Haruki Murakami - Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede

Hörbuchcover: Haruki Murakami - Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede.

Haruki Murakami - Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede

Von Christel Wester

Schreiben und Laufen sind für den japanischen Bestsellerautor untrennbar verbunden. Frank Arnold liest Murakamis sehr persönlichen Essay über das Laufen als poetische Inspiration.

Haruki Murakami: Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede.
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe.
Ungekürzte Lesung von Frank Arnold.
Hörbuch Hamburg
1 mp3-CD, 304 Minuten Laufzeit.

Haruki Murakami "Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede"

WDR 3 Buchkritik 13.08.2020 06:05 Min. Verfügbar bis 13.08.2021 WDR 3

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Ziel: Der New York-City Marathon

"Dies ist ein Buch über meine Erfahrungen als Läufer und ganz gewiss kein Fitnessratgeber, in dem ich meine Leser auffordere: Tun Sie etwas für Ihre Gesundheit und laufen Sie täglich. Stattdessen habe ich meine Gedanken darüber gesammelt, was Laufen für mich persönlich bedeutet."

Haruki Murakamis autobiografischer Essay "Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede" entstand, als er nach einer längeren Laufkrise das tägliche Training wieder aufnahm. Das war im Sommer 2005.

"Gestern ging der August zu Ende. In diesem Monat, 31 Tage, bin ich insgesamt 350 Kilometer gelaufen. Juni: 260 Kilometer, pro Woche 60 Kilometer. Juli: 310 Kilometer, pro Woche 70 Kilometer. August: 350 Kilometer, pro Woche 80 Kilometer. Mein Ziel ist der New York-City Marathon."

Lauftagebuch als Selbstoffenbarung

Der Autor begann eine Art Lauftagebuch zu führen, um herauszufinden, was ihn antrieb. Schließlich war er, mit nur einer einzigen Unterbrechung, seit über 20 Jahren ein ehrgeiziger Langstreckenläufer, der einmal sogar einen 100-Kilometer-Ultramarathon absolviert hat.

"Vielleicht hat es etwas mit Pedanterie zu tun, aber ich kann viele Dinge nur begreifen, indem ich meine Gedanken zu Papier bringe. Ich muss verfassen, um zu erfassen. Was Laufen für mich bedeutet, musste ich mir sozusagen durch meine Hände Schreibarbeit verdeutlichen."

Eine persönliche Selbstbefragung gewinnt im Hörbuch eine besondere Intimität, wenn der Vorleser in die Haut des Autors schlüpft und ihm seine Stimme leiht. Doch das erfordert Sensibilität für die Persönlichkeit des Schriftstellers. Denn Haruki Murakami ist eher ein zurückhaltender Mensch, der selten Interviews gibt und dem Seelenstriptease fernliegt. Vielmehr lassen seine zwischen Realismus, Fantastik und Wahnsinn changierenden Romane auf einen kühlen Kopf schließen. Frank Arnold trifft genau den richtigen Ton und hält die Balance zwischen Nüchternheit und Emotionalität, selbstironischer Distanz und ehrlichem Offenbarungswunsch, den der Autor seinen Leserinnen und Lesern gegenüber an den Tag legt.


"Was ich hier zeigen möchte, bin ich: der Mensch, der ich bin."

Laufen verändert das Schreiben

Haruki Murakamis Essay über das Laufen ist im japanischen Original bereits 2007 und in deutscher Übersetzung 2008 erschienen. Doch dieses autobiografische Buch hat seine Relevanz nicht verloren. Der Langstreckenläufer gewährt hier intime Einblicke in einen Schriftstelleralltag, der sich nicht sonderlich stark unterscheiden dürfte von dem seiner nicht laufenden Kolleginnen und Kollegen. Denn das Schriftstellerdasein erfordert eine Menge Durchhaltevermögen und Disziplin.

"Ein Schriftsteller braucht, zumindest wenn er einen Roman verfassen will, die Kraft, sechs Monate, ein Jahr, zwei Jahre lang jeden Tag angestrengt zu arbeiten. … Man muss täglich schreiben, man darf nie aussetzen, damit der Organismus die Informationen speichert, die man dazu braucht. Dann wird man seine Grenzen ganz allmählich erweitern."

Während Haruki Murakami sein Lauftraining analysiert und seine Leser mitnimmt zu Marathons auf der ganzen Welt, lässt er gleichzeitig seinen Werdegang als Romancier Revue passieren.

"Wäre ich, als ich Schriftsteller wurde, nicht zugleich auch Langstreckenläufer geworden, hätten sich meine Werke sicherlich von meinen jetzigen unterschieden. Aber konkret in welcher Hinsicht unterschieden? Ich weiß es nicht. Aber sie wären sehr anders geworden."

Die Essenz des Laufens

Kritisch blickt Haruki Murakami auf seine ersten beiden Romane, die er geschrieben hat, als er noch einen Jazz-Club in Tokyo betrieb. Die Bücher erschienen in Japan 1979 und 1980, kamen sofort gut an, aber Murakami hat sie lange nicht für Übersetzungen freigegeben. Erst bei seinem dritten Roman "Wilde Schafsjagd" hatte er das Gefühl, seinen Ton gefunden zu haben, obwohl die Rezensionen in Japan eher negativ ausfielen. Trotzdem konzentrierte sich Murakami nun aufs Schreiben und gab den Jazz-Club auf. Prompt bekam er Gewichtsprobleme. So kam er zum Laufen.

"Das meiste über mich selbst und über das Schreiben von Romanen habe ich durch mein tägliches Lauftraining gelernt. Auf natürliche, physische, praktische Weise. Wie stark darf ich mich antreiben, ohne mich zu überfordern? Wie viele Pausen brauche ich? Ab wann wird die Ruhe zu viel? Wie weit kann ich meine Meinung verfolgen? Ab wann wird es engstirnig? Wie tief darf ich in mein Inneres eintauchen, ohne mir der äußeren Welt bewusst zu sein? Bis zu welchem Grad darf ich auf meine Fähigkeiten vertrauen und wann sollte ich an mir zweifeln?"

Laufen und Schreiben sind für Haruki Murakami Tätigkeiten, für die man bestimmte Techniken erlernen und regelmäßig trainieren muss, die Kraft und Ausdauer erfordern und dennoch immer wieder an Grenzen führen und mit Sinnkrisen konfrontieren.

"Sich selbst bis an seine persönlichen Grenzen zu verausgaben, ist die Essenz des Laufens – und eine Metapher für das Leben überhaupt. Und für mich auch für das Schreiben."

In Form von Erinnerungen und Anekdoten, Selbstreflexionen und philosophischen Betrachtungen erzählt dieses Lauftagebuch von Erfolgen und Rückschlägen, Glücksmomenten und qualvollen Kämpfen. So ist eine sehr persönliche Werkbiografie entstanden, die Frank Arnold mit einer konzentrierten Gelassenheit zu Gehör bringt, sodass man glaubt Haruki Murakami selbst zuzuhören.

Stand: 11.08.2020, 15:58