Buchcover: "Ambivalenz" von Amélie Nothomb

"Ambivalenz“ von Amélie Nothomb

Stand: 22.06.2022, 07:00 Uhr

Amélie Nothomb erzählt in ihrem neuen Roman eine Liebes- und Rachegeschichte. Gleichzeitig ist es die Geschichte einer Ehe aus Berechnung – und einer Tochter auf der Suche nach der Wahrheit über ihre Eltern. Eine Rezension von David Eisermann.

Amélie Nothomb: Ambivalenz
Diogenes Verlag, Zürich 2022.
128 Seiten.

"Ambivalenz" von Amélie Nothomb

Lesestoff – neue Bücher 22.06.2022 05:14 Min. Verfügbar bis 22.06.2023 WDR Online Von David Eisermann


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Heitere Wehmut, Grausamkeit und schräger Humor

Seit dreißig Jahren veröffentlicht Amélie Nothomb genau einen Roman pro Jahr. Ihr Markenzeichen: eine Mischung aus heiterer Wehmut, Grausamkeit und schrägem Humor. Voller literarischer Anspielungen, wie sie hier schon der Originaltitel bereithält.

Ihr neuer Roman "Ambivalenz" erschien in der Originalausgabe unter dem Titel "Les prénoms épicènes" – gemeint sind Vornamen ohne Geschlechtsgebundenheit, wie sie auch bei uns als weiblicher und männlicher Vorname vorkommen: Heike, Kay, Toni, Sascha oder etwa Robin.

"Les prénoms épicènes" nimmt dabei allerdings Bezug auf eine vierhundert Jahre alte Komödie: "Epicoene or The Silent Woman". Der Verfasser, Ben Jonson, war ein Zeitgenosse von William Shakespeare. Er beschreibt, wie einem reichen alten Mann eine Braut vermittelt werden soll, die eigentlich ein verkleideter Mann ist.

Claude und Dominique

Es geht bei Amélie Nothomb also durchaus um Akzeptanz, Liebe, Groll, Haß und – eine Spezialität der Autorin – Rache. In einer Art Prolog erleben wir, wie ein Mann erkennen muß, daß seine Freundin ihn verläßt, weil sie einen aussichtsreicheren Heiratskandidaten gefunden hat.

Die Handlung beginnt in den 70er Jahren in der bretonischen Hafenstadt Brest, mehr als 500 Kilometer entfernt von Paris. Den Mann vom Beginn treffen wir wieder, als er sehr engagiert mit Dominique anbändelt, die als Sekretärin arbeitet. Er heißt Claude.

In Frankreich sind Claude und Dominique zwei Vornamen, die sowohl bei Frauen wie bei Männern vorkommen - "Les prénoms épicènes". Dominique überlegt, was den selbstbewußten dazu gebracht haben könnte, sie ins Café einzuladen:

"'Ich muß ihn zum Reden bringen', dachte sie, 'sonst schaffe ich es nicht.' 'Wie heißt Ihre Firma?', fragte sie. 'Es ist die Pariser Filiale von Terrage. Import-Export.' Sie lachte. 'Ich wußte, daß Sie mir nicht richtig zugehört haben beim letzten Mal, sonst wäre Ihnen das bestimmt aufgefallen. Ich arbeite nämlich dort.' 'Bei Terrage? Unglaublich!' Sie fragte ihn, mit wem er zusammenarbeite. Er kenne niemanden außer dem Generaldirektor, antwortete er. Da machten sich ihre Komplexe bemerkbar und hinderten sie am Atmen. Sie wechselte das Thema. 'Gefällt Ihnen Paris?' 'Ich wollte immer dort leben. Die Stadt hat so eine Energie!' 'Ich war noch nie dort.'"

Rachepläne eines Verlassenen

Weil die Frau, die er geliebt hat, ihn nicht heiraten wollte, heiratet er Dominique, geht mit ihr nach Paris und macht dort Karriere. Ihre gemeinsame Tochter heißt – festhalten bitte – Épicène. Wie in dem Theaterstück von Ben Jonson. Das begabte und kluge Mädchen wird da eingeschult, wo auch die Kinder jener Frau zur Schule gehen, die Claude einst verlassen hatte, um einen aussichtsreicheren Kandidaten zu heiraten.

Der ist mittlerweile Generaldirektor einer großen Firma. Dominique wird von Claude angehalten, die Nähe zu der Frau des Generaldirektors zu suchen, deren Töchter mit Épicène zur Schule gehen.

"'Bonjour, Madame!' 'Bonjour. Ach ja, die Mutter von – warten Sie – Ophélie?' 'Épicène.' 'Ja, natürlich, Épicène. Wie geht es Ihnen?' 'Ich sorge mich um meine Tochter', sagte Dominique, die nichts dem Zufall überlassen wollte, 'sie macht es mir nicht leicht.' 'Wem sagen Sie das! Meine Töchter haben ganz schreckliche Noten!' 'Épicène ist Klassenbeste. Was mich beunruhigt, ist ihr Wesen.' 'Sie ist dreizehn, nicht wahr? Dann sollten Sie sich über nichts wundern.' 'Das sind nicht die üblichen Pubertätsprobleme, glauben Sie mir. Sie wirkt, als wäre sie gar nicht da.' 'Magersüchtig?' 'Nein, das ist es nicht. Sie hat keine Freundinnen, es fehlt ihr schlicht an Lebendigkeit.'"

Hass auf die Eltern

Tatsächlich hat Épicène das Eheleben ihrer Eltern beobachtet und begriffen, daß hier etwas grundsätzlich nicht stimmt. Sie kennt die Vorgeschichte ihres Vaters nicht – genausowenig wie Dominique weiß, warum Claude sie auf die Ehefrau des Generaldirektors angesetzt hat.

Dominique glaubt einfach, ihr Mann suche aus beruflichen Gründen die Nähe zu diesen Leuten. Aber Épicène empfindet das Leben mit ihren Eltern schließlich als Gefängnis. Sie beginnt ihre Eltern zu hassen – vor allem ihren Vater, aber auch die Mutter, die auf seiner Seite steht. Claudes Intrige, mit der er sich an der Frau des Generaldirektors rächen will, endet in einer Familienkatastrophe ungeahnten Ausmaßes.

Eine spannende Liebes- und Rachegeschichte

Amélie Nothomb beschreibt das alles in ihrem gekonnten knappen Stil aus kleinen Szenen und Dialogen, der ohne alles Überflüssige auskommt. Ein wenig wie das Drehbuch zu einem Film eines der Meisterregisseure von damals wie François Truffaut oder Claude Chabrol. Sie stellt zunehmend Épicène in den Mittelpunkt, die am Ende mit ihrer Mutter zurück nach Brest geht.

Dabei fängt die Autorin Épicènes unruhige und schwierige Kindheit und Jugend hervorragend ein, überschattet von der widersinnigen Beziehung zwischen Vater und Tochter. Claudes seltsame Rache an der vor langer Zeit verlorenen Geliebten erweist sich als ebenso interessante wie wahnsinnige Idee – ausgeklügelt und doch eindeutig sinnlos.

Mit "Ambivalenz" ist Amélie Nothomb ist ein spannende und anspielungsreiche Liebes- und Rachegeschichte gelungen.