Buchcover: "Nationaldenkmal" von Julia Deck

"Nationaldenkmal" von Julia Deck

Stand: 09.09.2022, 12:20 Uhr

In ihrem neuen Roman treibt Julia Deck ein brillantes satirisches Spiel mit den Göttern des medialen Zirkus und verwickelt am Schluss noch das französische Präsidentenpaar in eine absurde Krimi-Komödie. Eine Rezension von Peter Meisenberg

Julia Deck: Nationaldenkmal
Aus dem Französischen von Sina de Malafosse
Wagenbach. 168 Seiten. 24 Euro

Unzuverlässiges Erzählen verunsichert den Leser

Unzuverlässiges Erzählen ist eine in der Kriminalliteratur beliebte, beispielsweise von Edgar Allen Poe oder Agatha Christie gerne benutzte Erzählform. Sie verunsichert der Leser: Ist die erzählte Geschichte wirklich geschehen oder handelt es sich um die Phantasie oder gar eine bewusst irreführende Finte des Erzählers? - Josephine, der Erzählerin in Julia Decks Roman, zu trauen, wäre jedenfalls ein Fehler. Sie ist mit allen Wassern gewaschen.

"Meinem siebeneinhalbjährigen Ich blieb nichts, was im Schloss geschah, verborgen. Mein Verstand drang durch Mauern, drang durch Schädel. Er enthüllte mir nach und nach alle verborgenen Machenschaften."

Josephine lebt als die Adoptivtochter von Ambre und Serge Langlois mit ihrem Bruder Orlando und einer beträchtlichen Dienerschaft in einem Schloss nahe Paris. Der fast 70-jährige Schauspieler Serge ist eine Kinolegende, ein von allen Franzosen seit Jahrzehnten verehrtes "Nationaldenkmal". Ambre ist seine dritte Ehefrau, er heiratete sie, nachdem sie mit 18 Miss Provence-Alpes-Cote d’Azur wurde. Jetzt, mit Mitte dreißig, inszeniert sie ihr Familienleben für Instagram und die Klatschpresse.

"Ralph, der Chauffeur, brachte uns zum Zeitungshändler. Ambre setzte ihre Sonnenbrille auf, sobald sie aus dem Bentley stieg. Die Fußgänger drehten sich nach uns um, manche machten Fotos. In der darauffolgenden Woche zeigte sie uns in einem Magazin die Bilder, die bei diesem Anlass gemacht worden waren. Mein Bruder und ich trugen immer Kleidung, die sorgfältig auf ihre abgestimmt war. Wenn wir dann fragten, wie der Fotograf des Magazins zufällig dagewesen sein konnte, entgegnete sie lachend, dass wir ganz schön schlau seien für unser Alter."

"Nationaldenkmal" von Julia Deck

Lesestoff – neue Bücher 09.09.2022 06:57 Min. Verfügbar bis 09.09.2023 WDR Online Von Peter Meisenberg


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Josephine beschreibt den Schloss-Alltag

Mit bissigem Sarkasmus beobachtet und beschreibt Josephine den Alltag auf dem Schloss, in dem der Hausherr eine eher bescheidene Rolle spielt: Er kränkelt, hält sich mit Whisky und ausgiebigem Fernsehkonsum über Wasser, wobei seine Lieblingssendung eine dem deutschen "Aktenzeichen XY - ungelöst" ähnliche Sendung ist. - Bewegung und Drama kommt in den Schloss-Alltag durch das Auftauchen des schwarzen Abdul, der eine kurze Karriere als Gangsta-Rapper hinter sich hat und jetzt als Personal-und Yoga-Trainer im Haus aufgenommen wird. Bei einer ihm zu Ehren veranstalteten Party taucht Cendrine, eine Supermarktverkäuferin mit undurchsichtiger Vergangenheit auf. Ähnelt sie nicht einer vor drei Jahren spurlos verschwundenen und bei "XY" gesuchten jungen Frau? fragt sich der Hausherr. Jedenfalls versteht es Cendrine, ihn um den Finger zu wickeln und eine Intrige zu inszenieren, der das beim Sex mit dem Chauffeur ertappte Kindermädchen zum Opfer fällt. Selbstverständlich übernimmt Cendrine deren Stelle.

"Da verstand ich, dass alles noch schlimmer werden würde. Denn trotz all ihrer Geheimnisse war nichts an Cendrine undurchschaubar – sie war der Teufel."

"Nationaldenkmal" ist eine scharfe Satire

Die Erzählkunst Julia Decks steht erkennbar in der Tradition des sogenannten Nouveau Roman. Das ist ein von den 1950er Jahren an unternommener Versuch, traditionelle Erzählformen so zu verändern, dass sie veränderte gesellschaftliche Realitäten schärfer in den Blick nehmen können: Die Handlung verliert ihre bisherige Geschlossenheit, wird undurchsichtig und rätselhaft. Der übliche Romanheld verschwindet, wird ersetzt durch multiperspektivisches Erzählen oder eben durch eine unzuverlässige Erzählerin. "Nationaldenkmal" ist eine scharfe Satire, die es versteht, versteht, die wesentliche neue gesellschaftliche Realität ins kritische Visier zu nehmen, nämlich die Frage, was denn überhaupt noch real ist an dieser Realität. – Eine der letzten und absurdesten Volten des Romans bahnt sich an, als die Schlossbewohner beschließen, sich zu Serges 70. Geburtstag beim Präsidenten, bei den Macrons, zu Hause einzuladen. Corona macht dem Plan zunächst einen Strich durch die Rechnung, aber…

"…dann gab die Präsidentengattin ein Lebenszeichen von sich. Die Lockerungen schritten schnell voran. Die Stimmung der Franzosen war dementsprechend gut, und der Präsident wollte an ihrer Feierlaune teilhaben. Da unsere Familie weniger mobil war, schlug Brigitte vor, uns mit ihrem Gatten am Geburtstag zu besuchen. Schon ein anderer Präsident hatte sich einst bei den Franzosen zu Tisch eingeladen. Das hatte ihm erlaubt, den Eindruck von Arroganz, der ihm seit Beginn seines Mandats anhaftete, zu korrigieren. Natürlich wagte sich der aktuelle Bewohner des Elysée-Palastes nicht zu den Lastwagenfahrern und Supermarktangestellten. Aber zu einem Nationaldenkmal, na gut."

Kritische Untersuchung der Wirklichkeit

Schon in ihren bisherigen Romanen spielte Julia Deck ein intelligentes Spiel mit falschen Identitäten, überhaupt mit der Unsicherheit jeglicher Identität. Hier, in "Nationaldenkmal", wird deutlich, dass das kein Selbstzweck ist, sondern dazu dient, den Roman zu einem Instrument der kritischen Untersuchung der Wirklichkeit zu machen. – Kurz vor der frappierenden allerletzten Wendung des Romans tauchen die Macrons tatsächlich im Schloss auf:

"Sie waren noch kleiner und schlanker als im Fernsehen. Ich weiß nicht, warum uns das überraschte. Vor der Ausgangssperre hatten wir mit so vielen Berühmtheiten zu tun gehabt und wussten, dass bei ihnen das Abbild die Realität darstellte und der Körper aus Fleisch und Blut ihren Ersatz."