Nana Ekvtimishvili - Das Birnenfeld

Nana Ekvtimishvili - Das Birnenfeld

Nana Ekvtimishvili - Das Birnenfeld

Von Holger Heimann

Die georgische Schriftstellerin Nana Ekvtimishvili beschreibt in ihrem Debütroman "Das Birnenfeld" das harte Leben in einem Kinderheim am Rande der georgischen Hauptstadt. In den Schicksalen der Kinder spiegeln sich die Probleme des ganzen Landes.

Nana Ekvtimishvili
Das Birnenfeld

Aus dem Georgischen von Ekaterine Teti und Julia Dengg
Suhrkamp Verlag, Berlin 2018
222 Seiten
16,95 Euro

Lela ist ein Heimkind

Die 18-jährige Lela ist ein Heimkind. Aber warum sie in dem Internat am Rand von Tbilissi aufgewachsen ist, das bleibt im Dunkeln. Womöglich konnten sich ihre Eltern nicht um das Mädchen kümmern. Vielleicht war es auch nur stumpfe Gleichgültigkeit. Die 1990er Jahre, in denen Nana Ekvtimishvili ihren Roman rund um die eigensinnige, jugendliche Lela angesiedelt hat, waren schwierige Jahre in Georgien. Die kurze Freude über die Unabhängigkeit war schnell aufgebraucht und mündete in einen Bürgerkrieg und wirtschaftlichen Niedergang. Jeder versuchte sich irgendwie durchzuschlagen, nicht wenige scheiterten. Ekvtimishvili, 1978 geboren, hat diese Zeit als Heranwachsende miterlebt. In ihrem Debütroman "Das Birnenfeld" erzählt sie nun von einem georgischen Kinderheim während der Wendezeit.

"Dieses Heim gab es und gibt es immer noch in Tbilissi, in einem Randbezirk von Tbilissi. Und ich bin neben diesem Kinderheim aufgewachsen. Wir haben einen gemeinsamen Hof gehabt, uns trennte nur ein Zaun. Ich kannte diese Kinder sehr gut. Ich bin auch oft rüber geklettert wie die Kinder auch zu uns. Als ich 14, 15 Jahre alt war, bin ich auf die Idee gekommen, mit meiner Schwester und zwei anderen Freundinnen einen Dokumentarfilm zu machen. Aber es wurde nie ein Film daraus, wir waren zu jung und zu unerfahren, und das wollte letztlich in den 90er Jahren auch niemand sehen und niemand hören. Als ich zurückgekommen bin, habe ich diese Kinder gesehen auf der Straße. Das waren natürlich keine Kinder mehr. Das waren erwachsene Frauen wie ich. Sie haben gebettelt. Ich fand das nicht begreiflich. Was ist in den Jahren passiert?"

Nana Ekvtimischwili - Das Birnenfeld

WDR 3 Mosaik 05.11.2018 05:05 Min. Verfügbar bis 05.11.2019 WDR 3

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Eine Suche nach Antworten

Im Roman sucht Nana Ekvtimshvili nach Antworten. Die Perspektiv- und Haltlosigkeit der Menschen in dem unabhängig gewordenen kleinen Land ist groß. Aber kaum irgendwo ist sie so ausgeprägt wie in dem Heim, das den Zusammenbruch der Sowjetunion überdauert hat und in dem die Mauern bröckeln. Auch Lela steht alleine da.

Nana Ekvtimishvili

Nana Ekvtimishvili

"Von Arbeit wagt sie nicht zu träumen. Was kann sie schon, wer würde sie einstellen? Arbeit finden nicht mal die Normalen, welche Hoffnung sollte sich da eine Internatsabsolventin machen? Dafür können sie ewig lange im Internat bleiben, wie Lela, die einzige, die nach dem Abschluss immer noch in der Schule wohnt. Das Internat zwingt niemanden wegzugehen. Aber die Schulabgänger gehen trotzdem, von sich aus. Manche brechen die Schule ab und verschwinden einfach. Sie gehen zum Betteln ins Stadtzentrum, an die Bahnhöfe, an Orte, wo viele Menschen sind. Ganz selten findet mal jemand eine Arbeit, zum Beispiel als Träger auf dem Lilo-Markt oder dem Nawtlughi-Basar."

Die Debilen

Für die Anwohner sind die Heiminsassen nur "die Debilen", obwohl die wenigsten wirklich behindert sind. Tatsächlich sind es nur Einsame, die sich – verlassen von den Eltern – durchschlagen müssen. Das Internat soll ein Schutzort sein, wird jedoch für viele zur Bedrohung. Dem Geschichtslehrer, der sich immer wieder an den jungen Mädchen vergreift, war auch die minderjährige Lela einst ausgeliefert. Die peinigende Erfahrung hat sich ihr ins Gedächtnis eingebrannt:

"Lela steht am Tisch und sieht seine hagere Hand, seine langen Finger, die den Griff der Schublade umfassen und sie öffnen. Und zugleich sieht Lela sich selbst, klein, mit heruntergelassener Unterhose, das Kleid und den Pullover bis zum Kopf hochgezogen."

Hör auf zu heulen, sei ein Mann!

Solche einprägsamen Szenen gibt es immer wieder im Buch. Ekvtimishvili profitiert von ihren Erfahrungen als Drehbuchautorin und Filmregisseurin, sie schreibt mit viel Sinn für Anschaulichkeit. Und sie hat mit Lela eine Frauenfigur geschaffen, die sich vehement gegen die Umstände stemmt. Tränen gestattet sie sich niemals. Das Leben ist für sie eine Schule der Abhärtung. Diese Lehre gibt sie an die Jüngeren weiter. Wer sich behaupten will, darf sich nicht von Trauer und Selbstmitleid niederdrücken lassen. Ihrem anhänglichen Zögling Irakli, der nicht wahrhaben will, dass ihn seine Mutter auf Nimmerwiedersehen im Heim abgeliefert hat, bläut die Ältere dies mit aller Entschiedenheit ein:

"Hör auf zu heulen, sei ein Mann!, sagt Lela und legt Tempo zu. Siehst du nicht, dass sie es dir nicht direkt sagen kann und dass du es selber kapieren musst? Sie kommt nicht mehr, schnallst du es nicht? Wozu denn überhaupt eine Mutter? Bist du nicht groß genug? Kannst du nicht selber laufen und essen und sprechen?"

Gezwungen, früh alles Kindliche abzulegen

Der Junge, der da aufgefordert wird, ein Mann zu sein, ist gerade einmal neun Jahre alt. Eine Ausnahme ist er nicht. Die Kinder, von denen dieses einprägsame Debüt erzählt, sind sich selbst überlassen und dazu gezwungen, früh alles Kindliche abzulegen. Über das nahe Birnenfeld, so denkt Lela, könnte der Weg für die traumatisierten Teenager in die Freiheit führen. Aber welche Freiheit ist das? Was können sie erwarten von einer Gesellschaft, die sich um die Schwächsten und Schutzlosen nicht kümmert? Nana Ekvtimishvili hat ein Buch geschrieben, das den Abgehängten eine Stimme gibt und zugleich Rohheit und Gleichgültigkeit anklagt. Ihr Roman lässt erahnen, wie weit der Weg – nicht nur für die Kinder – zu einem besseren Leben ist.

Stand: 05.11.2018, 10:00