"Michel Houellebecq" von Agathe Novak-Lechevalier

Buchcover: Agathe Novak-Lechevalier - Michel Houellebecq

"Michel Houellebecq" von Agathe Novak-Lechevalier

Von Dirk Fuhrig

Zu Michel Houellebecq ist ein neuer Sammelband erschienen. Er enthält unbekannte Texte und Essays rund um den französischen Literatur-Superstar.

Agathe Novak-Lechevalier: Michel Houellebecq
Aus dem Französischen übersetzt von Stephan Kleiner.
DuMont Verlag, Köln 2021.
592 Seiten, 44 Euro.

Agathe Novak-Lechevalier: "Michel Houellebecq"

WDR 3 Buchkritik 15.10.2021 05:31 Min. Verfügbar bis 15.10.2022 WDR 3 Von Dirk Fuhrig


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Ein umstrittener Literatur-Star

Michel Houellebecq ist nicht nur Frankreichs berühmtester Schriftsteller der Gegenwart. Er ist auch ein Gesamtkunstwerk: Sein Habitus, seine oft skurrilen Auftritte in der Öffentlichkeit, seine erratischen politischen Äußerungen - all das macht den Großliteraten zu einem "Phänomen":

"'Houellebecq' heute weniger ein konkretes Individuum als vielmehr eine Fiktion, einen Kristallisationspunkt zahlreicher, häufig widersprüchlicher und sich unablässig wandelnder Darstellungen, derer sich die kollektive Vorstellungswelt bedient."

…schreibt die Herausgeberin in ihrem Vorwort. Agathe Novak-Lechevalier verfolgt Leben und Schaffen des Schriftstellers seit langem. In diesem Band hat sie biografische Elemente, Rezensionen und Meinungsäußerungen zu dem umstrittenen Literatur-Star zusammengetragen.

"Schnell sorgten die Einzigartigkeit und Kraft der von Michel vorgetragenen Texte für eine Reaktion bei den anderen Teilnehmern."

… so erinnert sich eine Zuhörerin an einen Literaturzirkel in einer Pariser Stadtteilbibliothek:

"Der Gebrauch des Alexandriners zur Beschreibung von Gewalt in der Stadt war bestechend. Die Desillusionierung oder auch Misanthropie, mit denen die Texte seine Mitmenschen bedachten, sowie die Melancholie der Situationen ließen die Zuhörer aufmerksam werden, und man hielt ihn bald für revolutionär, nur um ihn kurz darauf als 'reaktionär' zu bezeichnen."

Frühe charakteristische Themen

Revolutionär oder reaktionär - schon in jungen Jahren. Michel Thomas  war Anfang 20, als er beschloss, sich den Namen seiner Großmutter auszuborgen. Er wurde zum Schriftsteller Michel Houellebecq. Bereits damals hatte der Endzeit-Literat den Niedergang im Blick.

"Postiert am Punkt, wo Raum und Zeit sich kreuzen,
Erkenne ich mit kaltem Blick den nahen Sieg des Nichts"

Die "Geschichte der nördlichen Zivilisationen" ist eine düstere Vision, die in diesem Band erstmals veröffentlicht wird:

"Der letzte Kampf der Menschen aus der Ebene
Fand statt im fahlen Licht des Erdtrabanten.
Majestätisch eisbedeckte Gipfel aus Kristall
Gemahnten fortan an das Ende eines Volkes."

Schon früh deuteten sich also die Themen an, die so charakteristisch für sein Werk werden sollten: die zutiefst pessimistische Sicht auf unsere Gegenwart und Zukunft, die Melancholie einer Epoche, die er in seinen Romanen "Ausweitung der Kampfzone", "Elementarteilchen" und zuletzt in "Serotonin" literarisch so eindringlich und nachhaltig verarbeitet hat.

Vom Unvermögen zum Markenzeichen

Auch der Mensch Michel Houellebecq wird plastischer. Etwa in den Erinnerungen eines Kommilitonen an der Hochschule für Landwirtschaft, denn tatsächlich ist der Schriftsteller auch diplomierter Agrarökonom:

"Die Gespräche mit Michel bestanden von seiner Seite aus vor allem aus Schweigen, hin und wieder von einem 'Hm?' oder einem 'Ja!' unterbrochen. Manchmal entwischte ihm ein Glucksen."

Die skurril anmutende Art, sich zu äußern, hat er im Laufe seiner Karriere als Schriftsteller und öffentliche Person immer mehr kultiviert. Das einstige Unvermögen hat er in ein Markenzeichen umgewidmet.

Der Band zeigt Houellebecq als Schriftsteller und Provokateur, aber auch als bildenden Künstler und Musiker: etwa die kongeniale Zusammenarbeit mit der Rocklegende Iggy Pop. Die beiden haben gemeinsam einen schwermütigen Musik-Film gedreht.

Ein Seismograph der Befindlichkeiten

Aus den zahllosen Primärtexten, Rezensionen und sonstigen Äußerungen von und über Houellebecq tauchen immer wieder treffende Einschätzungen auf. Etwa die erste Kritik in einer größeren Zeitung Anfang der 90er-Jahre. Über den Essay "Lebendig bleiben":

"'Lebendig bleiben' ist eine Kriegserklärung an die Welt und zugleich eine Liebeserklärung an die Poesie. In ebenso lapidarem wie wirkungsvollem Ton entwirft Michel Houellebecq eine verzweifelte Strategie des Widerstands. (..) Dank der Treffsicherheit, Scharfsinnigkeit und Feinsinnigkeit ist 'Lebendig bleiben' ein wahrer Leitfaden aktueller Befindlichkeiten."

Der Schriftsteller ist bis zu seinem jüngsten Roman "Serotonin" ein unbestechlicher Seismograph der "aktuellen Befindlichkeiten" geblieben. Von Schriftstellerkollegen wie Julian Barnes oder Salman Rushdie sind Beiträge zu lesen. Auch seine Nähe zum Zeichner Luz oder dem Autor Bernard Maris vom Satiremagazin "Charlie Hebdo" wird erwähnt.

Scharfzüngiger Schreiber und finsterer Melancholiker

Nicht zuletzt wird deutlich, was für ein genialer Selbstvermarkter dieser Ausnahme-Autor ist - vor allem in den hier erstmals veröffentlichten Auszügen aus der E-Mail-Korrespondenz mit seiner taktisch äußerst geschickt agierenden Verlegerin Teresa Cremisi von Flammarion.

Marketing gehört zur Schriftstellerei dazu  - auch damit zeigt sich dieser scharfzüngige Schreiber und finstere Melancholiker als Kind unserer Epoche - so wie es die Herausgeberin beschreibt:  

"'Houellebecq' entgleitet unserer Einteilung und versucht mit allen Mitteln, Verwirrung zu stiften. Dennoch ruft sein Werk, wie es viele der hier versammelten Texte belegen, bei seinen Lesern das Gefühl wach, die Welt, in der sie leben, wiederzuerkennen und sich auf gewisse Weise dort wiederzufinden. Es scheint, als hätte die Literatur seit langer Zeit nicht mehr eine solche Wirkung gezeigt."

Für Anhänger, aber auch Gegner dieses Seismographen der Gegenwart ist der Band eine Fundgrube. Ob man Michel Houellebecqs Motive und Haltungen jemals ganz wird ergründen können, ist fraglich. Ein bisschen jedoch kommt man der literarischen Kassandra durch diese vielschichtige Materialsammlung näher.

Stand: 11.10.2021, 12:40