Buchcover: "Hotel Portofino" von J.P. O'Connell

"Hotel Portofino" von J.P. O'Connell

Stand: 06.07.2022, 07:00 Uhr

Bella, eine Dame der englischen Upperclass, braucht neue Einkünfte und eröffnet Mitte der 1920er Jahre an der italienischen Reviera das "Hotel Portofino". Sie ahnt nicht, welche Probleme sie sich damit ans Bein bindet. Locker und süffig. Für Fans von "Downton Abbey". Eine Rezension von Jutta Duhm-Heitzmann.

JP O’Connell: Hotel Portofino
Aus dem Englischen von Eva Kemper.
DuMont Buchverlag, 2022.
384 Seiten, 22 Euro.

"Hotel Portofino" von J.P. O'Connell

Lesestoff – neue Bücher 07.07.2022 05:35 Min. Verfügbar bis 07.07.2023 WDR Online Von Jutta Duhm-Heitzmann


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Vieles mag ja in der Schwebe sein, doch eins weiß Bella Ainsworth genau:

"In diesem Sommer stand viel auf dem Spiel."

Sie hat sich auf ein Projekt eingelassen, das ihren völligen Ruin bedeuten könnte, nämlich ein Hotel eröffnet, das spektakuläre, frisch renovierte "Portofino", direkt an der berauschend schönen italienischen Riviera. Eher ungewöhnlich für eine Dame der englischen Upperclass, doch was tun, wenn der Ehemann fast die gesamte Mitgift verschleudert hat?

Der gerettete Rest steckt nun in Bettwäsche, Porzellan und weißen Tüllgardinen, die graziös in einer leichten Sommerbrise wehen. Immer nur das Beste für die vornehmen Gäste, die sie anlocken will: Wohlhabende Engländer, die auch auf Reisen das Vertraute suchen.

"Im Leben hing so vieles von Ritualen und dem richtigen Auftritt ab, vor allem jetzt, da sie ein Hotel leitete (...) Es wäre ihr lächerlich erschienen, ihre Arbeit als Berufung zu bezeichnen, aber sie empfand sie als zutiefst sinnvoll. Und sie war gut, das wusste sie."

Durch den 1. Weltkrieg hat Bella begriffen, dass es keine Sicherheiten gibt. Warum sich dann nicht jetzt, Mitte der 1920er Jahre, aus alten Zwängen befreien? Auch wenn sie eine Menge Probleme stemmen muss: Sorgen wegen des Geldes, des Personals, ihres auf dem Schlachtfeld traumatisierten Sohnes, wegen Cecil, ihrem  Ehemann, charmant, standesbewusst und doch ein Spieler und Betrüger, dazu die Gäste, fordernd und nörgelnd, mit undurchsichtigen, eigenen Absichten.

Und schon ist die Bühne bereitet für ein Spiel mit vielen Rollen, prall von dramatischen Entwicklungen, süffisanten psychologischen Beobachtungen, komischen Zwischenakten und kriminellen Komplikationen. Vom Setting her also fast ein Klassiker, dieses Thema "Menschen im Hotel", in vielen Variationen literarisiert, verfilmt oder aufs Theater gebracht.

"Bella dachte, dass die Situation ein wenig gestellt und klischeehaft wirkte. Sie erinnerte sie an die Romane  von Agatha Christie (...), in denen sich häufig  Hotelgäste in einem Salon wie diesem wiederfanden und erklären mussten, wo sie in einer bestimmten Nacht zu einer bestimmten Uhrzeit gewesen waren."

"Hotel Portofino" ist der erste Roman des britischen Journalisten JP O’Connell, der sich bisher eher als Autor von Sachbüchern einen Namen gemacht hat. Kein geübter Literat also, aber ein Bewunderer von Filmen wie "Ein Zimmer mit Aussicht" oder "Howards End", und das merkt man diesem Debüt auch an.

Die Charaktere sind eher flüchtig umrissen, doch der facettenreiche Plot auf Spannung angelegt, und die Dialoge treiben  die Handlung voran, als habe er es von Beginn an auf eine Verfilmung angelegt. Nicht unbedingt ein Nachteil, denn das Buch liest sich locker und süffig, selbst wenn es düstere Themen aufgreift: die rassistische Verachtung dunkelhäutiger Menschen, die noch verbotene Homosexualität, die Bedrohung durch den beginnenden italienische Faschismus.

"Du hältst sie für einen Witz. Weil sie herumstolzieren wie die Gockel in ihren lächerlichen Uniformen. (...) Täusch dich nicht. Sie nutzen unsere schlimmsten Seiten aus - unserer Gier, unserer Selbstsucht. Unserer Fähigkeit zu hassen. (...) Sie verstehen nur den Mob."

Auch Bella, die wohlhabende Ausländerin, muss sich gegen erste erpresserische Drohungen von Mussolinis Schwarzhemden wehren, für diesmal nur durch einen einflussreichen gräflichen Verehrer aus der Gefahrenzone bugsiert. Aber es bleibt der dunkle Schatten, den die politische Entwicklung schon vorauswirft und vor der man als Leser weiß, wohin sie bald führen wird.

Doch für den Augenblick ist sie weniger wichtig als die passenden Toiletten der Damen beim abendlichen Dinner, die Aussicht auf eine vorteilhafte Heirat oder das trotzige Aufbegehren, mit der sich die eine oder andere Frau aus ihren alten Rollengrenzen löst.

Und so werden sich vor allem Fans von "Gosford Park" oder "Downton Abbey" gerne in diese andere Zeit fallen lassen, für ein paar leichte, sonnendurchglühte Stunden an der Seite von Bella Ainsworth in ihrem exquisiten Hotel Portofino:

"All das hatte sie für die anderen getan. Aber jetzt blieb ihr ein bisschen Zeit, es selbst zu genießen, bevor der nächste Schwung Gäste anreiste. Ein bisschen Zeit, einfach zu sein."