Hans Blumenberg alias Axel Colly - Frühe Feuilletons

Hans Blumenberg alias Axel Colly - Frühe Feuilletons

Hans Blumenberg alias Axel Colly - Frühe Feuilletons

Von Werner Köhne

Bunte Geistesfrüchte für die Waschfrau aus Oberbilk: Unter Pseudonym veröffentlichten einst die "Düsseldorfer Nachrichten" Feuilletons des großen Philosophen Hans Blumenberg – jetzt sind sie gesammelt erschienen.

Hans Jürgen Balmes, Jörg Bong, Alexander Roesler, Oliver Vogel (Hrsg.)
Neue Rundschau 2018/4
Hans Blumenberg alias Axel Colly
Frühe Feuilletons (1952-1955)

S. Fischer, Frankfurt a.M. 2018
256 Seiten
26 Euro

Das Streben nach Glück

In der amerikanischen Verfassung ist bekanntlich das Streben nach Glück ausdrücklich als verbrieftes Recht des Individuums verankert. Für den Philosophen Hans Blumenberg ist indes das Glück in der modernen Zivilisation nicht zugelassen worden.

"Das Verbot des Glücks erst machte die moderne Menschheit bereit, alles an Kraft und Substanz in das riesige Reich der Mittel hineinzustecken, mit denen sie einem unendlich fernen Ziel zustrebte. Je größer aber das Arsenal der Mittel in Wissenschaft und Technik wurde, umso wertloser wurde das Ziel."

Hans Blumenberg alias Axel Colly - Frühe Feuilletons

WDR 3 Mosaik 31.05.2019 05:19 Min. Verfügbar bis 30.05.2020 WDR 3

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Eine leichte Spielart des Denkens

Hans Blumenberg

Hans Blumenberg

Wir sind allein mit diesem Zitat mitten in der Gedankenwelt von Hans Blumenberg angelangt, einer Philosophie, der man nachgesagt hat, sie sei schwer verständlich, aber die für den, der sich auf sie einlässt, reizvolle Grenzgänge zwischen strenger Argumentation, essayistischer Brillanz und tiefgründiger Meditation verspricht. Blumenberg steht für eine Philosophie, die sich von einer phänomenologischen Basis aus in Bereiche vorwagt, die klassische Denkschulen normalerweise meiden. Nicht alles ist auf den Begriff zu bringen, so lautet eine Grundüberzeugung von ihm. Das wird besonders in diesen Texten deutlich, in denen er sich bewusst zum Feuilleton, also einer leichten Spielart des Denkens, bekennt.

Darin erleben wir einen Hans Blumenberg, der sich pointiert ins Tagesgeschehen einmischt und krisenhafte Phänomene der Zeitgeschichte aufgreift, um sie profund zu reflektieren.
Blumenberg schrieb diese Kolumnen, die sich zumeist auf zwei drei Buchseiten beschränken, in den Jahren zwischen 1952 und 1955, die meisten für die Wochenendausgabe der “Düsseldorfer Nachrichten“, unter einem Pseudonym und in Absprache mit einem ihm wohlgesonnenen Kulturredakteur.

In guter feuilletonistischer Tradition

Die Themen sind vielfältig und schließen auch Nebensächliches und Abwegiges nicht aus. So folgt einer Kolumne über das unser Zeitempfinden verändernde Phänomen des Überschalls bei Düsenflugzeugen, eine weitere über die prekäre Situation der modernen Medizin. Anschließend widmet sich eine Kolumne der sich alltäglichen Erscheinungsformen des komplizierten Säugetiers Mensch. In guter feuilletonistischer Tradition werden Konkretes und Allgemeines ineinander gewebt. So geht es in einer Kolumne um den modernen Tourismus, der wohl damals schon bedrohliche Züge angenommen hatte. Es ging vielen Urlaubern schon kurz nach dem Krieg nicht um Muße, Bildung, Neugier auf Fremdes, sondern um das Einhalten eines abstrakten Reiseplans.

"Das Ziel dieses Tourismus ist eine Marke, die auf dem geradesten Weg erreicht werden muss; wer sich am wenigsten umsieht, wer sich auf die pure Fortbewegung konzentriert und die Bahn als Bahn und nicht als Welt mit allen möglichen ablenkenden Realitäten nimmt, kommt dem Anspruch einer gelungenen Reise am nächsten."

Kolumnen als Ausgleich

Als die Feuilletons erschienen, hatte Blumenberg gerade seine Habilitation abgeschlossen und verstand wohl seine Kolumnen als Ausgleich für das harte Geschäft der Philosophie - eine Philosophie, zu der die Kolumnen ein Vorspiel liefern. Das gilt besonders für die Position, die Blumenberg später im Diskurs um die Genese und Geltung der Moderne einnehmen wird. In seinem grandiosen Werk “Die Legitimität der Neuzeit“ widerspricht er den zwei großen Denkrichtungen seiner Epoche. Deren eine feiert die in der Aufklärung gipfelnde moderne Subjektivität. Deren andere sieht in dieser bloß eine Metaphysik der Selbstermächtigung. Blumenberg hingegen will es genauer angehen. Er wendet in einer seiner Kolumnen seinen Blick zurück auf den Beginn dieser neuen Epoche.

"Als die geschlossene, fraglos vertraute Welt des Mittelalters zerbrach, sah der Mensch der beginnenden Neuzeit mit Staunen die Reiche des Fremden und Unbekannten, von denen nichts in den Büchern des Aristoteles gestanden hatte. Man musste hinsehen, angestrengt und genau beobachten, um die bestürzende Fülle des Neuen zu fassen. Die große Epoche der Erfahrung begann. Aber zugleich hat diese Epoche alles getan, um sich ihrer eigenen Wurzeln zu berauben, um das Staunen zu zerstören, von dem sie ihren Ausgang genommen hatte."

Empathie für den homo sapiens

Blumenbergs Beobachtungsobjekt ist nicht eine diffuse "moderne Subjektivität", sondern der konkrete, auch ideengeschichtlich geprägte Mensch.
Dabei sieht er den Menschen geschichtlich oftmals in der Defensive, was ihn Empathie für den homo sapiens empfinden lässt. Davon zeugen all seine Werke später: über den Mythos, die Bedeutung von Metaphern für die Sinnstiftung im menschlichen Dasein, auch über den schmerzlichen Widerspruch zwischen Lebenszeit und Weltzeit. Wer Blumenbergs Denken besser verstehen will, der sollte diese Kolumnen unbedingt lesen.

Stand: 31.05.2019, 09:00