Cees Nooteboom - Abschied

Buchcover: Cees Nooteboom - Abschied

Cees Nooteboom - Abschied

Von Martin Krumbholz

"Gedicht aus der Zeit des Virus" nennt Cees Nooteboom diesen erschütternden Band, in dem das lyrische Ich Abschied nimmt von sich selbst.

Cees Nooteboom: Abschied
Aus dem Niederländischen von Ard Posthuma.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2021.
88 Seiten, 22 Euro.

Cees Nooteboom: "Abschied"

WDR 3 Mosaik 24.02.2021 05:12 Min. Verfügbar bis 24.02.2022 WDR 3


Download

Abschied von sich selbst nehmen

In Nootebooms sehr erfolgreichem Roman "Die folgende Geschichte", in dem es ums Sterben geht, finden sich folgende Sätze:

"Das Wort Abschied umschwebt mich, und ich kann es nicht fassen. Diese ganze Stadt ist Abschied. Der Rand Europas, das letzte Ufer der ersten Welt, dort, wo der angefressene Kontinent langsam im Meer versinkt, zerfließt (…)"

Die Rede ist von Lissabon. Und so geht die Passage weiter:

"Lissabon zaudert. Das muss es sein, diese Stadt zögert den Abschied hinaus, hier nimmt Europa Abschied von sich selbst. Träge Lieder, sanfter Verfall, große Schönheit."

Abschied nehmen von sich selbst – dieselbe Formulierung wie in dem 30 Jahre alten Roman findet sich nun im aktuellen Lyrikband wieder.

Düstere Erinnerungen und Reflektion des eigenen Lebens

Allerdings ist es jetzt nicht ein Kontinent, der Abschied nimmt von sich selbst, sondern der Dichter oder das lyrische Ich, wie der Fachterminus lautet:

"Hier muss es sein, / hier nehme ich Abschied von mir selbst / und werde dann langsam / niemand."

So schließt der Band. Mit einem blinden, fahlen Hund in der Kälte hat der Dichter sich zuvor verglichen. Und zugleich bemerkt: "ohne Erinnerung kein Leben." Die Gedichte oder das Gedicht, wenn man so will, ist von formaler Strenge. Jedes einzelne umfasst drei Strophen von je vier Versen, dann folgt jeweils noch ein alleinstehender Vers. Zuletzt das Wort "niemand".

Leicht zugänglich, das muss man wohl feststellen, sind diese Dichtungen nicht; mit einmaligem Lesen ist es nicht getan. Dunkle Erinnerungen an den Holocaust klingen fast im Vorübergehen an, öfter aber reflektiert der Autor seine eigene Biografie, die diejenige eines Erfinders, auch eines Menschen-Erfinders ist.

"Wie viele Leben passen in ein Leben? / Wie oft ist derselbe Kopf jemand anderer? (…) Märchen hat er erfunden, zu allen / Köpfen sich ein Leben erdacht; wenn sie ihn / nicht sahen, hat er sie betrachtet."

Auseinandersetzung mit dem Dasein als Autor

Der unbemerkte Betrachter, der Märchenerfinder, aber auch derjenige, der in einen fremden Kopf schlüpft – das sind alles Chiffren für den Schriftsteller, den Romancier. Im Roman "Die folgende Geschichte" ist Nooteboom in den Kopf eines Altphilologen mit dem Spitznamen Sokrates geschlüpft, der tatsächlich den Namen eines berüchtigten niederländischen Faschisten trug. Ein Mensch, der eine ganz andere Biografie hatte als sein Autor, und doch, so darf man mutmaßen, Ähnlichkeit mit ihm besaß.

"Schicksalsgefährten eines anderen Daseins", formuliert Nooteboom nun im Gedicht, "mit denen er nichts teilen wollte außer der Angst." An anderer Stelle erklingt die rhetorische Frage: "Du wolltest doch leben?"

"Ja, wolltest du denn / lauter Gold, das Blaue / vom Himmel, die Liebe, die Sonne? / Nichts ist hier umsonst, sammle / das Sterben in all seinen Gestalten, / die Pein, den Schrei (…)"

Also: das Blaue vom Himmel hat seinen Preis, und vieles, das man erlebt, nimmt das Sterben vorweg. Es endet mit folgenden Versen:

"Leben ein Hohelied? Gewiss, / doch darunter die andere Wahrheit / von Nacht und Nebel, / das So oder So, das währt / bis zum Ende."

Die Chiffre "Nacht und Nebel" spielt zweifellos auf die Deportationen niederländischer Juden an, auf "die andere Wahrheit", aber weiter ausgeführt wird das Thema nicht, Gedichte leben von Andeutungen, von Auslassungen.

Fragmentarisches - weil die Erinnerung schwächer wird

Wer Klartext verlangt, ist mit diesem kargen, elegischen Band schlecht bedient. Was auffällt, ist die Tatsache, dass Nooteboom den Henker und den Dichter, jedenfalls den "Dichter von schlechten Versen" in ein und demselben Atemzug nennt:

"Gab es ein vorgeschriebenes Maß? / Doch wohin gehört denn der Henker, / der Betrüger, der Dichter von / schlechten Versen? Das halbe Gesicht auf / kaum einem Körper, das Insekt / ohne Flügel, das ein Buch / schrieb, das erfundene Genie, das seine Kotze verkauft / und die Seele dazu?"

Es bleibt kaum ein Zweifel, dass Nooteboom hier immer – auch – von sich selbst spricht, und zwar ohne jede Absicht, zu kokettieren. Das Genie, das seine Kotze verkauft: drastischer und ja, pessimistischer kann man es nicht sagen.

Eine Erklärung für das Fragmentarische, Ausgeschnittene der Verse ist wohl auch, dass die Erinnerung und damit das Leben schwächer wird. Vom "Rest der Strecke" ist die Rede. "Hier muss es sein, hier nehme ich Abschied von mir selbst." Es nähme fast Wunder, wenn auf diesen erschütternden Band noch einmal etwas anderes folgen sollte. 

Stand: 23.02.2021, 19:21