"Die Rache ist mein" von Marie NDiaye

Buchcover: "Die Rache ist mein" von Marie NDiaye.

"Die Rache ist mein" von Marie NDiaye

Marie NDiayes neuer Roman spielt in Bordeaux, der früheren Stadt der Sklavenhändler.  Es geht um Geschlechterrollen, Klassengegensätze und ein Familiendrama. Mitreißend, verstörend, aufwühlend.

Marie NDiaye: Die Rache ist mein
Suhrkamp Verlag, Berlin 2021.
236 Seiten, 22 Euro.

"Die Rache ist mein" von Marie NDiaye

Lesestoff – neue Bücher 22.10.2021 05:47 Min. Verfügbar bis 22.10.2022 WDR Online Von Gerhard Klas


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Gesellschaftliche Missstände

Familiendramen sind immer verstörend. Ihre Ursachen legen nicht selten gesellschaftliche Missstände offen. So auch im jüngsten Roman von Marie NDiaye "Die Rache ist mein". Me Susane hat es aus einfachen Verhältnissen zur Anwältin gebracht. Sie ist Single, hat keine Kinder und ist ziemlich einsam. Wäre da nicht Shoban, eine Haushaltshilfe aus Mauritius, um deren Aufenthaltsstatus sie sich kümmert.

"Ein Freund von Me Susane – sie hatte so viele bedeutungslose Freunde, dass sie sich nicht einmal mehr erinnerte, welcher – hatte eines Abends bei einem gemeinsamen Essen in die Runde gefragt: 'Wäre vielleicht jemand an meiner Putzfrau interessiert? Ein Mauritierin ohne Papiere, aber ansonsten mustergültig.' Me Susane hatte ausgerufen, sie würde sie nehmen, nicht etwa, weil sie solche Dienste gebraucht hätte oder sie sich auf legalem Wege auch nur hätte leisten können, sondern weil ihr die Gleichgültigkeit dieses Freundes höchst fahrlässig erschienen war."

Widerspruch von Innen und Außen

Gekonnt bringt Marie NDiaye die Herrschaftsverhältnisse in solch kurzen Episoden immer wieder auf den Punkt und lässt dabei auch die Geschichte der ehemaligen Sklavenhandelsmetropole Bordeaux nicht außen vor. Ihre Romanheldin Me Susane will Gutes tun – ist dabei aber selbst zutiefst berechnend. Das ist auch ihrem Aufstieg in die bürgerliche Klasse geschuldet, mit der sie immer gefremdelt hat.

Das Bild, das sie von sich nach außen transportieren will, steht in einem scharfen Kontrast zu ihren inneren Ängsten und Unsicherheiten.  Kursiv gesetzte Textpassagen im Buch unterstreichen diesen Widerspruch auch optisch. 

Das Spiel mit Täter- und Opferperspektive

Eines Tages sucht ein Mann ihre Kanzlei auf, den sie glaubt aus ihrer Jugend zu kennen: Da war eine Begegnung mit einem älteren, beeindruckenden Jungen aus reichem Elternhaus, die ihrem Leben eine ganz neue Richtung gab. Doch an das, was damals konkret geschah, erinnert sie sich kaum. Dieser Mann, Gilles Principaux, bittet sie, die Verteidigung seiner Frau zu übernehmen: Marlyne Principaux hat ihre drei Kinder getötet. Me Susane besucht sie im Gefängnis.

"Aber Monsieur Principaux ist stark, in seiner Heiligkeit. Aber ich werde nichts gegen ihn sagen, aber das kann ich doch nicht tun. Aber wer sind denn die Opfer der Tat? Doch nicht ich, nicht wahr. Sondern die Kinder und er, ja. Aber es geht ihm gut, in seiner Einsamkeit. Aber er schrie uns oft an: Lasst mich in Frieden! Gebt doch einen Moment Ruhe! Aber wir passten gut auf, dass wir uns ihm nur näherten, wenn wir spürten, dass sein Körper entspannt und sein Geist bereit war, an unsere Existenz erinnert zu werden. Aber wir ließen ihn in Frieden, aber darauf achtete ich streng, und die Kinder gehorchten mir. Aber warum schrie er nur so? Lasst mich in Frieden! Aber ich hatte immer Angst. [..] Aber es ist Monsieur Principaux, den ich in seinem schmutzigen Badewasser hätte ertränken sollen. Stattdessen habe ich ihn von einer Last befreit, aber ja. Aber das ist nicht das, was ich wollte."

Dieses "Aber" ist ein weiterer, gelungener Kunstgriff der Autorin. Das permanente Relativieren wirkt verstörend und irgendwann abstoßend. Und es spielt mit der Täter- und Opferperspektive.

Ein Gesellschaftsroman, der Abgründe erkundet

Marie NDiaye drängt der Leserin und dem Leser Fragen auf. Wollte die ehemalige Französischlehrerin, die ihre Arbeit für die Familie völlig aufgegeben und jeden Außenkontakt abgebrochen hat, mit dieser grauenvollen Tat der quälenden Enge und Erniedrigung einer scheinbar intakten Familie entfliehen?  Die Sorge um die eigene Außenwirkung ist für fast alle  Romanfiguren eine Obsession. Es sind die Kinder, die diese Fassade in Frage stellen - und damit selbst zur Bedrohung werden.

"Aber sie hatten Angst um mich, aber ich glaube schon, ja. Aber Jason fragte mich oft: Geht es dir gut, Mama? Aber er konnte mich das zehnmal am Tag fragen aber immer außer Hörweite von Monsieur Principaux, der wäre böse geworden.
Geht es dir gut, Mama? Aber ich höre sein besorgtes Stimmchen noch, sehe sein frohes Lächeln noch vor mir, wenn ich ihm antwortete: Sehr gut, mein Schatz, aber dann gab ich ihm einen Kuss, aber dann gab ich ihm viele Küsse im Laufe des Tages, aber er war immer nur kurz beruhigt, aber ich glaube er spürte in mir, er war ja der Älteste, eine Unordnung, aber eine Unordnung, ja eine Unordnung in meinem verstörten Geist und in meinem bitteren so bitteren Herzen."

Marie Ndiaye hat einen schonungslosen, kritischen und aufwühlenden Gesellschaftsroman geschrieben, der die Abgründe der bürgerlichen Psyche erkundet. Ein wahrlich literarisches Ereignis.

Stand: 21.10.2021, 15:26