Armin Nassehi - Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft

Armin Nassehi - Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft

Armin Nassehi - Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft

Von Martin Hubert

Nur in ihren Daten kommt die zerissene Gesellschaft noch zu sich selbst: der Münchner Soziologe Armin Nassehi erforscht den historischen Prozess der Digitalisierung.

Armin Nassehi
Muster

Theorie der digitalen Gesellschaft
C.H. Beck, München 2019
325 Seiten
24 Euro

Die Lösung für fundamentale soziale Probleme

Armin Nassehis Idee ist so radikal wie originell. Der Münchner Soziologe möchte die bisherigen Erklärungsmodelle zur Digitalisierung der Welt auf den Kopf stellen. Digitalisierung sei nicht primär ein technisches Projekt, das die Gesellschaft vor neue Aufgaben stelle. Sie sei im Gegenteil die Lösung für fundamentale soziale Probleme. Nach Nassehi ist die moderne Gesellschaft schon seit langem digital strukturiert und kommt mit der digitalen Technik erst so richtig zu sich selbst. Den Ursprung der Digitalisierung verortet er in der Sozialstatistik des 19. Jahrhunderts. Sie verwandelte den einzelnen Menschen in Daten und Zahlen, um Muster sichtbar zu machen, nach denen er sich verhält.

"So war etwa der Sozialphysiker Adolphe Quetelet einer der Ersten, die statistische Verfahren auf die Gesellschaft und die Sozialplanung angewandt haben. Er hat sich zum Beispiel darüber gewundert, wie regelmäßig sich die Menschen verhalten, etwa wenn es ums Heiraten geht."

Berechenbare Daten

Menschen meinen allein deshalb zu heiraten, weil sie den Partner lieben. Aber die Statistik zeigt, dass sie sich dabei an vergleichbaren Faktoren wie Alter, Schicht oder Status orientieren. Diese statistische Berechenbarkeit des "Durchschnittsmensche" geht für Nassehi Hand in Hand mit einem neuen Ordnungsbedürfnis der modernen Gesellschaft.

Armin Nassehi

Armin Nassehi

In ihr gibt es kein hierarchisches Oben und Unten mehr. Ökonomie, Politik, Recht oder Kunst entwickeln eigene Regeln und lassen sich nicht mehr zentral steuern. Gleichzeitig nimmt die Individualisierung zu. Menschliches Verhalten lässt sich nach Nassehi nun nur noch planen und vorhersagen, indem man es in berechenbare Daten und Zahlen zerlegt. Heute geschehe das mit zwar mit Hilfe einer wesentlich höher entwickelten digitalen Technik als im 19. Jahrhundert , die habe aber weiterhin nur den Zweck, die Gesellschaft stabil zu halten. Wobei es inzwischen nicht mehr nur um den Durchschnittsmenschen gehe, sondern um die individuellen Spuren die jeder Einzelne in sozialen Netzwerken oder seinem Smart Phone hinterlässt.

"Wer über die Stimmung einer bestimmten Gruppe etwas erfahren will, über die Konfliktlagen bestimmter statistischer Gruppen oder deren Vernetzungsbedingungen, kann auf Muster zurückgreifen, die in sozialen Netzwerken anfallen. Wenn man es böse ausdrücken will, dann lassen solche Plattformen die Puppen tanzen. Dieser Tanz ist das Spielmaterial, aus dem verwertbare Daten entstehen."

Künstliche Intelligenzsysteme suchen nach Mustern

Die soziale Welt verdoppelt sich sozusagen datenförmig und wird durch digitale Musteranalysen davor bewahrt, in völligem Chaos zu versinken. Algorithmen berechnen Kauf- und Abstimmungsverhalten. Künstliche Intelligenzsysteme suchen für Verwaltung, Wissenschaft und Medizin nach Mustern in der Datenflut. Für Nassehi ist das notwendig, weil ohne ein gewisses Maß an Herrschaft, Kontrolle und Ordnung keine Gesellschaft bestehen könne. Andererseits sieht er die Gefahren: immer mehr Arbeitsplätze werden automatisiert und prekär, Wissenschaft wird auf Datenverarbeitung reduziert, menschliches Verhalten immer stärker überwacht und politische Meinung zunehmend manipulierbar. Und nicht zuletzt neigen datennutzende Unternehmen immer stärker zur Monopolbildung und entziehen sich sozialer Kontrolle. Doch Nassehi ist weniger an konkreten Lösungsvorschlägen für diese Probleme interessiert, sondern an nüchternen soziologischen Grundeinsichten.

"Der Clou könnte dann darin liegen, dass das Soziale eben nicht mehr als etwas vorgestellt werden kann, was in erster Linie von den Intentionen und dem Wollen von Akteuren abhängt, sondern tatsächlich von einer Art «Assemblage». Gemeint ist, dass Entitäten mit immer mehr anderen Entitäten verknüpft sind."

Datenmuster Mensch

Der Mensch: für Nassehi nichts als eine digitale Entität, also ein Muster von Daten, das mit Hilfe künstlicher Intelligenz mit anderen Datenmustern in Verbindung gebracht wird? Nassehi entwickelt diese zugespitzte These auf Grundlage systemtheoretischer, konstruktivistischer und poststrukturalistischer Ansätze. Diese allerdings gingen immer schon davon aus, dass moderne Gesellschaften nicht mehr vom Menschen steuerbar sind. Will Nassehi zeigen, dass eine Beschreibung der umfassenden Digitalisierung an diese Konzepte anschlussfähig ist? Doch wirken seine hoch abstrakten Analysen manchmal eher so, als müsste eine überzeugende Theorie für diese Phänomene erst noch entwickelt werden. Jenseits dessen macht sein Buch aber eindringlich darauf aufmerksam, wie tief die Gesellschaft bereits von digitalen Strukturen imprägniert ist. Insofern enthält es den Appell, die Digitalisierung nicht einfach nur zu bejubeln oder zu dämonisieren, sondern ihr auf den Grund zu gehen.

Armin Nassehi - Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft

WDR 3 Buchrezension 30.08.2019 04:57 Min. Verfügbar bis 29.08.2020 WDR 3

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Stand: 28.08.2019, 16:03