Matthias Nawrat - Reise nach Maine

Buchcover: "Reise nach Maine" von Matthias Nawrat

Matthias Nawrat - Reise nach Maine

Von Claudia Cosmo

Mit der eigenen Mutter in Urlaub zu fahren wird für den Ich-Erzähler zur Herausforderung. Nicht nur wegen der Sommerhitze. Der Autor Matthias Nawrat erzählt von einer erkenntnisreichen Reise, die Verschüttetes zu Tage bringt.

Matthias Nawrat: Reise nach Maine
Rowohlt Verlag, Hamburg 2021.
224 Seiten, 22 Euro.

Matthias Nawrat: "Reise nach Maine"

WDR 3 Buchkritik 26.07.2021 03:52 Min. Verfügbar bis 26.07.2022 WDR 3


Download

Unfreiwillige Konfrontation mit der Familiengeschichte

"Ich hatte die Reise nach New York meiner Mutter zuliebe vorgeschlagen. Sie behaupte seit einigen Jahren immer wieder, dass weder mein Bruder noch ich gern Zeit mit ihr verbrachten, dass niemand von uns sie wirklich möge."

Eigentlich sollte seine Mutter nur eine Woche mit ihm in New York City verbringen und anschließend zu Freunden nach Texas weiter reisen. Doch Celina hat es sich anders überlegt und bleibt bei ihrem Sohn, der als Ich- Erzähler durch die Geschichte führt. So steht bald fest, dass sie auch nach  Maine mitfährt.

Für den Sohn entwickelt sich die gemeinsame Reise zu einer unfreiwilligen Konfrontation mit seiner Familiengeschichte, die Parallelen zu Nawrats eigenem Leben aufweist. Denn seine Hauptfiguren sind ebenso osteuropäische Auswanderer, die sich Ende der 1980er Jahre in Deutschland ein neues Leben aufgebaut haben.

Die Mutter in einem neuen Licht sehen

Sowohl in New York City als auch auf ihrem Roadtrip nach Maine sind Mutter und Sohn fast ununterbrochen zusammen. Celina genießt die allgemeine Aufmerksamkeit, die ihr nach einem Sturz ist zuteil wird.

Die Menschen, denen sie begegnen sorgen sich um sie und wollen sie offenbar kennen lernen. Auch der Sohn kommt nun nicht mehr umhin, seine Mutter in neuem Licht zu sehen.

"Manchmal versuchte ich, mir meine Mutter als junge Frau vorzustellen, und jedes Mal stieß ich in meinem Gedächtnis gegen eine Wand. Ich konnte mich an keine Momente der Nähe zwischen uns erinnern, obwohl es viele davon gegeben haben musste."

Die kleinen inneren Glücksmomente

Matthias Nawrats stimmungsvoller Roman "Reise nach Maine" ist als Reigen von Lebensgeschichten lesbar. Es sind Geschichten aus dem Leben seiner Mutter. Aber auch von Menschen, denen die beiden Reisenden auf ihrem Weg zufällig begegnen und mit denen sie ins Gespräch kommen.

Man erzählt einander vom Schicksal, von geplatzten Träumen, von Einsamkeit oder kleinen inneren Glücksmomenten. Nawrat lässt in diesen zarten Geschichten im wahrsten Sinne des Wortes Lebensräume entstehen. Diese individuellen Geschichten verbindet der Autor mit der Umgebung, wie New York

"Vom Gleis stieg, als ich mich in der Subway Station an die Kante stellte, ein scharfer Geruch zu mir hoch. Er kam mir sofort vertraut vor. Ich meinte, in dem Geruch des Tunnelsystems noch die Boomphase der Stadt riechen zu können, die Zeit der Millionäre, die im vergangenen Jahrhundert ihre Wolkenkratzer um die Wette in den Himmel wachsen ließen, die Zeit der Gangs und Banden, des verbotenen Alkohols. Eine Zeit, die hier unter der Erde, in diesem abgeschlossenen, verriegelten Raum für immer fortdauerte."

Auf der Suche nach Inspiration

In seinem wunderbar leicht fließenden Roman verhandelt Matthias Nawrat auch literarische Fragen. Während der gemeinsamen Reise mit seiner Mutter macht sich der Sohn immer wieder Notizen. Er ist – wie Nawrat selbst - Schriftsteller und auf der Suche nach Inspiration. In einer Bar erklärt er einem Freund, was ihn dabei interessiert

"Ich habe das Gefühl, dass es gerade das Leben aller anderen Menschen ist, das beschrieben werden müsste, nicht mein eigenes, sagte ich."

Alles auf Anfang

So erfährt man beim Lesen sehr wenig über die Hauptfigur. Vielmehr steht Mutter Celina im Mittelpunkt. Im Laufe der Geschichte tritt sie aus ihrem eigenen Schatten der braven, geschiedenen Ehefrau heraus und erscheint auch ihrem Sohn in einem anderen Licht. So ist Matthias Nawrats Roman "Reise nach Maine" in gewisser Weise auch ein Trip der zum Ursprung zurück führt. Alles auf Anfang.

"Meine Mutter war jetzt sie selbst, wie sie einmal, vor meiner Geburt gewesen war und wie ich sie nie gekannt hatte. Sie ging mühelos vor mir den Berg hinauf und nahm eine Stufe nach der nächsten, als könnte ihr die Schwerkraft nichts anhaben."

Stand: 25.07.2021, 19:20