Fuminori Nakamura - Die Maske

Fuminori Nakamura - Die Maske

Fuminori Nakamura - Die Maske

Von Barbara Geschwinde

In der Familie Kuki wird das Böse von einer Generation zur nächsten vererbt. "Die Maske" ist ein Roman Noir mit einem spannenden Krimi-Plot, der zugleich ein erschütterndes Porträt der Zeit liefert.

Fuminori Nakamura
Die Maske
Aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg
Diogenes Verlag, Zürich, 2018
352 Seiten
24 Euro

Ein Geschwür für die Welt

Fumihiro Kuki ist elf Jahre alt als sein Vater Shozo ihm eröffnet, dass er ihn nur zu einem einzigen Zweck gezeugt hat: Fumihiro soll ein Geschwür für die Welt werden; also ein Mensch, der das Böse verkörpert und anderen Unglück bringt. Der Brauch, dass das Familienoberhaupt nach Abschluss eines Lebenszyklus, der in Japan sechzig Jahre andauert, noch einen Nachkommen in die Welt setzt der das Übel tradiert, existiert seit Generationen in der reichen und mächtigen Familie Kuki.

"Mit „Geschwür“ meine ich etwas, das die Welt ins Unglück stürzt. Jeder soll sich wünschen, niemals in diese Welt hineingeboren worden zu sein, oder zumindest denken, dass es hier nichts Gutes mehr gibt."

Kaori

Der Vater kündigt an, dass er dem Sohn die Hölle zeigen wird, wenn der sein vierzehntes Lebensjahr erreicht hat. Er holt das Waisenkind Kaori ins Haus, das genauso alt ist wie Fumihiro, in der Hoffnung, dass die beiden sich ineinander verlieben. Der Plan des Vaters geht auf. Die Jugendlichen beginnen eine erotische Beziehung. Als Fumihiro entdeckt, dass sein Vater Kaori missbraucht, geht er zum Angriff über.

"Ich rührte mich nicht, konnte mich nicht rühren. Da war sie wieder – die Angst, die ich vergessen hatte. Mein Puls raste, meine Arme und Schläfen waren taub, meine Beine wie Gummi. Aber ich musste etwas tun. Meinen Vater töten. Wie, wusste ich nicht, aber ich musste ihn töten, sofort. Mit jäh aufloderndem, abgrundtiefem Hass stieß ich die Tür auf."

Ein neues Leben

Fuminori Nakamura

Fuminori Nakamura

Nachdem der Vater spurlos verschwindet, entfremden sich Kaori und Fumihiro voneinander und verlieren sich schließlich ganz aus den Augen. Denn der jüngste Kuki-Sproß realisiert, dass er seinem Vater im Verlaufe der Pubertät immer ähnlicher sieht, was ihn tief verunsichert und in die Isolation treibt. Fumihiro hadert mit seinem Schicksal, der für ihn vorbestimmten Verkörperung des Bösen. Er beschließt, ein neues Leben zu beginnen und lässt sich das Gesicht operieren. Als Fumihiro so eine neue Identität annimmt, verlässt er die Handlungsebene der Vergangenheit und kommt an in der Gegenwart der "Maske". Seine Erinnerungen an Kaori lassen ihn trotz der Veränderungen nicht los. Er hat Schuldgefühle und kann nicht einfach ein „neues Leben“ beginnen.

"Es heißt ja zu Recht, das Bewusste sei der Sklave des Unbewussten. Also ist es das Unbewusste, das mich langsam, aber sicher von innen heraus zerfrisst. Vielleicht spreche ich mir selbst die Menschlichkeit ab, weil ich andere Menschen getötet habe. Aber dieses Gefühl ist wichtig. In den Nachrichten sehen wir, wie Menschen sinnlos getötet werden, wie Menschen einander sinnlos töten. Krieg ist genau dasselbe."

Keiner ist frei von Schuld

Ist die Welt mörderischer als der Einzelne, der tötet – vor dem Hintergrund, dass Krieg das beste Geschäftsmodell ist? Die Familie Kuki ist in Waffengeschäfte mit der Mafia verstrickt. Damit klebt auch am Geld, das Fumihiro geerbt hat, Blut. Mit den Überlegungen und Zweifeln des Protagonisten wird der Roman zu einem gesellschafts- und kapitalismuskritischen Zeitkommentar. Keiner ist frei von Schuld lautet Fumihiros düstere Bilanz. Er hadert mit dem Leben; ist nihilistisch und fatalistisch und betont immer wieder die Sinnlosigkeit des Lebens, an dessen Ende ohnehin nur der Tod wartet. Der Protagonist ist umgeben von dubiosen Charakteren und schrägen Typen aus dem Milieu der Nachtclubs und Detekteien. Nakamura hat seinen Roman bereits 2010 in Japan veröffentlicht. Seit der Katastrophe von Fukushima, ein Jahr danach, hat sich das Misstrauen der Japaner gegenüber ihrem politischen System verschärft. Damit ist "Die Maske" auch ein hellsichtiges Gesellschaftsporträt. Die allgemeine Verunsicherung ist zu einem festen Bestandteil der japanischen Gesellschaft von heute geworden.

"Jedes Jahr sterben in Japan mehr Menschen durch Selbstmord als im Irak durch Krieg und Terror. Diese Länder sind ständig in den Schlagzeilen, aber ich finde, unsere eigene Gesellschaft ist ganz schön brutal."

Wahre Hoffnung existiert nur in tiefster Finsternis

Fuminori Nakamura ist ein Pseudonym. Bevor der heute 40jährige Schriftsteller wurde, hat er in Fukushima studiert und seine Abschlussarbeit über die "Psychologie des Kriminellen" verfasst. In einem Interview sagte Nakamura, dass wahre Hoffnung nur in der tiefsten Finsternis zu finden sei. Sein Protagonist Fumihiro Kuki ist von Zweifeln zerfressen und nur dann nahbar, wenn er sein Leben beenden möchte, weil er die Leere und Sinnlosigkeit nicht erträgt. Der Leser bekommt einen Einblick in eine grotesk anmutende Gedankenwelt. Das Buch ist eindeutig dem Noir-Genre zuzuordnen. Es gibt vordergründig einen spannenden Krimi-Plot, aber eigentlich wird die soziale und politische Realität Japans erhellt. Aber vor allem ist „Die Maske“ auch ein Entwicklungsroman, der Fumihiros Reifeprozess beschreibt. Denn der fügt sich nicht in das für ihn vorbestimmte Schicksal, sondern erlangt eine innere Freiheit und Stärke, so dass das Ende versöhnlich ist.

Buchrezension: Fuminori Nakamura: "Die Maske"

WDR 3 Buchrezension | 26.03.2018 | 05:21 Min.

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Stand: 26.03.2018, 09:18