Gerald Murnane - Landschaft mit Landschaft

Gerald Murnane - Landschaft mit Landschaft

Gerald Murnane - Landschaft mit Landschaft

Von Ulrich Rüdenauer

Erzähl-Mäander, Essais, unentzifferbare Parabeln: eine neue Übersetzung führt tiefer in die rätselhaften Räume des grandiosen australischen Schriftstellers Gerald Murnane.

Gerald Murnane
Landschaft mit Landschaft

Aus dem Englischen von Rainer G. Schmidt
Suhrkamp Verlag
Berlin 2020
400 Seiten
24 Euro

Ein Solitär in der literarischen Landschaft

Die New York Times widmete Gerald Murnane vor zwei Jahren ein sich über mehrere Seiten erstreckendes Porträt, das folgendermaßen anhob: Murnane sei der größte lebende Autor englischer Sprache, von dem die meisten Menschen allerdings noch nie etwas gehört hätten. Man muss weitergehen: Murnane ist ein Solitär in der literarischen Landschaft, die vielleicht außergewöhnlichste Erscheinung seit Franz Kafka, genauso enigmatisch wie Jorge Luis Borges, geheimnisvoll wie Italo Calvino, fast ebenso aus der Welt lebend wie Thomas Pynchon und mit so vielen sonderlichen Hobbys und Idiosynkrasien ausgestattet, dass man diesen Mann nur faszinierend finden kann. Lange vor Corona-Zeiten hat er sich in eine mehr oder minder strenge Isolation begeben. Er lebt in einem Kaff im australischen Bundesstaat Victoria, den er im übrigen kaum je verlassen hat:

In seinem Haus hat er eine riesige Sammlung aus Notizen, Fotos, Rennpferdstatistiken und weiteren Archivalien angelegt, penibel aufbewahrt in riesigen Schubfächern. Seine literarischen Werke handeln eigentlich allesamt von männlichen Ichs, die zumindest Teile der Persönlichkeit von Murnane in sich zu drehen und zu wenden scheinen; sie kreisen um Landschaften, die eigentlich unbeschreiblich sind, um Obsessionen wie Pferderennen. Die Handlungen seiner Bücher lassen sich kaum rekapitulieren, weil sie assoziativ aufgebaut scheinen, in Innenwelten spielen, die zusehends Labyrinthen ähneln, zugleich aber sind sie getragen von einer glasklaren Sprache. Privatmythologien werden immer wieder durchgespielt. Es sind mäandernde Erzählungen, die sich teils dem Essay annähern, teils wie unentzifferbarer Parabeln wirken. Mentale Bilder, sagte er einmal, seien das einzige ihm verfügbare Thema.

Gerald Murnane - Landschaft mit Landschaft

WDR 3 Buchkritik 19.05.2020 05:40 Min. Verfügbar bis 19.05.2021 WDR 3

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Junge Männer, die von einer Karriere als Schriftsteller träumen

Nun liegt nach "Die Ebenen" und "Grenzbezirke" sein drittes, wiederum von Rainer G. Schmidt ins Deutsche übersetzte Werk vor:

Gerald Murnane

Gerald Murnane

Ein Zyklus von Geschichten aus dem Jahr 1985, "Landschaft mit Landschaft". Zyklus trifft es sehr gut, weil darin eine Erzählung aus der anderen hervorgeht, ein Ich-Erzähler aus dem vorhergegangenen erwächst. Diese Erzähler sind meist junge Männer, die von einer Karriere als Schriftsteller träumen, nach Frauen Ausschau halten, die ihre Sehnsucht nach einer geradezu mythischen, nur im Innern existierenden, australischen Landschaft nachempfinden können; es sind Männer, die oft bis zur Bewusstlosigkeit Alkohol trinken, unnahbar sind und sich doch irgendwann ihr Scheitern eingestehen müssen. Das Streben nach Höherem und Desillusionierung wechseln sich ab.

"Ich versuchte nicht mehr, mir ein einheitliches Bild von dem zu machen, was mich umfasste. Ich hatte aufgehört, mir darüber Gedanken zu machen, wie etwas derart Vages wie ein Raum in meinem Innern mit etwas Besonderem gefüllt sein konnte. Ich hielt es für ein Zeichen meiner Reife, dass ich Paradoxe und Widersprüchlichkeiten in meinem Denken darüber, was ich war, aufrechterhalten konnte."

Am Ende, nach 400 Seiten, sind wir wieder am Anfang

Meist am Ende einer jeden Geschichte wird eine unveröffentlichte Erzählung des Möchtegern-Dichters erwähnt – die zum eigentlichen Kern seines Wesens vordringe, die beschreibe, was ansonsten verborgen bliebe. Diese Geschichte ist dann jene, die den Reigen fortsetzt. So scheint man immer tiefer in eine Persönlichkeit vorzudringen. Es ist wie bei einer Matrjoschka, und das Geheimnis wird von Text zu Text größer. Am Ende, nach 400 Seiten, sind wir wieder am Anfang angelangt. Und sind doch lesend andere geworden: Denn dieses geradezu manische Umkreisen eines katholischen Milieus, von verstörender Sexualität, postpubertärer Unbeholfenheit, das Faible für Sommersprossen, die Leidenschaft für das Unbändige, für eine Beatnik-Ästhetik, die aus dem Amerikanischen in die australischen Outbacks importiert wird, die Frage nach dem Australischen überhaupt, die Unmöglichkeit, jene fantasierten Landschaften zu erreichen –all das ist von größter Suggestionskraft. Es ist darin eine existenzielle Vergeblichkeit zu spüren, eine Peinlichkeit und Absurdität, die zuweilen einem bösen Witz gleichkommt und im nächsten Moment tiefer Verzweiflung.

"Was ich suchte, doch kaum jemals fand, war ein Eingang in der Wand oder ein Fenster zwischen den Vorhängen oder ein Spalt im Blattwerk. Beim Anblick einer solchen Öffnung stellte ich mir vor, sie führe auf einen Ort jenseits der grob ersonnenen Traumländer des Durchschnittsmenschen. Der Blick in diesen Ort könnte die gleiche angenehme Verwirrung ausgelöst haben, wie wenn man in einem Traum diese Stimme sagen hört: ‚Bis jetzt war alles ein Traum, doch das Folgende ist wirklich."

Wie lassen sich Träume aufrechterhalten?

Gerald Murnanes „Landschaft mit Landschaft“ ist wie ein Traum, auch wenn hier – anders als in vielen seiner Bücher – sehr konkrete Lebensläufe erzählt werden, eine gewisse Zeitstimmung Ende der 50er Jahre und der 60er Jahre in den Außenbezirken von Melbourne überspitzt eingefangen wird. Was passiert mit Menschen, die der Realität lesend begegnen und die nicht genau wissen, wie sie mit ihrer eigenen, ganz anders gearteten Wirklichkeit zu Rande kommen sollen? Wie lassen sich Träume aufrechterhalten, und sind diese zuweilen nicht sogar von einer übermäßigen Borniertheit und Brutalität? Wie soll man sich mit ein bisschen Raum zufriedengeben, wenn das innere Ich doch nach unbeschreiblichen Landschaften Ausschau hält? Keine dieser Fragen wird natürlich gelöst. Die Antwort aber besteht in der faszinierenden Literatur Gerald Murnanes selbst.

Stand: 17.05.2020, 14:40