Kathrin Gerlof - Nenn mich November

Kathrin Gerlof - Nenn mich November

Kathrin Gerlof - Nenn mich November

Absturz eines Großstadt-Paares: Kathrin Gerlof lässt zwei Privat-Insolvenzler auf dem Lande stranden – ein Balanceakt zwischen Satire und Tristesse.

Kathrin Gerlof
Nenn mich November

Aufbau Verlag, Berlin 2018
346 Seiten
20 Euro

Die Großstadt ist out, das Dorf ist in

Das trifft zumindest immer häufiger auf die aktuelle Romanproduktion zu. Manche Kritiker sprechen sogar schon von einer Renaissance des Heimat- und Dorfromans, mit Juli Zehs „Unterleuten“ in Brandenburg als bekanntestem Beispiel. Ebenfalls in einem Dorf in der ostdeutschen Provinz spielt auch der neue Roman von Kathrin Gerlof. Gerade noch 70 Seelen wohnen in dem namenlos bleibenden Kaff, und was hier blüht, sind keine Landschaften, sondern allenfalls der sich bis an den Horizont erstreckende genmanipulierte Mais.

"Die flache, schmucklose Landschaft, der leere Himmel über dem Dorf und die Lethargie seiner Bewohner sorgten dafür, dass die Leute unter sich blieben. Wenn hier etwas neu gebaut wurde, war es eine Biogasanlage. Und wenn jemand starb im Dorf, wurde dieser Mensch nicht ersetzt durch die Geburt eines neuen Menschen."

Die "Neuen" im Dorf

Kathrin Gerlof

Kathrin Gerlof

Ohne Alkohol erträgt keiner die Tristesse, und so etwas wie Begehren kennen hier nur noch die Hunde. Wer es nicht mehr aushält, wie die achtzigjährige Frieda, erhängt sich in seiner Scheune; andere verprügeln ihren Ehepartner. Und was ist mit den immer neuen Toten in der Biogasanlage? Sind es wirklich nur Unfälle oder wollen die Frauen so ihre gewalttätigen Männer loswerden? Sogar ein "Maismörder" soll in den endlosen Feldern sein Unwesen treiben – Stephen King, der in Gerlofs Roman einmal genannt wird, lässt grüßen. Die misstrauisch beäugten "Neuen" im Dorf – Marthe und David Lindenblatt – erfahren solche Dinge jedoch erst nach und nach. Wie in Juli Zehs Bestsellerroman kommen auch Gerlofs Hauptfiguren aus Berlin. Doch sind sie keine selbstgerecht-arroganten Aussteiger; vielmehr sind die beiden umwelt- und sozialbewussten Endvierziger in die Privatinsolvenz geschlittert. In einem ererbten Häuschen auf dem Land wollen sie wieder auf die Beine kommen. Etwas anderes als eine Existenz auf Sparflamme wäre in dem Dorf auch gar nicht möglich. Dass es hier aber nicht einmal Internetanschluss gibt, ist gerade für die newssüchtige Marthe eine harte Prüfung. Schließlich sammelt sie schon seit Jahren, überzeugt vom nahen Untergang der Menschheit, Horrormeldungen aus aller Welt – aber warum eigentlich?

"Weil ich wissen will, wie es zu Ende geht. Und weil es mich vom Eigentlichen ablenkt. Ich denke, das ist das Eigentliche? Sie reden doch von nichts anderem. Also muss es das Eigentliche sein."

Absturz und Neuanfang

Wie sich zeigen wird, ist es gerade die Stille und Langsamkeit auf dem Dorf, die Marthe zwingen wird, sich endlich wieder mit dem "Eigentlichen" im Leben zu beschäftigen. Anschluss findet sie jedoch nur bei einigen Außenseitern der Dorfgemeinschaft, wie einem Wilderer, einem Pubertierenden mit Alkoholiker-Mutter und, jawohl, einem heimlichen Mörder. Zumindest für diese Menschen wird Marthe mit ihrer verwirrenden Freundlichkeit ein neuer Fixpunkt in der lethargischen Dorfgemeinschaft.

Der Absturz des Berliner Paares und ihr Neuanfang auf dem Land werden von Kathrin Gerlof klug und überzeugend erzählt. Dabei wirkt ihre Prosa spröde und mit all den unvollständigen Sätzen regelrecht zerhackt. Bemerkenswert ist auch der "böse" Blick der Autorin auf ihr Personal, der bevorzugt auf Krampfadern, Besenreiser und unter Kummerfett verborgene Genitalien fällt.

Schade nur, dass die Handlung lange Zeit eher planlos dahintröpfelt. Als pure Ablenkung, als blinde Motive, erweisen sich dabei die diversen Krimi- oder Horrorelemente. Denn am Ende ist es die sogenannte Flüchtlingskrise, die globales Elend und lokale Tristesse kurzschließen: Der Großbauer Schulz lässt in seinen Baracken 200 Flüchtlinge einquartieren; ob aus Geschäftssinn oder Gemeinsinn ist ihm selbst nicht klar. Woraufhin sein Dauerrivale Krüger erstmal eine Bürgerwehr gründet, zum Schutz der Frauen natürlich. Spätestens wenn im Dorf plötzlich Deutschlandfahnen wehen, gewinnt Gerlofs Roman die Qualitäten einer Gesellschaftssatire.

"Guten Abend"

"Krüger sieht, und die anderen sehen es auch, dass drei Fremde zögerlich in ihre Richtung laufen und fünf Meter vor dem Zaun stehen bleiben. Niemand sagt etwas. Die Männer hinter dem Zaun starren auf die Männer vor dem Zaun, und keinem ist wohl dabei. Ein Mann aus der Bürgerwehr schickt ein "Guten Abend" über den Zaun, das keine Erwiderung findet. Woher auch, die Fremden verstehen ja kein Wort, denkt Krüger. Dann sagt einer der Fremden "Guten Abend", dreht sich um und geht zurück zu den Baracken."

So sehr man als Leser eine Eskalation der Ereignisse auch erwartet – Kathrin Gerlof verweigert sie bis zum Schluss. Das kann man als Leser frustrierend finden – oder als eine höhere Form von Realismus, schließlich ist unsere Gegenwart so offen und unbestimmt wie das Ende dieses Romans. Bemerkenswert ist jedoch, zumal für eine Kolumnistin des "Neuen Deutschland" wie Kathrin Gerlof, wer sich in diesem Roman um die Zukunft des Ortes sorgt und Veränderungen anstößt: nämlich ausgerechnet die beiden kapitalistischen Großbauern.

Kathrin Gerlof - Nenn mich November

WDR 3 Buchrezension | 13.11.2018 | 05:22 Min.

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Stand: 13.11.2018, 10:52