Najem Wali - Die Balkanroute. Flucht und Segen der Jahrtausende

Najem Wali - Die Balkanroute. Flucht und Segen der Jahrtausende

Najem Wali - Die Balkanroute. Flucht und Segen der Jahrtausende

Von Dirk Hohnsträter

Kulturraum, Wirtschaftsstandort und Terrain menschlicher Träume: Najem Wali bereist die Balkanroute.

Najem Wali
Die Balkanroute. Flucht und Segen der Jahrtausende
Aus dem Arabischen von Markus Lemke
Mit Fotografien von Goran Potkonjak
Matthes & Seitz Berlin, 2017
175 Seiten
15,00 Euro

"Und ich war meiner selbst überdrüssig, der ich mein alltägliches Leben lebte, als gäbe es nichts außerhalb der Wohlstandsblase dieses behaglichen Daseins. Denn wir tafeln bis zur Übersättigung, trinken bis zum Rausch, schwadronieren über alberne, nichtige Probleme, und Millionen von Menschen klopfen an unsere Türen, verlangen Hilfe und Rettung."

Najem Wali - Die Balkanroute

WDR 3 Mosaik | 10.01.2018 | 04:36 Min.

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Najem Wali bricht auf.

Er macht sich auf den Weg zu jenen, die an die Türen unseres Wohlstands klopfen, er bereist jene Nahtstelle zwischen der Türkei und Griechenland, zwischen Orient und Okzident, die man die Balkanroute nennt. 1980 war der Schriftsteller selbst aus dem Irak in den Westen geflohen, später folgte seine Schwester, und nun sind es die Berichte von der jüngsten Fluchtwelle, die ihm keine Ruhe lassen. Welche Schicksale stecken hinter den Schlagworten? Welche Erzählungen hinter den Nachrichten?

"Jeder Flüchtling hat seine eigene Geschichte, seine eigenen Fluchterfahrungen, und was auch immer an Einzelheiten davon erzählt werden mag – es wird niemals ausreichen zu vermitteln, was er im Augenblick der Flucht empfunden hat."

Bewegungsgeschichte

Der in Deutschland lebende irakische Schriftsteller Najem Wali

Najem Wali

Walis Buch ermöglicht einen neuen Blick. Denn er sieht die Balkanroute als Ort einer "Bewegungsgeschichte", in der Aufbruch und Rückkehr, Zuzug und Wegzug, Zurücklassen und Mitsichtragen ein kaleidoskopartiges Bild ergeben. Und so wartet das Buch mit drei überraschenden Sichtweisen auf. Die erste besteht darin, dass Wali nicht mit Elendsschilderungen einsetzt, sondern seinem Bericht einen historischen Abriss vorausschickt, der Migrationsbewegungen von den antiken Hochkulturen bis zu John Dos Passos nachzeichnet:

"Meine Reise führte mich nach Thessaloniki, Istanbul und Izmir, bevor ich als Letztes die Insel Lesbos besuchte. Dabei fiel mir auf, dass jeder gegenwärtige Schritt auf der Balkanroute ein Echo auslöste, das aus einem unsichtbaren Resonanzraum zu kommen schien, dem Resonanzraum der Vergangenheit. Seit Jahrtausenden ist die Balkanroute Schauplatz von bereicherndem Austausch und beraubender Vertreibung. Wer sich auf ihr bewegt, wird automatisch begleitet von früheren, vergangenen und nachwirkenden Flucht¬ und Migrationswellen."

Flucht ist ein Geschäft

Der historische Abschnitt fällt leider recht lang und streckenweise zu detailliert aus, doch gelingt es Wali darin, die gegenwärtigen Ereignisse als Teil einer weit ausgreifenden Entwicklung zu verstehen. Die zweite Überraschung, die dieses Buch liefert, ist der Blick auf die ökonomische Seite der Migration. Denn Flucht ist ein Geschäft: für viele Migranten, die sich nur als Angehörige der Mittelschicht Schleuser leisten können ebenso wie für humanitäre Organisationen und für Kaufleute an zuvor verödeten Grenzorten:

"Niemand weiß, wann die griechischen Behörden das Lager Idomeni schließen werden, doch einige Stadtbewohner machen kaum einen Hehl aus ihrer Hoffnung, das Lager möge dauerhaft bestehen bleiben. So hoffen die einen auf eine Öffnung der Grenze und ein Ende der Heimsuchung, und die anderen, die von der Situation profitieren, spekulieren auf die Fortsetzung goldener Zeiten im Schatten geschlossener Tore."

Die Geschichten, die hinter den Zahlen

Die dritte Perspektive, die Wali auf sein Thema eröffnet, sollte niemanden überraschen - und doch geht sie inmitten politischer Debatten allzu rasch verloren. Es sind die Geschichten, die hinter den Zahlen stehen, die oftmals herzzerreißenden Szenen von Weggang, Wiedersehen und Heimkehr. Der Schriftsteller Wali interessiert sich für die menschliche Seite, die großen Träume und kleinen Gesten. Nicht immer sind sie zugänglich, die Lager auf der griechischen Insel Lesbos beispielsweise stehen unter der Aufsicht des Militärs, das ihm den Zugang verweigert. Wo er dennoch bis zu den Betroffenen vordringt, vermag er mit seinem knappen, genau beschreibenden Stil zu zeigen, worum es bei der Migration am Ende geht:

"Mit einem Mal war mir klar, dass ich diese Reise unternehmen musste, die ich, ich weiß nicht wie viele Male schon, hatte in Angriff nehmen wollen. Ich musste die Sache mit eigenen Augen sehen, denn ich hatte genug von den Nachrichten und Sondersendungen auf allen Fernsehkanälen, die immerzu Bilder von verlorenen Gestalten aus dem Lager Idomeni und vor der abgeriegelten Grenze zu Mazedonien brachten oder aber von den Leichen der im Meer Ertrunkenen [...] ich wollte reale Menschen sehen."

Stand: 10.01.2018, 09:29