poetischem Ton

Es überrascht, wie gelassen die Figuren des Romans das Verschwinden der Dinge verkraften, ohne zu rebellieren. Der Roman ist in einem sehr poetischen Ton verfasst. Die bedrückenden Ereignisse stehen dazu im Kontrast.

Diejenigen, die heimlich Widerstand leisten und Menschen oder Gegenstände verstecken, um sie zu bewahren, gehen sehr liebevoll miteinander um. So ist "Insel der verlorenen Erinnerung" keine bedrückende Dystopie in einem düsteren Tonfall, sondern eher ein Gedankenspiel. Was wäre möglich? Und es ist zugleich die Mahnung vor einer abstrakten Bedrohung. Die Angst vor dem Verlust der Erinnerung ist ein wiederkehrendes Thema bei Yoko Ogawa. Denn schöne Erinnerungen sind das, was uns Menschen trägt und ausmacht.

Schon der Dichter Jean Paul sagte "Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können." Somit ist das Buch auch eine Liebeserklärung an diese wunderbare Fähigkeit des Menschen, Erlebtes zu bewahren und sich bei Bedarf wieder ins Gedächtnis zu rufen. Denn die Bilanz eines erfüllten Lebens resultiert auch aus einer Sammlung schöner Erinnerungen.

Stand: 13.11.2020, 14:22