Andreas Neeser - Wie wir gehen

Andreas Neeser - Wie wir gehen

Andreas Neeser - Wie wir gehen

Von Dorothea Breit

In seinem neuen Roman erzählt der in Deutschland noch zu entdeckende Schweizer Dichter Andreas Neeser eine anrührende Vater-Tochter-Geschichte.

Andreas Neeser
Wie wir gehen

Roman
Haymon Verlag 2020
216 Seiten
17,90 EUR
ISBN 978-3-7099-3485-2

Kleine Schritte

Der Roman erzählt von der schwierigen Annährung einer Tochter an ihren unzugänglichen Vater.

"Kleine Schritte. Bescheiden bleiben. Dein Erfolgsrezept. Ich musste es übernehmen, gezwungener Maßen. (…) Ferien am Meer? Nicht für unsereins. Ein Mofa für den langen Schulweg? Nicht für unsereins. Kleider bekam ich von den Cousinen (…). Das tat es auch. Klar tat es das auch, und es tat weh. Das ist nicht für unsereins. Der Satz ist eingebrannt im Hirn."

Sie weiß kaum etwas über ihn

Ein direktes Gespräch ist nicht möglich mit dem wortkargen alten Mann. Deshalb hat Mona es mit einem Tonbandgerät versucht, ihn gebeten, ihr von seinem Leben zu erzählen. Sie weiß kaum etwas über ihn, will verstehen, warum der Vater wurde, wie er ist, weshalb der Beziehung zwischen ihm und ihr jegliche Herzlichkeit fehlt. Knapp 50 Minuten spricht Johannes auf das Tonband, und Mona klaubt fortan im Zwiegespräch mit dem Gerät die Bruchstücke seines Lebens zusammen. Ein hartes Leben in ärmlichen Verhältnissen.

"Du wurdest aussortiert damals, wie ein überzähliges Stück Vieh. Man hat dich weggeschickt zum Fressen, auf eine andere Weide. Und alles wiederholt sich, wenn auch auf andere Weise. (…) Was mich betrifft, ich habe schon früh unterm Zaun durchgefressen. Aber klar, als Nachgeborene hat man es leichter, Widerständlerin in eigener Sache zu sein."

Annährung über Umwege

Der Schweizer Schriftsteller Andreas Neeser erzählt in dem Roman "Wie wir gehen" von einer Annährung über Umwege.

Andreas Neeser

Andreas Neeser

In wechselnden Perspektiven - vom persönlichen, reflektierenden Ich Monas zum distanzierten auktorialen Blickwinkel – greifen die Lebensgeschichten von vier Generationen einer Familie ineinander. Nicht ausgesprochen aber allgegenwärtig ist die Sehnsucht nach Liebe. Der Großvater, Gottlieb, gibt seinen Sohn Johannes schon früh als Verdingbub zu seinem Bruder Robert auf den Bauernhof. Der kleine Bub hilft gerne, er kennt nichts Anderes, bekommt dort gut zu essen und er liebt die Kühe, in deren Wärme fühlt er sich geborgen. Das Schicksal hält auch einige Chancen für ihn bereit, sogar eine Schlosserlehre. Die endet allerdings jäh nach einem Tuberkuloseanfall. Dennoch rappelt er sich wieder auf.

"Rollläden, sagte Johannes und gab der Eisenstange einen Tritt.

Gut, dann lass es. Bleib in deinem Kinderzimmer hocken, sammle Totholz und hab Mitleid mit dir selbst.

Johannes nahm die Flasche und stand auf, lehnte sich gegen eines der massiven Regale. (…)

Danke, sagte er."

Es läuft nicht alles glatt

Andreas Neesers scheinbar einfache, verdichtete Sprache entwickelt Sogwirkung; umso mehr wäre dem Germanisten und ehemaligen Deutschlehrer eine sorgfältigere, fehlerfreie Drucklegung zu wünschen gewesen. Schade drum.

Indessen läuft auch bei Mona nicht alles glatt. Ihre Ehe ist gescheitert. Pierre hat sich nach einem Raubüberfall auf seinen Juwelierladen in einen unerträglichen Fremdenhasser verwandelt. Im Gegensatz zu Mona, die Dolmetscherin für Arabisch ist und ehrenamtlich mit Flüchtlingen arbeitet; mit dem Künstler Salim ist sie sogar befreundet.

"Salim erzählte nicht. Nicht viel mehr als die Eckdaten seiner Biografie, die Stationen der Zerstörung eines Lebens. (…) So sehr Mona Verständnis hatte für die Schwierigkeiten einer provisorischen Existenz, so sehr wuchs ihr Unmut über die Art und Weise, wie er damit umging. (…) Am meisten ärgerte sie, dass eine (...) sinnvolle Kommunikation mit Salim immer noch nicht möglich war. (…) Was er sagen wollte, tippte er auf Arabisch in sein Handy, Google Translate erstellte in Sekundenschnelle die Übersetzung."

Phrasen, wie Nadelstiche ins Herz

Die Romanfiguren sprechen aus, was politisch unkorrekt erscheint, bis hin zu Pierres Fremdenfeindlichkeit. Weshalb die Geschichte auf zweifache Weise berührt und mit uns allen zu tun hat. Denn jeder kennt diese Gedanken, diese Phrasen, die wie Nadelstiche ins Herz treffen, und möchte sie nicht lesen müssen. Für die nötige Kurskorrektur sorgt dann Monas halbwüchsige Tochter Noȅlle, die aus Trotz und verletzter Liebe noch eine Weile zu Pierre, ihrem Vater hält, aber schließlich erkennt, dass er auf dem falschen Gleis unterwegs ist.
Während Mona ihrerseits versucht, das Schweigen ihres Vaters zu verstehen, als nach Jahren der besiegt geglaubte Krebs zurückkehrt.

"Das kann doch nicht sein, habe ich gesagt. Dann hast du nach dem Nachtisch gefragt. Aber gut. Lange genug hattest du mich hingehalten. Bis gestern, um genau zu sein. – Jetzt ist mir klar, weshalb. Nicht belasten wolltest du mich, wo ich doch schon genug um die Ohren habe. Lieber in der Kacke sitzen bleiben, man hat ja gelernt, einzustecken. Das eigene Kind hingegen, das einzige, das einem geblieben ist, muss man schonen, um jeden Preis."

Es ist diese Form ungesunder Elternliebe, die Mona umtreibt, und die auch jeder Leser kennt. Ohne metaphorische Saltos, lapidar und leichtfüßig verwandelt Andreas Neeser dieses Gefühl in Sprache, das ist die Qualität des Autors und dieses kleinen Romans. Man möchte gerne noch mehr davon lesen.

Stand: 21.03.2020, 21:27