Sandra Newman - Himmel

Buchcover: "Himmel" von Sandra Newman

Sandra Newman - Himmel

Von Martin Krumbholz

Sandra Newmans Roman entpuppt sich als gewagte Genremischung, er spielt teils im New York der Gegenwart, teils im England zur Zeit Shakespeares.

Sandra Newman: Himmel.
Aus dem Englischen von Milena Adam.
Matthes & Seitz, Berlin 2020.
296 Seiten, 22 Euro.

Sandra Newman: "Himmel"

WDR 3 Buchkritik 26.10.2020 05:00 Min. Verfügbar bis 26.10.2021 WDR 3


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Verheißungsvolles Kennenlernen

Der Roman beginnt im Jahr 2000 als eine beinahe harmlose Liebesgeschichte: Ben und Kate, junge Leute in ihren Zwanzigern, lernen sich auf einer Party in Manhattan kennen. Sie, Kate, hat ungarische, türkische und persische Wurzeln. Er, Ben, ist halb bengalisch, halb jüdisch. Man findet sich sympathisch, betrachtet vom Balkon den Sternenhimmel, kommt sich näher. Schließlich fordert Kate Ben auf, die Nacht mit ihr auf der Dachterrasse zu verbringen. Ben scheint von dieser unverhofften Einladung recht animiert, dann aber stolpert er (und mit ihm Leser und Leserin) über eine unerwartete Hürde.

"Sie sagte: 'Ich habe dich nicht mit hochgenommen, um Sex zu haben. Ich hoffe, du hast das nicht missverstanden.' – 'Oh, natürlich nicht', log er, 'ich habe nichts dergleichen erwartet.' – 'Vielleicht können wir ja nächstes Mal Sex haben.' – 'Okay.' – 'Ich meine, ich will dich nicht abweisen.'"

So charmant wird hier geflirtet, doch die Leichtigkeit der Szene führt in die Irre. Kate nämlich ist eine komplizierte Person; um genauer zu sein: Sie ist schizophren. Ein Umstand, den Sandra Newmans Roman nach und nach enthüllt und, vielleicht aus Gründen der Diskretion, nie ganz eindeutig macht. Ben ist Geologe, Doktorand und Lyriker (publizierter Lyriker, wie er betont). Er entpuppt sich als einfühlsamer Mensch, der die Krankheit seiner Freundin zunächst ausblendet. Sie kommt sogar Bens psychischer Disposition gewissermaßen entgegen: Er hat eine seelisch instabile Mutter, die ihn schon früh zu ihrem Vertrauten gemacht hat.

Kates unschuldige Weltfremdheit

Die Beziehung von Ben und Kate, die einen zunächst verheißungsvollen Anfang genommen hat, gestaltet sich jedoch immer komplizierter. Kates im Prinzip durchaus sympathische Weltfremdheit wird mit einer Fülle von Beispielen belegt.

"Eines schlimmen Abends erwähnte er Atomwaffen, und Kate sagte: 'Moment, sie bauen Atomwaffen?', und Ben antwortete: 'Mhm-hm', und Kate sagte, sie kenne sie in der Theorie, aber warum solle man sie bauen, wenn man genau wisse, dass man sie nie würde einsetzen können? Also erklärte Ben ihr Hiroshima und Nagasaki, und Kate sah entsetzt aus und sagte: 'Und sie bauen immer noch welche?'"

Man erinnert sich daran, dass Ben von der Gastgeberin jener Party am Anfang gewarnt worden war, allerdings ein wenig vage und diplomatisch. Natürlich ist Kate so liebenswert wie schutzbedürftig, und so äußert sich Sabine, die Gastgeberin, eher widersprüchlich:

"'Kate lebt nicht in der realen Welt, und ab einem bestimmten Punkt kommen die Leute nicht mehr damit klar und verletzen sie. (…)' – 'Also warnst du mich vor ihr?', sagte Ben mit bewusst ungläubigem Tonfall. – 'Nein', sagte Sabine. 'Das war nicht meine Absicht. Hört es sich so an? Mein Gott, ich bin so ein Arschloch.'"

Zeitreisen zu Shakespeare

Kate lebt in einer Parallelwelt, in der es eine Marslandung und eine grüne Präsidentin namens Chen gibt; damit nicht genug, begibt sie sich in ihren Träumen auf Zeitreisen ins 16. Jahrhundert und will sozusagen rückwirkend den Lauf der Geschichte korrigieren. Kate, könnte man sagen, will die Welt retten – und Ben will Kate retten. Das eine ist unmöglich, das andere mehr als schwierig: So die zwar paradoxe, aber nicht ganz unplausible Konstellation des Romans.

Kates Zeitreisen nehmen darin einen breiten Raum ein. Sie heißt in ihren Träumen Emilia, ist die Tochter eines elisabethanischen Höflings und verliebt sich in einen traurigen Typen, der sich als William Shakespeare entpuppt. Doch spätestens hier, in der Mitte des Romans, stellt sich ein Unbehagen ein. Nicht allein, dass die Sprache in den Traumpassagen künstlich altert; es klingt in jedem Fall prätentiös und albern, wenn die Figuren etwas "dünkt", statt dass sie ganz einfach etwas meinen.

Eine Genremischung, die in die Irre führen kann

Mehrfach wird sehr realitätsnah von einem Besuch bei Kates Eltern erzählt, während sich viele Seiten später herausstellt, dass diese Eltern so gar nicht existieren, dass etwa der Vater schon in ihrem zweiten Lebensjahr verschwunden ist. Solche Irreführungen sind unnötig und sogar ein wenig unseriös, auch wenn sich das Ganze klappentexttechnisch als "Genremischung" verkaufen lässt.

Eine Fantasy-Geschichte aus der Zeit Shakespeares ist etwas anderes als ein zeitgenössischer psychologisch-realistischer Roman aus New York. So liest man das Buch eher aus Sympathie für seine kranke Protagonistin zu Ende denn aus Überzeugung.

Stand: 23.10.2020, 12:50