Nanae Aoyama - Bruchstücke

Nanae Aoyama - Bruchstücke

Nanae Aoyama - Bruchstücke

Von Barbara Geschwinde

Ganz beiläufig erzählt Nanae Aoyama in ihren Erzählungen von den Beziehungen zwischen Mann und Frau oder Eltern und Kindern. Meisterhafte Briefmarken, die existenzielle Fragen auf den Punkt bringen.

Nanae Aoyama
Bruchstücke

Aus dem Japanischen von Katja Busson und Frieder Lommatzsch
Cass Verlag, Löhne 2018
158 Seiten
17 Euro

Ein Ausflug zu zweit

"Ein Ausflug zu zweit ist doch auch ganz schön, hatte meine Mutter gesagt. Tatsächlich konnte ich mich nicht erinnern, mit meinem Vater jemals einen Ausflug unternommen zu haben. Vielleicht als ich ganz klein war. Aber im Umgang mit Kindern war mein Vater noch nie gut gewesen, außerdem gehörte er zu den Leuten, die nicht viele Worte machten, von Witzen ganz zu schweigen."

Kiriko macht mit ihrem Vater einen Busausflug in die japanischen Alpen zum Kirschen pflücken. Ursprünglich wollte die ganze Familie fahren, aber da die Nichte Fieber hat, springen die anderen ab. Im Bus werden Kiriko und ihr Vater Tadao von den mitreisenden älteren Damen und Paaren kritisch beäugt, da es in Japan unüblich ist, wenn Väter alleine mit ihren Töchtern etwas unternehmen. Auch zwischen den beiden sind Distanz und Fremdheit deutlich spürbar:

"Worüber wir uns unterhalten sollten, wenn wir erst einmal im Bus säßen, hatte ich schon draußen beim Warten überlegt, aber als wir nun nebeneinander Platz genommen hatten, stellte ich fest, dass die Netztaschen vor uns zwar mit Karten und Müllbeuteln aufwarteten, aber nicht mit Gesprächsthemen. Ich zog die Karte der Präfektur Nagano heraus und studierte sie. Mein Vater saß neben mir, die Hände im Schoß, und wartete."

Generationskonflikte

Die Erzählung "Bruchstücke" greift eins der Hauptthemen von Nanae Aoyama auf: zwischenmenschliche Beziehungen innerhalb von Familien, in Freundschaften und Ehen, die häufig von Verständigungsproblemen und sogar völliger Sprachlosigkeit gekennzeichnet sind. Vor allem geht es um Generationskonflikte.

Nanae Aoyama

Nanae Aoyama

"Wenn du nicht mehr Kante zeigst, bleibst du nicht einmal in Erinnerung.
Halb so schlimm. Für euch bin ich doch ohnehin praktisch inexistent.
Was soll das denn heißen? fragte ich und verstummte, diesmal unwillkürlich.
Ich rief mir meinen Vater aus der Zeit, als ich noch bei meinen Eltern wohnte, in Erinnerung. Meinen Vater, der sich neben dem nach dem Essen noch nicht abgeräumten Tisch, den Verandastühlen mit den zerschlissenen Polstern oder der Ablage unten an der Treppe so harmonisch ins Bild fügt, als gehöre er zur Einrichtung."

Gedanken- und Gefühlswelten

Nanae Aoyama schreibt sehr authentische Dialoge. Sie betont, dass sie zufällig Gespräche aufgeschnappt hat. Auch eigene Erfahrungen der 35jährigen fließen immer wieder ein, wenn sie beispielsweise Empfindungen ihrer Protagonistinnen schildert, die das erste Mal vom Land nach Tokyo kommen. Damit ermöglicht sie dem Leser einen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt der jüngeren Generation in Japan. Einer Welt, die meistens verschlossen bleibt, da in Japan kaum über die eigenen Gefühle gesprochen wird, schon gar nicht, wenn sie negativ sind und das Gegenüber belasten könnten. Die Erzählung "Bruchstücke" endet allerdings versöhnlich, denn die Quintessenz des Ausflugs ist, dass Kiriko am Ende ganz neue, sympathische Eigenschaften ihres Vaters entdeckt. Die Geschichte "Wildkatzen" thematisiert das Gefälle zwischen Tokio und der abgelegenen Provinz. Eine frisch verheiratete Frau bekommt Besuch von ihrer deutlich jüngeren Cousine, die auf der südlichen Inselgruppe Okinawa lebt. Zwischen den beiden gibt es Spannungen und ein tiefliegendes Unverständnis, die sich bis zum Schluss nicht auflösen. In der Erzählung "Farinas Zimmer", die aus der Perspektive eines verlassenen Mannes geschrieben ist, räsoniert der Mann über die Trennungsursachen:

"Wenn Farina, kurz nachdem sie sich von mir getrennt hatte, aus „verschiedenen Gründen“ ihren Job an den Nagel gehängt hatte, war die Wahrscheinlichkeit groß, dass es in der Druckerei Probleme gegeben hätte. Professioneller oder zwischenmenschlicher Art. Farina hatte sich bestimmt in einen Arbeitskollegen verliebt."

Eine junge Stimme aus Japan

In sehr schnörkelloser, klarer Sprache breitet Nanae Aoyama das Innenleben ihrer Protagonisten vor dem Leser aus. Es geschehen keine Dramen oder Tragödien. Die Stärke der Autorin liegt darin, sehr subtil die Gefühls- und Gedankenwelt ihrer Figuren zu schildern. An dieser Stelle muss auch die Leistung der beiden Übersetzer Katja Busson und Frieder Lommatzsch erwähnt werden, denen es gelungen ist, die Handlung und Dialoge in sehr lebendiges und authentisch klingendes Deutsch zu übertragen. Auch dem Cass Verlag, der sich seit einigen Jahren hauptsächlich der Übersetzung japanischer Literatur ins Deutsche widmet, gebührt ein großes Lob. Die Verlegerin Katja Cassing hat mit "Bruchstücke" die zweite Übersetzung eines Werks von Nanae Aoyama in ihrem Programm. Dieser Erzählband bietet eine gute Gelegenheit, die interessante junge Stimme aus Japan auch hierzulande zu entdecken.

Stand: 08.08.2018, 10:00