Norbert Scheuer - Winterbienen

Norbert Scheuer, Winterbienen

Norbert Scheuer - Winterbienen

Von Wolfgang Schneider

Alles ist Zeichen bei Norbert Scheuer – und zugleich wunderbar konkret. Mit dem Roman "Winterbienen" erweitert er seine viel gerühmte Eifel-Chronik um eine historische Tiefendimension.

Norbert Scheuer
Winterbienen

C.H. Beck, München 2019
320 Seiten
22 Euro

Das Kall-Universum

Autoren haben in der Darstellung ihres Dublin, ihres Macondo, ihres Lübeck oder Winesburg eine ganze Welt gefunden. Auch Norbert Scheuer macht die Provinz zum Welttheater. Er ist gewissermaßen ein Kalligraph. Also einer, der in seinen Romanen immer wieder über ein Eifel-Örtchen namens Kall schreibt. Das Kall-Universum dehnt sich in „Winterbienen“ nun vor allem zeitlich aus, rückwirkend in die Jahre 1944 und 1945, in Gestalt feinnerviger Tagebuchaufzeichnungen eines gewissen Egidius Arimond, der das letzte Kriegsjahr in der Eifel-Provinz erlebt.

Arimond ist ein ehemaliger Lehrer, der im Gegensatz zu den vielen Angepassten und Karrieristen im Ort für den Nationalsozialismus keinerlei Sympathie hegt. Als Epileptiker ist er selbst im Visier der NS-Medizin; er wurde zwangssterilisiert und aus dem Schuldienst verwiesen. Eine gewisse Schonung genießt er noch, weil sein Bruder ein gefeierter Kampfflieger ist. Egidius Arimond widmet sich nun alten Büchern, der Arbeit im Garten und vor allem seinen geliebten Bienen, die gewissermaßen zu den Hauptfiguren des Romans gehören. Immer wieder wird, mit großer poetischer Kraft, aber ohne modische Bienenflüsterei, Arimonds beglückender Umgang mit den Tieren beschrieben.

"Ich gehe in der Nacht durch den Garten zum Bienenhaus, lege mein Ohr an einen Stock und höre das leise Singen der Winterbienen. Sie hängen alle dicht gedrängt zusammen, sind gesund. Tagsüber summen Bienen auf eine andere Weise als in der Nacht, und im Sommer anders als im Winter; ihr Chor klingt wie eine gleichmäßig schwingende Melodie, die von ihren zarten Flügelchen erzeugt wird."

Norbert Scheuer: "Winterbienen"

WDR 3 Buchrezension 14.10.2019 05:57 Min. Verfügbar bis 13.10.2020 WDR 3

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Eine gewisse Aufsässigkeit

Diese Melodie ist die schöne Gegenstimme zur Kakophonie des Untergangs. Über dem Ort dröhnen die alliierten Bomberflotten; noch über fliegen sie ihn Richtung Köln und Ruhrgebiet, nachts ist der Feuerschein am Horizont zu sehen.

Norbert Scheuer im Samstags-Mosaik

Norbert Scheuer

Viele junge Männer aus Kall, darunter ehemalige Schüler Arimonds, sind gefallen. Aber je aussichtsloser die Lage, desto fanatisch-rachsüchtiger die überzeugten Nationalsozialisten. Ohne dass sich Arimond als Mann des Widerstands verstehen würde, pflegt er doch eine gewisse Aufsässigkeit. Der Freund der Frauen hat eine Affäre mit der Ehefrau des Kreisleiters der NSDAP. Vor allem aber bringt er im Auftrag einer geheimen Organisation jüdische Flüchtlinge über die nahe Grenze nach Belgien. Er versteckt sie in seinen Bienenkästen, heftet ihnen Bienenköniginnen an den Körper, so dass sie im Fall einer Kontrolle völlig von den zu ihrer Königin schwärmenden Bienen verdeckt sind.

"Pro Flüchtling benötige ich in der Regel vier Lockenwickler, die ich jeweils mit einer Königin bestücke. Ich befestige je einen an Schulter und Brust und einen an den Jackenärmeln; das genügt, um den ganzen Körper mit einer Traube von Bienen bedecken zu lassen, wie ein Kleid aus braungoldenen summenden Perlen."

Der Krieg rückt näher

Dass Arimond diese gefährlichen Flüchtlingstouren unternimmt, hat weniger mit Edelmut zu tun als mit seiner Krankheit. Er braucht das Geld, das er dafür bekommt, für die teuren Medikamente, die seine Epilepsie in Schach halten, mit denen der Nazi-Apotheker jedoch immer mehr knausert. So wird die Lage für ihn mit jedem Monat bedrohlicher: Seine Anfälle verstärken sich, die Gestapo ist ihm auf der Spur, er wird zwischenzeitlich inhaftiert. Zeitweise kommt er nicht einmal mehr zum Schreiben seines Tagebuchs, seinem Ort der inneren Beruhigung im Wirbel der Panik. Der Krieg rückt immer näher.

"Die Sirenen heulen, zum vierten Mal an diesem Tag. Geschwader mit Blackburns, Curtiss Hawks, Lightnings, Marauders und Spitfires. Sie fliegen in großen Formationen dröhnend über das Urftland hinweg. Hin und wieder werden einige von der Flakbatterie getroffen, die Maschinen zerplatzen in einem Feuerball, oder sie pendeln mit zerfetzten Tragflächen, taumeln noch eine Weile und rasen dann im Steiltrudel der Erde entgegen und zerschellen beim Aufschlag."

Verknüpfungen, Spiegelungen und Gegensätzlichkeiten

Auch Kall sinkt schließlich unter den Bomben in Trümmer. Das Fesselnde des Buches ist in erster Linie jedoch gar nicht die Handlung. Seine literarische Stärke liegt in Scheuers immer komplexerer Kunst der Verknüpfungen, Spiegelungen und Gegensätzlichkeiten. Es imponiert, wie hier ganz entspannt ein Beziehungsnetz gewoben wird, zwischen Bienen und Bombern, zwischen Natur und Staat, zwischen den Abstraktionen mittelalterlicher Philosophie und den Details der Landschaftsbeschreibung. Die Welt ist Zeichen in Scheuers Romanen – und zugleich ist alles wunderbar konkret und einzigartig an seinem Ort.

Beeindruckend ist die dunkle Bildkraft vieler Passagen, wenn etwa die Erhängten im Kölner Gefängnishof der Gestapo während der schweren Luftangriffe unter den Detonationen hin und her pendeln wie „Vogelscheuchen im Wind“. Faszinierend sind die Schilderungen des sogenannten „Bergschadensgebietes“, in dem die jahrhundertelangen Bergbauarbeiten die Landschaft ausgehöhlt haben, so dass vielerorts gefährliche Einbrüche drohen und eine Unterwelt der heimlichen Gänge, Höhlen und unterirdischen Seen entstanden ist, wo Arimond die Flüchtlinge vor seinen Grenzgängen versteckt. Die Welt ist voller Abgründe, ein falscher Schritt kann ins Verderben führen. Das gilt am Ende leider auch für Arimond selbst. Ein starkes, ein subtiles Buch, in dem Norbert Scheuer seinem Kosmos eine historische Tiefendimension hinzufügt. Es hätte den deutschen Buchpreis in diesem Jahr verdient.

Stand: 13.10.2019, 19:41