Mustafa Khalifa - Das Schneckenhaus

Mustafa Khalifa - Das Schneckenhaus

Mustafa Khalifa - Das Schneckenhaus

Von Kersten Knipp

Folter als Prinzip: Mustafa Khalifa schreibt so nüchtern wie kaum zu ertragen über seine Haft in den Gefängnissen des Assad-Regimes.

Mustafa Khalifa
Das Schneckenhaus

Aus dem Arabischen von Larissa Bender
Weidle Verlag, Bonn 2019
310 Seiten
23 Euro

Mustafa Khalifa - Das Schneckenhaus

WDR 3 Buchrezension 04.06.2019 06:12 Min. WDR 3

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Literatur aus dem Folterkeller

Der Weg in die Hölle beginnt in Paris. Von dort bricht ein junger Syrer nach seinem Studium in der französischen Hauptstadt auf, um seine alte Heimatstadt Damaskus zu besuchen. Dort angekommen, wird er bei der Passkontrolle am Flughafen er diskret zur Seite genommen und abgeführt. Ohne jegliche Erklärung wird er in tiefer Nacht in ein Gebäude des syrischen Geheimdienstes gebracht.

"Ein besonderer Geruch stieg mir in die Nase, wie es ihn nur in den Büros der Geheimdienstoffiziere gibt. Es ist eine Mischung aus unterschiedlichen Duftwässern, Luxuszigaretten, menschlichem Schweiß, Fußgeruch. Das alles wiederum vermischt mit dem Geruch von Folter. Menschlichen Leids. Dem Geruch von Gewalt. Sobald der Geruch in die Nase steigt, spürt der Mensch das Entsetzen und die Angst. Und genau das spürte ich, obwohl ich überzeugt war, dass es sich um ein Missverständnis handelte."

Ein kleiner Scherz

Doch es ist kein Missverständnis. In den Augen des Regimes ist der junge Mann schuldig geworden. Sein Vergehen: Er hat sich in Paris in privatem Kreis über Präsident Assad und seine Entourage lustig gemacht. Mehr hat er nicht getan. Er hat sich in Paris auch nicht als Regimegegner hervorgetan. Er äußerte nur diesen einen kleinen Scherz.

"Al-nizam iastamirra bi fariq al unf...
Das Regime wendet Gewalt an und tut dies auch weiterhin. Ohne Gewalt würde es nicht funktionieren. Es reagiert in dieser Hinsicht wie alle Diktaturen: Sobald es auf friedlichen Widerstand oder auch nur Kritik trifft, schlägt es zu. Es steckt die Opposition ins Gefängnis, damit abweichende Meinungen nicht in die Öffentlichkeit gelangen. Doch in den Gefängnissen geht die Gewalt weiter. Es geht darum, Kritiker zu brechen. Darum reagieren die Wächter auf alles mit Brutalität.
... wa li thalika daiman rad fal anifan"

Der eigene Leidensweg

Mustafa Khalifa

Mustafa Khalifa

Kaum angelangt in dem Geheimdienstgebäude, wird der junge Mann Zeuge einer Folterszene. In einem der Kellerräume liegt ein Mann gezwängt in einen Autoreifen am Boden, über ihm sein Peiniger, der ihn mit einem schwarzen Kabel auspeitscht – so hart, dass Blut und Fleischstücke durch die Luft fliegen.

Die Szene ist die Ouvertüre zu einem Leidensweg. Man muss oft tief durchatmen bei der Lektüre dieses Buches. Mustafa Khalifa dramatisiert nicht, seine Schreibweise ähnelt der Technik eine Kamera, die die Szenen festhält. Doch das ist mehr als hinreichend.

"Limatha al galadin daxil al sugun al suria jamalun bi hathihi al wahshia ou bi hatha al-unf?
Warum agieren die Folterknechte in den syrischen Gefängnissen mit solcher Brutalität? Es gibt mehrere Gründe. Einige tun es aus ideologischen Gründen. Sie gehören zum Umkreis der Regimes und sind überzeugt, es mit aller Macht verteidigen zu müssen. Andere haben das Gefühl einer unbegrenzten Machtfülle. Sie sehen die Gefangenen als ihre Feinde an, an denen sie sich unbegrenzt rächen können. Es gibt auch ein gruppenpsychologisches Motiv, das unter anderem auch an der Universität Stanford erforscht wurde. Die Wärter unterwerfen sich schlicht dem System der Gewalt. Unter anderen Umständen hätten sie womöglich ganz anders gehandelt.
Min al-mumkin an jakun fi tharf axir la iumarissunha."

Gewalt und Freundschaft

Jahre verbringt der junge Mann in den berüchtigten Militärgefängnis Tadmur in der Nähe der Wüstenstadt Palmyra. Tag für Tag erlebt er die Gewalt – aber auch Solidarität. Einige der Gefangenen opfern sich für die anderen, ertragen etwa die Peitschenhiebe oder andere Strafen. In dem Gefängnis sind auch viele konfessionell motivierte Regimegegner untergebracht – sie deuten den Schmerz als religiöse Probe, als gottgewolltes Schicksal. Mit der Opferbereitschaft einiger einher geht aber auch religiöser Eifer: der junge Mann hat sich als Christ zu erkennen gegeben. Seitdem wird er missachtet und gemieden. Als ein Dschihadist, Abu al-Qa'qa', in die Gruppe der Gefangenen kommt, muss er um sein Leben fürchten. Aufrecht erhält ihn die Freundschaft zu Nasim, einem Mitgefangener und ein Künstler wie er.

"Zwei sich ähnelnde, zwei gegensätzliche Menschen. Nach langen Jahren entdecken die beiden durch Erfahrung und Fehler, durch den ständigen und immerwährenden Kontakt, vierundzwanzig Stunden am Tag und dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr, dass sie Ähnlichkeiten haben, vielleicht viele sogar, oder sich in allem ähneln. Sie fühlen sich voneinander angezogen, es entsteht eine Freundschaft zwischen zwei Menschen."

Die Bausteine des Schneckenhauses

Kleine Momente der Zuwendung, Gesten des Verständnisses: Sie sind Bausteine jenes "Schneckenhauses", das dem Roman den Namen gegeben hat. Ein Schutzraum, wenn auch ein höchst zerbrechlicher. Eigentlich viel zu schwach, um gegen die überbordende Gewalt ringsum zu bestehen. Dennoch, es braucht diese Schutzräume, sagt Mustafa Khalifa – und zwar nicht nur in den Gefängnissen des Landes.

"Kull al shab khaif wa kull wahid iatakallam bi kalima wahida
Die gesamte syrische Bevölkerung hat Angst. Keiner sagt, was denkt. Alle wissen, dass es diese Gefängnisse gibt, alles wissen auch, dass dort gefoltert und getötet wird. Alles sind sich zudem darüber im Klaren, dass es nur ein Recht gibt: das Recht des Stärkeren. Die Leute wollen ihr Leben nicht aufs Spiel setzen. Das sind die Methoden des Regimes.
... al-nizam hatha uslubhu."

Mustafa Khalifa wurde 1994 entlassen. Er fand politisches Asyl in Frankreich. Doch viele Syrer leiden weiter. Insbesondere seit dem Revolutionsjahr 2011 geht das Regime mit ungeheurer Brutalität gegen seine Bürger vor. Nacht acht Jahren erbitterten Kampfes und rund einer halben Millionen Todesopfer hat sich das Assad-Regime nun gegen die Aufständischen durchgesetzt. Folter betrachtet es nach wie vor als selbstverständliches Instrument der Machtsicherung.

Stand: 03.06.2019, 15:15