Jenny Offill - Wetter

Buchcover: "Wetter" von Jenny Offill

Jenny Offill - Wetter

Von Dorothea Breit

New York Mitte der 2010er Jahre. Angst vor Klimakatastrophen und Weltuntergangsfantasien beherrschen die Menschen. Jenny Offill hat einen apokalyptischen Roman geschrieben.

Jenny Offill: Wetter
Übersetzung von Melanie Walz.
Piper Verlag, München 2021.
224 Seiten, 20 Euro.

Jenny Offill - "Wetter"

WDR 3 Buchkritik 11.05.2021 05:17 Min. Verfügbar bis 11.05.2022 WDR 3


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Fürsorglichle Mutter, Ehefrau und Schwester

Lizzie hat stets Ein-Dollar-Scheine in der Tasche für all die bedürftigen Seelen, denen sie täglich begegnet, ein nettes Wort und viel Verständnis. Zu Hause ist sie die liebevolle Ehefrau von Ben und Mutter des gemeinsamen Sohns Eli. Sie kümmert sich um ihre Mutter und um ihren Bruder Henry; ein Ex-Junkie, der nach kurzer Erholungsphase als Ehemann und werdender Vater in Panik gerät, als das Baby geboren ist. Zwangsvorstellungen und Alpträume treiben ihn um. Die Ehe geht in die Brüche. Henry wohnt nun bei Lizzie, Ben und Eli.

"Ben setzt den resignierten Blick auf, den man in letzter Zeit von ihm sieht, wenn wir über meinen Bruder sprechen. 'Denk darüber nach', sagt er. 'Du hast auch dieser Familie gegenüber Verpflichtungen.'

Aber wie soll ich ihn alleine lassen können? Inzwischen verstrecke ich schon meine Schlaftabletten in einer Socke unter dem Bett."

Die, die schräg im Leben stehen

Also fahren Ben und Eli alleine mit Bens Schwester und deren Familie in den Campingurlaub in Kalifornien. Lizzie bleibt in New York, versackt manchen Abend in ihrer alten Bar, hört sich Kummer und Sorgen der Leute dort an.

In der Unibibliothek, wo sie arbeitet, hat sie auch vor allem jene im Auge, die irgendwie schräg im Leben stehen. Obdachlose, Gebrochene, unzufriedene Studentinnen, Professoren mit Alkoholproblemen, umgesattelte Akademiker, zu denen auch Ben zählt.

"(...) Ben (...) hat ein kompliziertes Verhältnis zu modernen Dingen. Einerseits entwickelt er Bildungsvideospiele. Andererseits hat er einen Doktor in Philosophie. Zwei schlechte Jahre auf Arbeitssuche, und dann gab er auf und lernte zu programmieren."

Übergriffiges Verhalten oder liebevolle Unterstützung?

Aber auch Lizzie, die Ich-Erzählerin, ist nicht perfekt, hat ihr Studium abgebrochen, ist als Bibliothekarin eine Quereinsteigerin. Doch Lizzie hat für alles Verständnis, ihr Herz ist groß, sie hält den Laden zusammen.

"Übergriffig" nennt die Leiterin des Meditationskurses den sie besucht, Lizzies Verhalten dem Bruder gegenüber. Über vieles sonst denkt Lizzie nach in diesem Buch, aber nicht über diese Bemerkung der Buddhistin. Möglicherweise, weil sie es besser zu wissen glaubt, gilt sie doch unter Freunden und Angehörigen als begnadete Psychologin.

Jedenfalls hat sie für jeden Rat parat, weiß viel und informiert sich - allerdings eher planlos als zielgerichtet in allen möglichen wissenschaftlichen Zeitschriften und Büchern sowie im Internet, sofern sie sich nicht kümmern muss. 

"(...) dass meine Mutter ihre Zähne machen lässt. Ein Weisheitszahn ist entzündet und einer bröckelt. Sie hat mir gesagt, sie plane, die vier Stunden bis zur Universitätsklinik zu fahren. Leute kommen noch von viel weiter her, viele viele Meilen, und sie sind so zahlreich, dass es eine Art Lotterie für den Einlass gibt, um diejenigen auszuwählen, deren Schmerzen gelindert werden. Amerika ist dieser Ort, wo man den ganz großen Hauptgewinn ziehen kann."

Religiöse Gedanken aller Art

Sprunghaft, in loser Folge lapidarer Gedankenschnipsel lässt die Autorin Lizzie von ihren täglichen Sorgen und Nöten erzählen, von ihren Lektüren über Klima und Umweltschutz, religiöse und apokalyptische Visionen, evangelikales, jüdisches, christliches und buddhistisches Gedankengut, das Lizzie in den Emails der Hörer des Endzeit-Podcasts erreicht, den ihre Freundin und frühere Dozentin Sylvia betreibt. 

"Wann kommt die Zeit der Rechenschaft? Hat Noahs Flut die ganze Erde bedeckt oder nur die Stellen, wo Menschen lebten? Können Haustiere von Christus gerettet werden und in den Himmel kommen? Wenn nicht, was geschieht dann mit ihnen?"

Eine Nation im Modus der Angst

Jenny Offill hat eine bemerkenswerte Befindlichkeitsaufnahme der USA während der 2010er Jahre geschrieben. Ein Buch über eine ganze Nation im Modus der Angst, die den Treibstoff für die Katastrophen- und Endzeitstimmung liefert. Von Fantasien über Taxifahrer mit einer Ladung Sprengstoff im Auto bis hin zu Umwelt- und Klimakollaps.

"Ich habe mir das Gespräch mit dem Katastrophenpsychologen noch mal angehört. Er erklärt, dass das Gehirn in Notsituationen in eine Endlosschleife geraten kann, weil es nach einer ähnlichen Situation sucht, die es vergleichen kann.

Deshalb muss man einen Plan haben, bevor eine Katastrophe hereinbricht."

Ratschläge zum Überleben findet Lizzie bei der rechten Prepper-Szene.

Gute Beobachtungsgabe und Recherche

Das ist mühsam recherchiert, wie die Autorin im Anhang des Buchs vermerkt, aber auch gut beobachtet, kurzweilig in einfacher Sprache zu lesen und bisweilen ironisch. Dennoch verbleibt die Leserin in einem unguten Zustand. Das mag beabsichtigt sein, auch der globalen Gegenwart in diesen Tagen und Wochen ganz allgemein entsprechen, dem Klima sowieso.

Gleichzeitig möchte man rufen: Hey Lizzie, komm runter! Panik ist keine gute Lösung. Trump ist passé! Und die Apokalypse vorerst vertagt.

Stand: 10.05.2021, 14:23